Wandern und Entdecken: Schwarz ist nicht weiß und trotzdem das Gleiche


Nicht nur im Teide-Nationalpark, aber dort ganz besonders, beeindruckt das Farbspiel zahlreicher Gesteine. Unterschiedlich hell oder dunkel begegnen uns bräunliche, rötliche und gelbliche Töne. Es spielt keine Rolle, ob wir vor kompakten, nur von einigen Rissen durchzogenen Felsen stehen oder auf fein zerteilte Steinchen blicken. Beides kann bei Vulkanausbrüchen entstehen, oftmals gleichzeitig nebeneinander. Geologen haben die Zusammensetzung der Gesteine analysiert und diese entsprechend klassifiziert. Während unserer Wanderungen brauchen wir keine Klassifizierungen, zumal die Unterschiede sich nicht einfach dem bloßen Auge erschließen. Gänzlich unwissend brauchen wir dennoch nicht durch die Cañadas del Teide zu wandern. Mit einigen wenigen Basisinformationen zur Lava geht es einfacher, und mit etwas Übung werden wir das Gestein besser verstehen.

Lava nennen wir das aus der Erde quellende Material erst von dem Moment an, in dem es die Erdoberfläche erreicht. Alles, was sich flüssig unter der Erdoberfläche befindet, heißt Magma. Es entsteht im flüssigen Erdmantel, der sich unterhalb der festen Erdkruste befindet. Bei den Kanarischen Inseln ist sie etwa 15 km dick. Hat das Magma die Erdkruste durchquert, bleibt ihm bis zur Höhe des Nationalparks noch ein weiterer, gut 5 km dicker Aufstiegsweg bis zur Erdoberfläche. Legt es diesen relativ schnell zurück, kommt es oben nahezu unverändert an. Was dann auf den Inseln einigermaßen dünnflüssig aus dem Boden quillt, erstarrt zu dunkelgrauem, fast schwarzem Gestein, Basalt. Vor allem in der Frühgeschichte der Inseln erreichten große Basaltmengen die Oberfläche und bildeten die untersten Gesteinsschichten. Solange sich das basaltische Magma noch im Erdinneren befindet, wird es vom umgebenden Gestein gegen Wärmeverlust gut isoliert. Dennoch ist bei längerem Verweilen eine allmähliche Abkühlung unvermeidbar. Basaltisches Magma ist eine Schmelze zahlreicher Mineralien. Jedes Mineral besitzt eine charakteristische Schmelztemperatur, oberhalb derer es flüssig ist. Sinkt die Temperatur des Magmas unter diesen Wert, beginnt das Mineral, sich von der übrigen Schmelze abzusondern und kristallisiert. Sind die Kristalle schwerer als die Schmelze, sinken sie abwärts und reichern sich dort an.

Durch fortschreitende Kristallisierungen werden der Schmelze einzelne Stoffe, darunter Eisen und Magnesium, entzogen, während andere wie Silizium und Aluminium wegen ihres niedrigeren Schmelzpunktes darin verbleiben. So verändert sich allmählich die relative Zusammensetzung des Magmas. Vor allem Siliziumverbindungen bleiben während der Abkühlung lange in Lösung. Das Magma wird daher relativ reicher an Silicium und erheblich zähflüssiger. Solche Lava muss von nachfolgender Lava weitergeschoben werden, sonst bewegt sie sich keinen Zentimeter. Wir erkennen siliziumreiche Lava an ihrer hellgrauen, manchmal fast weißlichen Farbtönung. Das entsprechende typische Gestein nennen wir Phonolith, was übersetzt „Klangstein“ bedeutet.

Eigentlich sollte unsere Landschaft aus dunkelgrau-schwarzen oder hellgrau-weißen Gesteinen bestehen. Diese Rechnung ignoriert aber unter anderem die Einflüsse der Witterung. Lava enthält neben weiteren Stoffen nennenswerte Anteile bestimmter Metalle. Sie sind so fein verteilt und von so großen Mengen „tauben“ Gesteins umgeben, dass eine industrielle Verhüttung nicht möglich ist. Sonst sähe es schlecht aus um unser Urlaubs- und Naturparadies. Zu diesen Metallen gehören neben anderen Eisen, Magnesium und Calcium (jeweils rund 10% im Basalt). An der Luft, im Kontakt mit Wasser oder Schwefel entstehen durch fortschreitende chemische Reaktionen neue Verbindungen mit den Metallen und verändern die Oberflächenfarbe. Sie erzeugen das bekannte Farbenspektrum, während das Gestein im Inneren seine ursprüngliche Farbe behält.

Die Oberfläche der Montaña Blanca, über deren Flanke der übliche Aufstieg zum Teide-Gipfel führt, erscheint überwiegend weißlich, teilweise leicht rötlich-braun. Phonolithisches, also helles Material bedeckt auf großen Flächen diesen Seitenvulkan des Pico del Teide. Bei dieser Eruption war es sehr gasreich und lagerte sich als Bimsstein ab. Wo seine Oberfläche lange genug der Luftfeuchtigkeit ausgesetzt war, rostete das darin enthaltene Eisen. Daher die rötliche Farbe. Im Aufstieg liegt die Montaña Rajada zu unserer Rechten. Sie besteht ebenfalls aus „rostigem“ Phonolith, der hier allerdings als äußerst zähe Masse – Zahnpasta-gleich – aus dem Boden quoll und kompakte, wenn auch zerborstene Felsen bildete. Ähnlich zähe Lava hängt an der Südseite der Montaña Blanca wie eine erstarrte Kaskade aus mehreren Gesteinswellen. Sie ist gut von der Talstation der Seilbahn erkennbar.

Wer hier wandert, muss sich nicht an den wesentlich steileren Teide-Aufstieg machen, der sich nach Erreichen des Bergsattels anschließt. Wenden wir uns gemütlicher dem nur wenig höheren Gipfel der Montaña Blanca zu, den wir vom Sattel in wenigen Minuten erreichen, und erleben dort eins der besten Panoramen des Nationalparks. Auf dem Rückweg zum Sattel haben wir dann die schwarzen Laven vom letzten Teide-Ausbruch vor uns. Schwarze Lava = Basalt? Keineswegs! Diese Lava war so zäh, dass sie kaum die Teidebasis erreichen konnte. Flüssigere Basalt-Lava hingegen wäre weit in die Ebene geflossen. Wir haben Phonolithe vor uns, die während des Fließens rasch abgekühlt wurden, möglicherweise durch starken Regen oder Schneefall. Dabei entstand Obsidian, der chemisch nichts anderes ist als Bims oder Phonolith. Statt zu weißlichem Fels wird phonolithische Lava beim raschen Abkühlen zu schwarzem vulkanischem Glas, Obsidian. Das Material ist in allen drei Fällen das gleiche, nur Lichtbrechung und Reflexion sind anders.

Michael von Levetzow
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