„Abgeschoben ins Niemandsland“


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Sahrauische Aktivstin Aminatou Haidar: Seit mehr als zwei Wochen am Flughafen Lanzarote im Hungerstreik

Aminatou Haidar ist die wohl bekannteste sahrauische Freiheitskämpferin und Menschenrechtsaktivistin. Wegen ihres gewaltfreien Kampfes für ihr Volk wird sie auch „Ghandi der Westsahara“ genannt. Sie setzt sich als politische Aktivis­tin dafür ein, dass die Demokratische Arabische Republik Sahara Wirklichkeit wird und die Westsahara sich so defi­nitiv von Marokko abspalten kann.

In ihren 43 Jahren hat Aminatou schon so einiges mitgemacht. Wegen ihrer pro-Sahrauischen Ideologie wurde sie verfolgt und von marokkanischen Politikern unterdrückt. 1987 nahm sie im Alter von 21 Jahren an einer friedlichen Demonstration teil, in der sie zusammen mit 700 anderen Teilnehmern ein Referendum für die Unabhängigkeit der Sahara von Marokko forderte. Danach war sie vier Jahre lang in einem Geheimgefängnis inhaftiert. Zusammen mit anderen sahrauischen Frauen wurde sie gefoltert. 2005 wurde sie von der marokkanischen Justiz zu sieben Monaten Haft im be­rüchtigten Schwarzen Gefängnis in El Aaiun verurteilt. Ein Beobachter von Amnesty International brachte damals zur Anzeige, dass das Gerichtsverfahren voller Fehler gewesen war und bezeichnete Aminatou als „Prisoner of conscience“. Mitglieder des Europäischen Parlaments starteten eine Kampagne zur Freilassung der Aktivistin. Nach über einem Monat Haft wurde Aminatou im Januar 2006 entlassen. Ihre Freilassung belebte zum großen Missfallen der marokkanischen Regierung die sah­rauische Unabhängigkeitsbewegung. 

Seit dem 13. November ist Aminatou wieder in den Focus des Interesses – auch des internationalen – gerückt. An diesem Tag traf sie an Bord einer aus New York kommenden Maschine auf dem Flughafen von El Aaiun ein, wo ihr die Einreise verweigert und der Pass abgenommen wurde. Die dortigen Behörden hatten es als Provokation aufgefasst, dass Aminatou in ihrem Einreiseformular „Westsahara“ als Heimatland angegeben hatte. Nach Spanien abgeschoben sitzt sie seither auf dem Flughafen Guacimeta auf Lanzarote fest – nur rund 200 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, wo ihre beiden Söhne warten. Abgeschoben ins Niemandsland, so fühlt sich Aminatou und so bezeichnete sie ihre Lage auch gegenüber der Vertreterin des „Robert F. Kennedy Center for Justice and Human Rights“, die extra nach Lanzarote reiste, um ihr beizustehen und sogar eine Nacht mit Aminatou im Außenbereich des Flughafens verbrachte. Tagsüber schlägt die Aktivistin ihr Lager im Flughafengebäude auf, doch nachts wird der Flughafen geschlossen und sie muss im Freien bleiben. Doch Aminatou gibt nicht auf. Seit dem 14. November nimmt sei keine Nahrung mehr zu sich. Der Hungerstreik hat sie mittlerweile so stark geschwächt, dass sie sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen kann und die meiste Zeit liegend auf einer Matratze verbringt. Doch sie gibt sich noch längst nicht geschlagen.

„Ein spanischer Pass würde mich zur Ausländerin im eigenen Land machen“

Je schwächer sie körperlich wird, umso stärker scheint sie psychisch zu werden. „Ich werde so lange hungern, bis mich die spanische Regierung nach Marokko zurückbringt, oder bis zum Tod“, kündigte sie an. Spanien beschuldigt sie der Komplizenschaft: „Ich hätte nie gedacht, dass die spanische Regierung diese schmutzige Rolle übernimmt, um Marokko einen Gefallen wie diesen zu tun. Mich wundert es nicht, dass Marokko die Menschenrechte missachtet, aber ich dachte nie, dass die spanische Regierung dies tun würde“, sagte Aminatou Haidar der Tageszeitung El País eine Woche nachdem sie in Hungerstreik getreten war.

