Das große Kanarenrätsel

Persönlichkeiten, Orte, Ereignisse, Begriffe aus Geschichte, Kunst, Kultur, Wissenschaft, Kulinarik… Alles kann sich hier verbergen.

Übrigens: Die Lösung zu unserem Inselrätsel, Ausgabe 463, gibt es bereits am Kiosk in der aktuellen Ausgabe 464.

In jedem Jahr werde ich seit Anfang des Jahrtausends in Gran Canarias Inselhauptstadt zum Jahresende gebaut und in jedem Jahr werde ich neu in dieser Zeit am Anfang dieses Monats erbaut. Von Baumeistern aus der ganzen Welt, mich haben schon Menschen zum Beispiel aus den Vereinigten Staaten, Italien, Australien, Frankreich, Kanada und Lettland erschaffen. Mit dem Baumaterial, das hier in meiner Gegend reichlich vorhanden ist und bei Bedarf zeitnah nachgeliefert werden kann. Ich habe leider noch nicht nachgewogen, nachgemessen und nachgezählt, aber angeblich werden in jedem Jahr zweitausend Tonnen Material auf eintausend Quadratmetern für zweihunderttausend Besucherinnen und Besucher verbaut. Und im nächsten Jahr wieder neu, neue zweitausend Tonnen auf den gleichen zweitausend Quadratmetern für neue Leute. Neu, aber nicht, weil sich Architekten streiten und mich einer von ihnen abreißen lässt, auch nicht, weil eine Designerin mich plötzlich nicht mehr hübsch findet, mir wichtige Genehmigungen fehlen oder ich irgendwelche Prüfungen nicht bestanden habe – eines Tages bin ich einfach nicht mehr da. Durch Wind, Regen, Sturm und ein paar Kinder, die sich ein Stück aus mir herausschaufeln und mitnehmen. Vielleicht sollte ich einmal testen, ob ich bis zur nächsten Weihnachtszeit durchhalten könnte, mir eine riesengroße Jacke anziehen, in einen Carport rutschen und um mildes Wetter bitten. Es ist jedenfalls vorteilhaft, dass die Menschen mich für die Ewigkeit fotografieren, die Fotos ins Internet schieben und mir sogar eine eigene Briefmarke widmeten. So bin ich immer noch da, auch wenn ich schon wieder weg bin. Weil ich für einen Besuch nichts nehme, die Leute aber trotzdem etwas geben, sammele ich durch mich in jedem Jahr viel Geld und auch viele Kilogramm Lebensmittel, die ich dann natürlich nicht selbst esse, sondern durch Freunde den Bedürftigen zukommen lasse, damit auch sie so etwas von mir haben. Außerdem dürfen Schulkinder und ganze Familien an mir lernen, wie man mich baut … Wer oder was bin ich?

Wer oder was bin ich?

(von JENS KLAUSNITZER)