Babyraub


© Parlamento de Canarias

Kanarenparlament fordert gründliche Untersuchung der kriminellen Vorgänge in Kliniken und Kinderhorten

Das Kanarenparlament gibt den Opfern des organisierten Säuglings- und Kinderraubes, der unter Franco und in den ersten Jahren der Demokratie Tausende Familien auseinandergerissen hat, endlich eine Stimme und fordert eine polizeiliche Sonderkommission.

Kinder aus armen Familien, die in die Obhut von Nonnen gegeben worden waren, verschwanden in der Vergangenheit in großer Zahl auf Nimmerwiedersehen, und mittellosen oder ledigen Gebärenden wurde in Geburtskliniken weisgemacht, ihre Babys seien bei der Geburt gestorben. Bis heute schaut die Justiz weg und behandelt die wenigen privaten Anzeigen als Einzelfälle.Nun hat das Kanarenparlament einstimmig einen Entschließungsantrag verabschiedet, der von allen Fraktionen gemeinsam eingebracht wurde. Dieser erklärt den Babyraub, der in ganz Spanien jahrzehntelang betrieben wurde, zum „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und fordert die Zentralregierung auf, eine landesweite genetische Datenbank einzurichten und alle DNA-Untersuchungen zu wiederholen. Das Abgeordnetenhaus richtet zudem einen dringenden Aufruf an die spanische Regierung und die Staatsanwaltschaft, eine „effektive und reale“ Untersuchung aller Fälle von gestohlenen Säuglingen, die sich während der Diktatur und in den ersten Jahren der Demokratie ereigneten, einzuleiten. Die Ermittlungen sollen auf die Kirchenarchive und die Kliniken, in denen die Säuglinge verschwanden, ausgedehnt und die Mitwirkung der Kirche eingefordert werden. 

Weiterhin wird beantragt, den 30. August zum „Gedenktag an die gestohlenen Babys und ihre Familien“ zu erklären, und so zu versuchen, das Andenken an ein Drama zu bewahren, welches Tausende Familien in ganz Spanien betrifft. Im Entschließungsantrag wird vorgeschlagen, eine Polizeikommission für die Suche der gestohlenen Babys ins Leben zu rufen, so wie es Argentinien in den Achtzigerjahren mit Erfolg vorgemacht hat. Darüber hinaus wird ausdrücklich anerkannt, dass die Kinder, die ihren Müttern entrissen, verkauft und illegal adoptiert wurden, ebenso Opfer der Taten sind wie der Rest ihrer Familien. Mit dieser Entschließung bringt das Kanarenparlament seinen Willen zum Ausdruck, die Opfer „dieser schweren Verbrechen“ und deren Interessenvertretungen weiterhin zu unterstützen. 

Von der Besuchertribüne des Parlaments aus verfolgten etwa hundert Betroffene und Mitglieder der Organisation „Colectivo Sin Identidad“ aus ganz Spanien mit großer Aufmerksamkeit die Sitzung, die einen Paradigmenwechsel im Umgang mit dem jahrzehntelangen Unrecht einläuten könnte. Bisher wurde der Kinderraub nie im Zusammenhang untersucht, sondern jeweils als Einzelfall behandelt und wegen der schwierigen Beweislage oft nicht mit ausreichendem Nachdruck verfolgt. 

Handel mit Säuglingen

Der organisierte Säuglings- und Kindesraub zog sich über fast ein halbes Jahrhundert von den Vierziger- bis Anfang der Neunzigerjahre hin. Unter Franco fand er zunächst aus ideologischen Gründen statt, nach gerichtlichen Schätzungen wurden Andersdenkenden in den Gefängnissen der Diktatur 30.000  Kinder brutal entrissen. Später ging es vermehrt darum, die Adoptionswünsche wohlhabender Familien zu erfüllen. Nicht selten wurde ledigen oder aus anderen Gründen wehrlosen Frauen nach der Entbindung im Krankenhaus vorgelogen, ihre Kinder seien bei der Geburt verstorben. Nonnen, die mit der Betreuung von Kindern armer Familien und lediger Mütter be- traut waren, gaben diese einfach weg, obwohl die Eltern einer Adoption nicht zustimmten. Diese konnten sich später im Allgemeinen nicht wehren, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlten, um zu klagen, und weil Kirchen und Krankenhäuser keine Informationen herausgaben. 

