Wandern und Entdecken: Eine rote Lagune


Vulkanische Inseln sind steil. Und haben Steilküsten. Jedenfalls überwiegend. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Steilstufe am Wasser gerade einmal zehn Meter hoch reicht oder mehrere hundert. Steil ist steil. Flache Strände sind auf Teneriffa eher die Ausnahme. Für die bekanntesten von ihnen wurde Sand aus der Sahara herangeschafft. Am ehesten finden wir einigermaßen flache Uferzonen in den Mündungsbereichen großer Barrancos, wobei dort oftmals Kies- und Blockstrände vorherrschen. Marschland, also Schwemmgebiete mit sandig-schlammigem Untergrund und wassergefüllten Tümpeln, wie man sie von den kontinentalen Atlantikküsten kennt, sollte man hier nicht erwarten. Fast überall ist diese Annahme auch richtig. Aber Teneriffa ist nicht nur die größte und höchs­te der mittelatlantischen Vulkaninseln, es ist auch die vielseitigste an Landschaften und Lebensräumen. Ein kleines Marschgebiet gibt es auch hier. Wen wundert’s?

Unter den vielen Schluchten Teneriffas ist der Barranco del Río zwischen Arico und Granadilla eine der tiefsten und unzugänglichsten. Er entspringt auf etwa 2100 m Höhe knapp unterhalb des Sattels zwischen Guajara und Pasajirón. Nur wenige hundert Meter weiter, auf der anderen Seite des Sattels, befinden sich die Cañadas del Teide. Seit wenigstens 200.000 Jahren schon gräbt er sich in die Südabdachung der Insel. Entlang seines Verlaufs führen nur wenige Wege hinunter zu seiner Sohle und auf der anderen Seite wieder hinauf. Fast überall ist er bis heute ein unüberwindliches Hindernis. Oberhalb von El Río kann man, auf ausgewaschenen Pisten aufsteigend, immer wieder in seine dunkle Tiefe blicken und gelegentlich auch seinen Bach plätschern hören. Nach starken Regenfällen zeigt sich der Bach sehr reißend, und man kann sich vorstellen, wie er dann viel Gestein abwärts trägt.

Küstennah erscheint das Land weniger steil und die Schlucht nicht ganz so tief, aber das täuscht etwas. Denn so war sie nicht immer. Der Bach hat sie auch hier erst tief in den Untergrund eingegraben und anschließend während der letzten Jahrtausende mit dem Geröll aus den Bergen aufgefüllt. Bis zum Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren lag der Meeresspiegel mehr als 20 Meter niedriger als heute, und die Küstenlinie verlief weiter außen. Entsprechend hatte sich der Barranco auch tiefer in das umgebende Gestein eingegraben und seinen Schutt bis zum damaligen Meeresufer befördert. Als mit dem Abschmelzen der Gletscher der Meeresspiegel anstieg, stoppte die Meeresbrandung den Bach mit seinem Geröll landeinwärts, und die Schlucht wurde mit dem Gebirgsschutt aufgefüllt. Ein Schwemmland entstand in dem breiten Mündungstrichter. Man kann noch heute gut das dunklere Schwemmmaterial von dem hellen Bimsgestein der Umgebung unterscheiden. Da das Ganze sich nur wenig über das Meeresniveau erhob und sowohl von der Küste Salzwasser als auch vom Barranco Süßwasser eindringen konnte, entstand dort ein größeres Feuchtgebiet, dem man heutzutage seinen internationalen Rang bestimmt nicht absprechen könnte. Leider wurde dort in der Vergangenheit Kies entnommen und für den Bau der Südautobahn verwendet und so diese Besonderheit weitgehend zerstört. Die Natur hat sich teilweise wieder erholt, aber inzwischen haben Motocross-Sportler das Gelände für sich entdeckt. Die Spuren dieser erneuten Zerstörung sind unübersehbar. Die Schäden werden zunehmen, wenn dieser Nutzung nicht Einhalt geboten wird.

Noch aber lohnt es sich, vor allem wenn es im Süden ausgiebig geregnet hat, den Platz zu besuchen und eventuell auch noch etwas weiter an der Küste entlang zu wandern, bis die Industrieanlagen von Granadilla zur Umkehr zwingen. In solch einem Gebiet finden wir vor allem salztolerante Pflanzen, darunter neben anderen die Uva de mar (Zygophyllum fontanesii). Die kleinen Sträucher mit ihren dicken keulenförmigen Blättern sind leicht zu erkennen. Entfernt erinnern sie an Weintrauben, weshalb sie auch ihren einheimischen Namen (Uva = Weinbeere) erhielt. Die Blätter sind essbar und schmecken sehr salzig, besitzen aber kaum Nährwert. Dennoch wurden sie vor allem in Hungerzeiten gegessen oder auch getrocknet zu minderwertigem Gofio verarbeitet. Die Volksmedizin nutzte das Mark der Blätter wegen seines hohen Tanningehaltes als Wundheilsalbe. 

Salztolerante Pflanzen hatten es leichter, die Inseln zu erreichen; denn das Meerwasser konnte ihren Samen nichts anhaben. Insofern gehörten ihre Vorfahren wahrscheinlich zu den ersten Pflanzen, die im Meerwasser treibend die Inseln erfolgreich erreichten. Andererseits sind sie aber auf die Nähe des Meeres angewiesen, sie brauchen die salzhaltige Umgebung. So konnten sie sich den größten Teil der Inseln nicht erschließen und beschränken ihre Vorkommen auf die unmittelbare Küste. Die meisten der auf Teneriffa von Natur aus vorkommenden mehr als 2.000 Pflanzenarten vertragen kein Salz und hatten es wesentlich schwerer, hierher zu gelangen.

Trotz der unübersehbaren Zerstörungen können wir hier mehrere flache Tümpel oder Lagunen entdecken, die deutlich zeigen, dass wir hier in einem Feuchtgebiet unterwegs sind. Salzstreifen ähnlich den Jahresringen eines Baumes an ihren Ufern weisen darauf hin, dass ihr Spiegel schwankt. Von einem kleinen Damm aus kann man die meisten von ihnen gleichzeitig übersehen. Eine kleine Lagune springt dabei sofort geradezu ins Auge. Sie ist blass-purpurrot und leicht trüb. Wahrscheinlich ist diese Rotfärbung auf das massenhafte Auftreten einer mikroskopisch kleinen einzelligen Grünalge zurückzuführen: Dunaliella salina. Sie kommt in den kanarischen Küstengewässern vor. Dort nehmen wir sie nicht wahr; denn im normalen Meerwasser bleibt ihre Zahl gering. Aber wenn der Salzgehalt etwas ansteigt, vermehren sie sich so stark, dass sich das Wasser wegen der vielen darin schwimmenden Zellen eintrübt. Unter solchen Bedingungen entwi­ckeln sie Carotinoide, rote Farbstoffe, und dann erscheint das Wasser entsprechend rot. Von den Salinen auf Lanzarote und La Palma kennt man diese harmlose Erscheinung als Nebenfolge der Salzgewinnung. Und auch bei Alicante in Südspanien gibt es eine große rote Lagune. Auf den Kanaren hingegen, wo natürliche Lagunen selten und noch seltener rot sind, ist so etwas eine Besonderheit.

Michael von Levetzow 
Tenerife on Top

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