Wandern und Entdecken: Über die Ramblas (und weiter)


Rambla de Castro

Rambla? Das hört sich eher nach Prachtstraße und Boutiquen an als nach Wandern und Entdecken, eher nach Barcelona mit seinen bekannten Boulevards oder wenigstens nach einer der wichtigsten Verkehrsachsen von Santa Cruz, der Hauptstadt Teneriffas. Selbstverständlich gäbe es auch dort für Fußgänger einiges zu entdecken, aber daneben gibt es noch andere Ramblas auf unserer Insel. Um diese geht es jetzt. Die bekannteste ist vermutlich die Rambla de Castro, ein Gebiet in der Nähe von Los Realejos im Norden der Insel, wo man praktisch ganzjährig Wanderern oder auch Spaziergängern begegnet. Denn diese Rambla ist einerseits Teil eines schönen Weges von Puerto de la Cruz entlang der Küste nach Westen und andererseits nach einem etwas steilen Abstieg vom Mirador de San Pedro auch für Spaziergänger erreichbar. Einigermaßen feste Schuhe sollten diese allerdings für den ers­ten Wegabschnitt schon an den Füßen haben. Die eigentliche Rambla ist dann aber wie ein Landschaftspark, wo man bequem gehen kann. Daneben gibt es im Norden weitere Ramblas, der Ort San Juan liegt sogar auf einer und ist nach dieser benannt. Was also ist eine Rambla? Und warum gibt es im Norden eine kleine Anhäufung von ihnen?

Das Wort selbst hat seinen Ursprung in der arabischen Sprache, was im Spanischen gar nicht so selten ist. Schließlich beherrschten Araber bis ins 15. Jahrhundert große Teile der Iberischen Halbinsel. Erst mit ihrer endgültigen Vertreibung begann 1492 die Entstehung des spanischen Königreichs und anschließend des spanischen Weltreichs, „in dem die Sonne niemals unterging“, weil es die gesamte Erdkugel umspannte. Die ersten Eroberungen zu diesem Reich waren die Kanarischen Inseln. Und die neuen Herren brachten mit ihrer Sprache auch ihre bisherigen Begriffe mit. So entstanden neue oder abgewandelte Bedeutungen mancher Worte, die bis heute noch fortbestehen. „Rambla“ ist ein solches Wort.
Im Arabischen meint „ramla“ ein Flusstal, das den größten Teil des Jahres trocken und weitgehend wasserfrei ist, das man deswegen meistens gut als Straße nutzen kann. Davon leitet sich der Begriff der breiten, zum Meer führenden Prachtstraßen der Metropolen ab. Wegen der gelegentlichen und teilweise auch heftigen Überflutungen dieser Flusstäler wurde der Begriff aber auch für Landstriche benutzt, die in einer ansonsten trockenen Umgebung durch Quellen und Bäche feucht gehalten wurden. Und genau das trifft auf die Ramblas in Teneriffas Norden zu. Diese befinden sich nämlich alle unterhalb eines wichtigen Quellhorizonts in der Nähe der Küste. Die Quellen selbst befinden sich meistens in etwa 70 bis 80 m Höhe über dem Meer. Sie treten dort in der Regel aus Steilwänden aus und bewässern den vor ihnen liegenden einigermaßen flachen Landstrich, sodass dort ganzjährig reichlich Pflanzen wachsen. Ganz anders als in der Umgebung mit ihrem ungünstigem Wüstenklima, die sich ursprünglich nur als karge Ziegenweide eignete. Kein Wunder, dass die Ramblas bei der Aufteilung des Landes unter den Anführern der spanischen Eroberer nach erfolgreicher Unterwerfung der Ureinwohner besonders begehrt waren. Schließlich ging es damals in erster Linie um den Anbau von Zuckerrohr und die Herstellung dieses begehrten „weißen Goldes“. Für beides brauchte man reichlich Wasser, und so konnte sich die Familie Castro üppig und gut bedacht fühlen, als ihr diese Rambla zugeteilt wurde. Mit solch einem Land konnte man schnell sehr reich an Geld und Einfluss werden, obwohl es gar nicht so richtig groß war. Leider gingen damals diese Rechnung und Erwartung nicht sehr lang auf; denn schon nach wenigen Generationen produzierten Auswanderer von unseren Inseln zu wesentlich günstigeren Konditionen Zucker in der Karibik. Das führte damals zur ersten Wirtschaftskrise auf den Kanaren.
Geologisch sind die Ramblas Zeugen lang zurückliegender Ereignisse. Zunächst könnte uns dort beim Wandern schnell auffallen, dass sie zum Meer hin durchgängig von einer Steilküs­te begrenzt werden. Das weist darauf hin, dass sich dieses Land einst weiter nach Norden in den Ozean hinein ausgedehnt hatte und seitdem nach und nach durch die Wellen beständig wieder abgegraben wurde. Nach Süden werden die Ramblas ebenfalls durch steile Wände begrenzt. Diese überragen die Terrassen der Ramblas um mehrere Hundert Meter. Sie sind Res­te einer viel älteren Küste und auch älter als die Ramblas, auf denen wir wandern. Denn hier, knapp 100 m unterhalb unserer Füße, brandete ursprünglich das Meer gegen die Insel und hatte sie bereits weit zurückgedrängt. Dadurch ist diese „fossile“ Steilküste auch deutlich höher als die aktuelle aktive Küste. Die Rambla selbst entstand dadurch, dass weit oben auf der Insel Vulkane ausbrachen, deren Lava über die Steilstufen oder durch deren Schluchten ins Meer floss, dieses weit zurückdrängte und neues Land schuf. Das geschah in der längeren Vergangenheit mehrfach, weshalb wir, von Puerto de la Cruz kommend, zwischen der Siedlung La Romántica 1 und San Vicente beim Abstieg zur Holzbrücke über den Barranco de Godinez mehrere übereinander geschichtete Basaltdecken erkennen können.
Für die meisten ist der Mirador de San Pedro mit seinen Einkehrmöglichkeiten und dem beeindruckenden Panoramablick das Ziel ihrer Wanderung. Anstatt dorthin aufzusteigen, kann man aber auch hinter dem Landsitz der Castros weitergehen, bis man schließlich einen Abstieg zur Küste kurz vor der beliebten Playa del Soccorro erreicht. Man könnte dort baden oder am anderen Ende des Strandes weitergehen, bis uns ein kleiner Weg den Aufstieg zur Rambla de los Caballos ermöglicht. Von dort geht es zwischen malerischen alten Häusern bequem bis nach San Juan de la Rambla und seinen Fischrestaurants an der Küste. Der spätere Weg von dort bis hinauf zur Bushaltestelle könnte mit gut gefülltem Magen etwas beschwerlich sein.

Michael von Levetzow
Tenerife on Top

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