Wandern und Entdecken: Frischer und fossiler Sand


Wanderer unterwegs im Malpaís de Güímar Foto: Canary Islands

Diese und die nächsten Folgen von „Wandern und Entdecken“ widmen sich Details des Malpaís de Güímar, einem Naturschutzgebiet an Teneriffas Südostküste. Es geht um Besonderheiten, an denen zahlreiche Wanderer leicht vorbeilaufen. Um Teneriffa auf eigene Faust zu erkunden, ist man meistens mit dem Finden des Weges beschäftigt und hat kaum ein Auge für Ungewöhnliches rechts und links seines Pfades. Meistens fehlt den Wandernden auch das Wissen darum, so dass das, was die Natur auf den Kanaren weltweit so besonders macht, weitgehend unbemerkt bleibt. Die Serie „Wandern und Entdecken“, die nach einem Jahr Pause wieder fortgesetzt wird, ist keine Beschreibung längst bekannter Wanderungen auf Teneriffa. Vielmehr gilt das Augenmerk dem, was wir entlang des Weges entdecken können, wenn wir hinschauen. Um es zu verstehen, brauchen wir verlässliche Informationen. Das ist die Aufgabe dieser Serie. 

Am einfachsten erreicht man das Malpaís, das „schlechte Land“, von Puertito de Güímar aus. Aus dem beschaulichen Fischerdörfchen von einst ist längst eine Schlafstadt vor den Außenbezirken von Santa Cruz geworden. Informationstafeln an den Zugängen zum Naturschutzgebiet zeigen den kaum verfehlbaren Rundweg. Man hält sich gegen den Uhrzeigersinn gehend an allen deutlichen Wegverzweigungen nach links. Trittspuren und Trampelpfade sollte man konsequent meiden; sie enden im Nirgendwo. Von Versuchen, querfeldein weiterzugehen, ist abzuraten; das Gelände ist durch die grobe Lava, die es größtenteils bedeckt, schwer zu begehen und auch gelegentlich gefährlich. Der Rundweg macht uns alle wichtigen Details dieser Landschaft zugänglich, ohne ihn verlassen zu müssen. Trotz des technisch eher leichten Weges sollte man an einigen Stellen mit lockeren Steinen aufmerksam gehen, um nicht zu stürzen. Für Fortbewegung und Erlebnis ist es günstiger, mit dem Abschnitt entlang der Küste zu beginnen.

Das schwarze Basaltgestein hier ist etwa sechstausend Jahre alt und stammt von dem großen Vulkan Montaña Grande, der in einiger Entfernung neben der Südautobahn aufragt. Über dieses Gestein werden wir in einer späteren Folge einiges erfahren. Uns bleibt nicht viel Zeit, uns an das Gehen darauf zu gewöhnen. Nach wenigen hundert Metern wird der Weg hell, wir gehen auf weißlich-gelbem Sand. Sehr ungewöhnlich auf Teneriffa mit in der Regel schwarzem Sand aus Basalt-Körnchen. Die bekannten hellen Sandstrände anderenorts bestehen aus importiertem Sahara-Sand und müssen regelmäßig nach ein paar Jahren wieder aufgefüllt werden. Diesen hellen Sand hier pflegt niemand; er ist anders. In die Hand genommen und genauer betrachtet, vielleicht sogar mit einer Lupe, enthält er kleine gelbliche Körner und weiße Teilchen unterschiedlicher Größe, gelegentlich auch Bruchstückchen eines Schneckenhauses, also Kalk. Selten haben Wanderer bei solchen Gelegenheiten ein Fläschchen mit verdünnter Salzsäure im Rucksack, es sei denn, sie sind Biologen oder Geologen. Etwas Sand in ein Schälchen gegeben, ein paar Tropfen Salzsäure darauf und schon brodelt es gewaltig. Ein untrügliches Zeichen für das Vorhandensein von reichlich Kalk, den es auf vulkanischen Inseln normal nicht gibt. Er stammt von den Schalen zahlreicher Meerestiere: Schnecken, Muscheln, Krebse und Korallen, die hier vor der Küste schon sehr lange leben. Ans Ufer gespült, von den Wellen zerschlagen und zerrieben und dann vom Wind landeinwärts geweht, bedecken sie als organischer Sand den Boden. Nach wenigen Sekunden hört die Reaktion der Salzsäure auf, und vom Sand sind nur noch ein paar gelbliche Körner übrig, Bims. Er stammt von einem lange zurückliegenden Vulkanausbruch. Der Afrika-Sand künstlicher Strände enthält keinen Kalk. Mit ihm reagiert die Salzsäure nicht. Er besteht überwiegend aus Quarz.

Wir können auf den ersten Sandflächen nach den Schalen der Tiere suchen und finden mit etwas Glück Kegelschnecken, Napfschnecken, Purpurschnecken oder ein Seeohr. Wer jetzt aufmerksam ist, entdeckt nah am Wasser und leicht im Sand eingebettet geöffnete und angeschliffene Schneckenhäuser. Sie lassen sich nicht hochheben, so fest umschließt sie hier der Sand. Näher am Weg ist er locker und hält nichts fest. Betrachten wir die Umgebung  genauer, erkennen wir leicht, dass einst hier schwarze Lava über den Sand geflossen ist. Wir stehen auf fossilem Sand voller Schneckenschalen. Es versteht sich von selbst, dass wir hier im Naturschutzgebiet nichts ausgraben, beschädigen oder gar mitnehmen. Betrachten hingegen ist erlaubt.

Ganz sanft und ohne Steilküs­te treffen hier Lavagestein und Meer aufeinander. Wäre an dieser Stelle vor 6000 Jahren die glühende Lava vom Wasser gestoppt worden, hätten sich Riffe und Wälle aufgetürmt. Aber damals war der Meeresspiegel infolge der erst kurz zurückliegenden Eiszeit um einiges niedriger. Die Riffe und Wälle liegen längst unter Wasser. Aber damals sammelte sich der fossile Sand von heute als lockeres Material landeinwärts einige Meter über dem Meer. Er war vom Wind dahin verfrachtet worden, wo auch heute noch jüngerer Sand verweht wird. Ohne Zweifel – wir haben eine fossile Düne entdeckt. Sie war Jahrtausende von der Lava überdeckt und wurde inzwischen vom gestiegenen Meer wieder freigespült.

Michael von Levetzow 

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