Tatsächlich schien die Regierung Zapatero von Anfang an mehr an der Aufrechterhaltung der guten Beziehungen zu Marokko interessiert, als an einer Lösung des Konflikts zugunsten der Menschenrechtlerin.

Auf Lanzarote fand bereits in der ersten Woche von Haidars Streik am Flughafen eine Solidaritätsbekundung statt, an der über 400 Personen teilnahmen. Auch zahlreiche Prominente, darunter Sänger und Schausspieler, sind zum Flughafen gekommen, um sie zu unterstützen. Andere wie Javier Bardem tun es aus der Ferne. Er nannte den spanischen Staat einen „Feigling“ und bezeichnete die „diplomatische Blindheit“ als ein „Armutszeugnis“.

Ende November kam schließ­lich das Angebot der spanischen Regierung, ihr einen spanischen Pass auszustellen. Außenminister Miguel Ángel Moratinos schickte einen Vermittler seines Ministeriums nach Lanzarote, der mit Haidar verhandeln sollte. Agustín Santos trat am 30. November nach einer längeren Unterredung mit Aminatou Haidar – die aufgrund von Schwächeanfällen der Hungerstreikenden immer wieder unterbrochen werden musste – ohne Neuigkeiten vor die Presse. Frau Haidar habe sämtliche Angebote der Regierung, um ihr einen Ausweg zu bahnen, ausgeschlagen, sagte er. Auch das Angebot, ihr einen spanischen Pass auszustellen, mit dem sie in die Westsahara einreisen könnte, lehnte sie mit der Begründung ab, damit würde sie sich zur Ausländerin im eigenen Land machen. Vom Flüchtlingsstatus will Haidar ebenso wenig wissen. Sie will als Bewohnerin der Westsahara in ihr Land zurückkehren.

Seit 34 Jahren gilt die Westsahara als integraler Bestandteil des Königreichs Marokko. Nach dem Ende der spa­nischen Kolonialzeit 1975

annektierte Marokko das 266.000 Quadratkilometer große Gebiet. Die bereits zu spanischen Kolonialzeiten entstandene Befreiungsfront der Sahrauis, die „Frente Polisario“, kämpft für einen unabhängigen Staat, die Demokratische Arabische Republik Sahara, auf dem gesamten Territorium von Westsahara. 14 Jahre lang dauerte der Krieg mit der „Frente Polisario“, der erst 1991 mit einem Waffenstillstandsabkommen beendet wurde. Die von den Vereinten Nationen verlangte Durchführung eines Referendums über den endgültigen völkerrechtlichen Status des Gebietes kam nie zustande. Äussers­tes Zugeständnis Marokkos ist das Angebot der Autonomie des Gebietes unter marokkanischer Souveränität.

Bis heute leben etwa 100.000 Sahrauis in vier Flüchtlingslagern nahe der Stadt Tindouf in der algerischen Sahara. Das Gebiet von Westsahara ist durch eine befestigte und verminte Grenzanlage geteilt. Diese wurde von Marokko entlang der Waffenstillstandslinie errichtet.

Wie lange Aminatou Haidar ihren hartnäckigen Kampf noch durchhalten kann, und wie lange die spanischen und marokkanischen Behörden noch zusehen werden, ist fraglich. Eine Aufgabe von Seiten der unbeirrbaren Aktivistin scheint unwahrscheinlich. Zu hart hat sie in ihrem Leben schon für ihre Ideale ge­kämpft. Im Interview mit El Pais sagte sie: „Ich habe zwei Kinder, aber ich habe auch meine Menschenwürde, die über meinen Kindern steht. Was geschehen ist, ist ein Angriff auf meine Würde, den ich nicht tolerieren kann. Zwischen meinen Kindern und meiner Würde entscheide ich mich für meine Würde. Meine Kinder werden ohne Mutter leben, aber in Würde.“




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