Die Runde der Unsichtbaren


„Schau nie auf jemanden herab, es sei denn, Du hilfst ihm auf“ – Studenten der Uni La Laguna haben dies begriffen und umgesetzt. Foto: Pixabay

Studenten schließen sich zusammen, um Obdachlose zu versorgen

Teneriffa – Jesús Socas ist Student an der Universität La Laguna. Auf seinem täglichen Weg zum Unterricht kam er regelmäßig an einem Obdachlosen vorbei, der lesend auf einer Parkbank saß. Eines Tages bemerkte er, dass er und der Mann auf der Bank das gleiche Buch lasen und setzte sich einfach zu ihm. Aus diesem ersten Gespräch entwickelte sich im Laufe des Studienjahres eine Freundschaft. Jeden Freitagnachmittag spendierte Jesús seinem anonymen Freund ein Brot, und sie sprachen über Literatur. Im Laufe der Monate stellte der junge Mann fest, dass nicht das Butterbrot, sondern die Zeit, die er mit dem Obdachlosen verbrachte, seinen Gesprächspartner erfreute.

Als er seine kleine Gesprächsrunde nach den Sommerferien erneut aufnehmen wollte, stellte er mit großem Bedauern fest, dass sein jetzt nicht mehr anonymer Freund verstorben war.

In dem Bewusstsein, dass die Menschen, die alles Materielle im Leben verloren haben, am meisten unter dem sozialen Ausschluss und dem Verlust ihrer Selbstachtung und Menschenwürde leiden, entschloss sich Socas, eine Hilfsgruppe zu gründen, die den Namen „Invisibles“ (die Unsichtbaren) trägt. Ihr Ziel ist es, diese „unsichtbaren“ Menschen sichtbar zu machen.

Die Organisation, der bis heute sechzig Mitglieder – und zwar ausschließlich Studenten – angehören, macht jeden Freitagabend ihren Rundgang durch Santa Cruz. Dort versorgen sie sechzehn Obdachlose mit Essen, Decken und Hygieneartikeln, aber vor allem führen sie Gespräche und vermitteln menschliche Nähe. Die Obdachlosen werden nicht mit Essensresten beköstigt. Die jungen Helfer kochen die Mahlzeiten zu Hause und berücksichtigen sogar, wenn möglich, die Vorlieben ihrer „Tischgäste“. Die Lebensmittel erhalten sie durch eine Art Tauschhandel unter dem Motto „ein Buch für Lebensmittel“. Und wenn die Vorräte tatsächlich mal ausgehen, wird ein Aufruf über Facebook gemacht.

Abgesehen von der menschlichen Seite der Betreuung werden auch praktische Informationen wie Übernachtungs­gelegen­- heiten gegeben, aber die städtische Herberge von Santa Cruz findet bei diesen Personen wenig Anklang. Viele von ihnen sind dort schon bestohlen worden.

Der Wunsch dieser jungen solidarischen Menschen ist es, die Klischees unserer Gesellschaft zu durchbrechen, denn auch ein Obdachloser freut sich, wenn er gegrüßt wird. Denn die Einsamkeit ist eines der großen Übel unserer Gesellschaft.




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