Bumerang: Riveros Vorwürfe fallen auf die Kanarenregierung zurück


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Kanarenpräsident wirft Familien vor, ihre pflegebedürftigen Angehörigen im Krankenhaus zurückzulassen und rückt damit den Pflegenotstand in den Fokus

Der Präsident der Kanarenregierung, Paulino Rivero, hat moniert, dass in den Krankenhäusern des Archipels rund 400 Betten durch Patienten blockiert seien, die entlassen werden könnten, jedoch von ihren Familien nicht abgeholt würden.

Damit hat er ungewollt den akuten Pflegenotstand, der in Spanien herrscht, ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Für einen Großteil der Kranken, die aus dem Krankenhaus entlassen werden, aber nicht gesund genug sind, um nach Hause zurückzukehren, herrscht ein Mangel an adäquater Pflege bis hin zur Vernachlässigung.

Während Paulino Rivero gegenüber Radio Cadena Ser durchblicken ließ, es handle sich um ein „kulturelles Problem“ und einige Familien hätten einfach keine Lust, sich ihrer pflegebedürftigen Angehörigen anzunehmen, sieht die überregionale Tageszeitung El País das Problem eher in den Mängeln des spanischen Gesundheitssystems und des sozialen Netzes begründet. Ein Krankenhaus behandle in erster Linie akute Krankheitsprozesse und entlasse die Patienten, nachdem sie stabilisiert seien. Für diejenigen, die eine langwierige Rekonvaleszenz vor sich hätten, Rehabilitationsmaßnahmen oder ständige Behandlung bräuchten, würden dann Plätze in Pflege- oder Rehabilitationseinrichtungen benötigt. Da es davon viel zu wenige gibt, verweigerten sich viele Familienangehörige der Entlassung der Kranken nach Hause.

Viele Patienten können auch deshalb das Hospital nicht verlassen, weil die Genehmigung von Pflegezuschüssen Monate, manchmal sogar Jahre dauern kann.

Schätzungen verschiedener Institutionen besagen, dass bis zu 50 % der in Spanien zur Verfügung stehenden Betten in öffentlichen Krankenhäusern durch chronisch kranke Patienten belegt sind, die besser und kostengünstiger in anderen Einrichtung untergebracht wären und sehen an dieser Stelle ein Einsparpotential von bis zu 1,5 Milliarden Euro für das Gesundheitswesen.

Was die mittel- und langfristige Betreuung chronisch Kranker angeht, bildet Spanien das Schlusslicht der OECD-Staaten, wie aus einem Bericht zur Lage des spanischen Gesundheitssystem von PricewaterhouseCopper hervor geht.

Laut Weltgesundheitsorganisation sollten pro 1.000 Einwohner über 65 Jahre 50 Betten für Langzeitbetreuung zur Verfügung stehen. Spanien schafft es im Schnitt gerade mal auf 31,1 Plätze. Auf den Kanarischen Inseln sind von den 7.663 Betten in den 12 öffentlichen und 11 privaten Krankenhäusern nur 200 für Langzeitpatienten vorgesehen. Damit sind die Inseln weit von europäischen Standards entfernt.

Der kanarische Gesundheitsdienst (Servicio Canario de Salud) bestätigte die Schätzung Riveros übrigens und räumte ein, dass tatsächlich 390 stationäre Patienten nicht entlassen werden können, weil sie entweder keine Angehörigen haben und mittellos sind oder ihre Angehörigen sich nicht um sie kümmern können bzw. keinen Pflegeplatz für sie bekommen.




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