Wandern und Entdecken

© Michael von Levetzow

Am Leuchtturm vorbei und weiter

Die Isla Baja ist uraltes Siedlungsgebiet. Mehrere Fundstellen mit Resten aus der Guanchenzeit bezeugen dies. Für die spanischen Eroberer war hier ein Land, das sich zum Anbau von Zuckerrohr und damit zur Herstellung des weißen Goldes und zum Reichwerden eignete. Buenavista del Norte, Los Silos und ihre zahlreichen kleinen Nebendörfer und Herrensitze wurden schon kurz nach der Eroberung der Insel gegründet. Zwar besitzt Teneriffa einige Islas Bajas, aber was gemeint ist, wenn man von „der Isla Baja“ spricht, weiß vermutlich jeder Einheimische. Es ist das Gebiet, das sich zwischen dem Monumento del Emigrante am Ende der Bucht von Garachico und der Punta del Fraile westlich von Buenavista erstreckt. Der Emigrante ist eine sehr ausdrucksstarke, auf den ersten Blick geradezu fröhlich erscheinende Bronzefigur eines Mannes, der positiv gestimmt und voller Erwartungen in die Welt aufbricht. Seine Koffer purzeln ihm hinterher. Allerdings klafft in seiner Brust ein großes Loch – sein Herz bleibt hier. Nur sehr wenige Familien wurden auf Teneriffa reich, den meisten reichte es oftmals kaum zum Überleben. Wie der Emigrante haben sich tatsächlich vor wenigen Jahrzehnten noch Armut und Not gehorchend, viele junge Männer aufgemacht, um ihr Glück in Amerika zu finden. Aber wenn sie es gefunden, wenn sie gutes Geld verdient hatten, kehrten viele nach Teneriffa zurück, dem Ort ihres Herzens. Oft genug lag ihre Heimat hier in der Isla Baja, wo sie mit dem erworbenen Geld ein Haus, ein Stück Land erwerben konnten, um zu bleiben. Einmal traf ich einen alten Mann aus Buenavista, der das während seines langen Lebens dreimal gemacht hatte, bevor es für ihn und die Seinen reichte, um hier zu bleiben. Die Punta del Fraile ist eine schroffe Klippe, die aus dem Meer steil aufragt und den Weg zur Punta de Teno, der Westspitze der Insel und ihrem markanten Leuchtturm versperrt. Bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts war bei ihr kein Durchkommen; das dahinter liegende Land konnte man nur mit einem Boot über das Wasser oder zu Fuß über die hohen Berge erreichen. Erst der Tunnel, der heute die Punta del Fraile durchquert, und die immer bequemer ausgebaute Straße ermöglichen seitdem Fahrzeugen die Zufahrt zum Leuchtturm. Die Klippe ist der Endpunkt einer langen Kette steiler Wände, die sich in weitem Bogen bis zum Emigrante hinziehen und nach Süden ein einigermaßen flaches Tiefland begrenzen, „die Isla Baja“.

© Michael von Levetzow
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Wie man den Leuchtturm von Buenavista erreichen kann, erfragt man am besten im Ort, den man gut mit öffentlichen Bussen erreichen kann. Alternativ sollte man sein Auto in der Nähe des Busbahnhofs parken. Es lohnt sich, beim Leuchtturm angekommen, erst einen kurzen Abstecher in Richtung von Los Silos zu machen. Nach knapp 400 m stehen wir dann vor einem spektakulären Loch im Boden, dem Hueco del Rayo. Obwohl es auf den ersten Blick einer Lavaröhre ähnelt, ist es das Ergebnis des Nagens der Winterbrandung, die bei stürmischem Meer durch einen großen Torbogen in der Uferböschung hereinströmt und das Loch langsam, aber beständig vergrößert.
Unser Weg beginnt jenseits des Leuchtturms. Er ist kein offizieller Wanderweg, obwohl es Pläne zu seiner Verbesserung und Markierung gibt. Verfehlen kann man ihn trotz einiger Verzweigungen kaum. Er führt uns durch den unbebauten und ungenutzten Streifen zwischen dem Meer und den Bananenplantagen von Buenavista. Zwar passieren wir gelegentlich Abschnitte mit Schutt und anderen nicht mehr benötigten Gegenständen, aber überwiegend betreten wir hier eine ziemlich gut erhaltene Landschaft im Übergangsbereich zwischen salzliebender Küstenvegetation und dem untersten Pflanzenstockwerk der Insel, in dem sukkulente Sträucher, insbesondere Wolfsmilchgewächse, vorherrschen: Süße und bittere Tabaiba sowie der an Kakteen erinnernde Cardón. Auch Opuntien, die echte Kakteen sind, wachsen verstreut. Ursprünglich aus Mexiko stammend sind sie kein Bestandteil der ursprünglichen Flora und bezeugen ihre frühere Nutzung durch die Kleinbauern. Auch Leuchterblumen sind hier häufig. Sie sind sehr giftig.

© Michael von Levetzow
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Überwiegend wandern wir auf mehr oder weniger stark verwitterten, sehr alten Basaltböden. Die Isla Baja ist viel älter als der Teide, wie auch die beiden Vulkane in der Nähe, der Volcán de Los Silos und die große, das Landschaftsbild beherrschende Montaña Taco. Sie schufen mit ihrer Lava diese Tiefebene, lange bevor die Entstehung des Teide mit einem Mega-Erdrutsch und einem dadurch ausgelösten Mega-Tsunami begann. Ablagerungen dieser Monsterwelle findet man heute noch in rund 100 m Höhe auf der Montaña Taco und an der Playa de la Arena kurz vor der Punta del Fraile. Eher selten entdecken wir helle Schichten auf dem dunklen Basalt oder zwischen Basaltdecken eingelagert. Sie sind Zeugen explosiver und sehr zerstörerischer Ausbrüche des Vorgänger-Vulkans des Teide, dessen Glutwolken meterdick die Landschaft bedeckten und alles Leben auslöschten. Bei genauem Hinschauen erkennt man nicht nur mehrere helle Schichten übereinander – jede einzelne Zeuge einer verheerenden Eruption – sondern hier und da eingebettet nahezu kreisrunde Löcher. Einige von ihnen enthalten tiefschwarzen Kohlestaub. Es sind die fossilen Überreste von Bäumen, die hier von den Glutwolken eingeschlossen und unter Luftabschluss verkohlt wurden.
In der Nähe des Friedhofs von Buenavista endet der Weg an einer von steilen Felswänden eingefassten Bucht. Es gäbe einen schmalen Landstreifen zwischen der Steilwand und dem angrenzenden Privatgrundstück, aber dessen Besitzer verhindern an dieser Stelle die Nutzung des Küstenstreifens durch die Allgemeinheit. Um zur Punta del Fraile zu gelangen, müssen wir am Friedhof vorbei in Richtung Ortsmitte gehen und dann zum Golfplatz. Der Fußweg an diesem entlang bringt uns auf die andere Seite der eben erwähnten Bucht und weiter zur Playa de la Arena. An deren Ende beginnt der letzte kurze Wegabschnitt zur Punta del Fraile. Über Fahrwege geht es zwischen den Bananenplantagen zurück zur Plaza an der Kirche, wo hier alle Wanderungen enden.

Michael von Levetzow
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