Insgesamt sollen mindestens 200.000 Kinder und Säuglinge ihren Familien entrissen worden sein. Bis heute liegen rund 4.000 Anzeigen von Eltern vor. Diese werden jedoch auch heute noch nicht mit dem angemessenem Nachdruck untersucht. Interessengemeinschaften der Betroffenen kämpfen seit Jahren darum, dies zu ändern. Mittlerweile sind viele der Schuldigen schon verstorben, ohne jemals für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.  

Eine zentrale Figur bei den illegalen Adoptionen war die Nonne  Sor María Valbuena  vom Orden der Hijas de la Caridad, deren Unterschrift in mehreren Hundert Adoptionspapieren auftaucht. Sie wurde 2012 wegen Freiheitsberaubung und Urkundenfälschung angeklagt. Sie verstarb jedoch vor Prozessende in Alter von 87 Jahren.  

Neue Hoffnung

Miguel Ángel Rodríguez, Anwalt des „Colectivo Sin Identidad“, begrüßt es, dass nun zum ersten Mal ein Regionalparlament die Notwendigkeit einer gründlichen Untersuchung dieser Problematik anerkennt: „Wir fordern, dass der Staat die Initiative ergreift, denn es liegt nicht in der Zuständigkeit der Opfer zu ermitteln. Das müssen die Stellen tun, die über die notwendigen Mittel verfügen.“ 

Francisco Déniz, Abgeordneter von Podemos im Kanarenparlament, äußerte sich ebenfalls zufrieden über die ein- stimmige Verabschiedung der Entschließung, bemängelte jedoch, dass die Eliten des Franco-Regimes und der Kirchen, die damals vom Verkauf der gestohlenen Kinder profitiert hätten, nicht erwähnt werden. Diese dürften nicht weiterhin straffrei bleiben. Emilio Moreno von der PP erklärte dagegen, der Babyhandel sein ein „wahrhaftes Drama“, dass 50 Jahre angedauert habe, und die ganze Gesellschaft beschämen müsse. 

„Hattest du ein Kind, das tot geboren wurde?“ 

Trotz der modernen Möglichkeiten, durch DNA-Abgleich  Verwandtschaftsverhältnisse festzustellen, haben sich bisher nicht einmal zwei Dutzend der mittlerweile erwachsenen geraubten Kinder wieder mit ihren Familien vereinen können. 

Ein Beispiel sind Carlos Santana (35) und Esperanza Regalado (55), die sich 2014 über die sozialen Netzwerke wiederfanden. Santana war unerwartet auf das Geheimnis seiner Herkunft gestoßen. Bei der Sichtung familiärer Dokumente stieß er zufällig auf die Ausweiskopie einer unbekannten Frau. Er maß dem Fund zunächst keine Bedeutung bei, behielt das Papier jedoch bei sich. Ohne selbst zu wissen warum, begann er einige Zeit später zu recherchieren. 

Er selbst war auf Gran Canaria aufgewachsen, die mysteriöse Frau lebte auf Teneriffa. Seine Nachforschungen führten ihn letztlich zu der Vermutung, dass er selbst eines der geraubten Kinder sein könnte. Er nahm mit Esperanza Regalado über Facebook Kontakt auf und fragte schließlich: „Hattest du ein Kind, das tot geboren wurde? Das bin ich.“ 

Seitdem versuchen die beiden, etwas von der verlorenen Zeit aufzuholen. Carlos Santana hat seine fünf jüngeren Geschwister  kennenge- lernt. Mutter und Sohn telefonieren so oft wie möglich. Zur Taufe ihres Enkels war Esperanza auf Gran Canaria zu Gast.




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