Wandern und Entdecken

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Hochgebirgsherbst

Wohl in allen Hochgebirgen dieser Welt kommen Frühling und Sommer spät und Herbst und Winter zeitig, zumindest in ihren Hochlagen oberhalb der natürlichen Baumgrenzen. In klimatischer Hinsicht sind diese Regionen eiszeitliche Relikte, Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche, und zugleich letzte Refugien einzigartiger Pflanzenwelten, Orte, die sich dadurch auszeichnen, dass an ihnen eiszeitliche Pflanzen und Pflanzengesellschaften die Zeiten und mit ihnen die allmähliche nacheiszeitliche Erwärmung der Erde überstehen konnten. Während der Eiszeit lagen ihre Lebensräume in deutlich tieferen Zonen, in denen damals die klimatischen Bedingungen vorherrschten, die wir heute in den Hochgebirgen antreffen. Mit dem Wärmer-werden wanderten diese Klimazonen in den Gebirgen aufwärts zu den Gipfeln und mit ihnen die an diese Bedingungen angepassten Pflanzen. Wer nicht wandern konnte und auch nicht mit dem zunehmend wärmeren Klima der tiefergelegenen Regionen zurechtkam, starb irgendwann aus. Wir kennen dies von den kontinentalen Landschaften und Ökosystemen gut und, selbst wenn es damals auf den Kanaren wesentlich milder war und keine Gletscher gab, die Eiszeit fand auch hier statt. Das Klima der mittelatlantischen Inseln war seinerzeit kühler als heute. Die bekannten Klimazonen ihrer Gebirge lagen entsprechend tiefer, was nicht heißt, es habe im Sommer nicht auch heiße Tage wie heute gegeben, sie waren nur seltener und kühle Tage häufiger. Die Areale der Lorbeerwälder reichten deswegen nicht so hoch hinauf, aber näher an die Küsten. Entsprechendes galt auch für die Kiefernwälder und das oberhalb anschließende Buschland.
Dort oben, wo verschiedene Ginster und andere Sträucher das Landschaftsbild prägten, waren die Sommer kurz, heiß und trocken und die Winter lang, kalt und niederschlagsreich. Entsprechend erleben wir noch heute die Pflanzenwelt unseres Insel-Hochgebirges Jahr für Jahr, nur sind alle Pflanzengesellschaften seit zehntausend Jahren mit den steigenden Temperaturen immer höher hinaufgewandert. Der Frühling kommt nach wie vor spät, entfaltet dann rasch eine reiche Blütenpracht, und nach dem Abblühen bleiben die Pflanzen noch eine Weile grün. Denn die zeitige Blütenbildung und das Reifen der Samen erschöpft die Energiereserven, die die Pflanzen durch den Winter gerettet haben. Bevor es wieder zu unwirtlich wird, müssen sie mit Hochdruck die Energiereserven fürs nächste Jahr herstellen und speichern. Dafür brauchen sie noch ihr Grün. Aber der Herbst schleicht sich schon während des Sommers ein. Das ist unsere örtliche Besonderheit. Denn um nicht in der sengenden Sommersonne zu verbrennen, werfen viele Arten ihr Laub zeitig ab. Im Spätsommer befinden sich die meisten in einer Art Sommerstarre, während Mitteleuropäer bei den Pflanzengemeinschaften ihrer konti-nentalen Heimat Vergleichbares nur vom Winter kennen. Den Herbst erkennen wir dort oben daran, dass alles, was nicht holzig ist, vertrocknet.

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Während Frühling und Sommer konnte man in den Hochlagen Teneriffas als Wanderer erahnen, wie sehr normalerweise die Besuchermassen der Gebirgsnatur allein durch ihre Anwesenheit zusetzen. Es blühte farbenprächtiger und intensiver, mehr Insekten schienen davon angelockt zu werden, Blütenduft und Vogelzwitschern waren auch an den Straßen wahrnehmbar. Nur selten traf man in der einsamen Landschaft andere Wanderer. Jetzt im Herbst ist das noch seltener.
Nicht nur Fußspuren erhalten sich im Staub länger. Man mutiert zum Fährtenleser. Je älter eine Fußspur ist, desto undeutlicher erscheinen ihre Ränder, weil dort der Staub am ehesten abbröckelt. Und deswegen war uns am späten Vormittag auch sofort klar, dass, kurz bevor wir auf unserer kleinen Herbstwanderung einen Ort in der Nähe von El Portillo erreicht hatten, ein oder zwei Mufflons hier den Weg gekreuzt hatten. Wahrscheinlich lagen sie jetzt irgendwo vor unseren Blicken geschützt in der Deckung oder waren schon hinter dem nächsten, wenig entfernten Hang verschwunden. Klar und deutlich zeichneten sich die beiden einander zugekehrten Halbmonde der beiden Zehen ab. Mufflons, Korsische Wildschafe, sind Paarhufer.

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Anfang der 1970er-Jahre hatte ein einheimischer Geschäftsmann ein paar Mufflons im Nationalpark ausgesetzt, um mit seinen Freunden Attraktiveres als Kaninchen und Rebhühner jagen zu können. Für ihn selbst hatte das keine Konsequenzen, wohl aber für die Natur. Denn die Wildschafe vermehrten sich trotz der Bejagung stärker als die Pflanzenwelt verkraftet. Eine der Pflanzenarten, die darunter besonders leiden, ist Retama del Teide, der Teideginster. Die prächtig weiß oder rosa blühende Charakterart der Cañadas ist ein Lokalendemit. Sein Verbreitungsgebiet beschränkt sich weltweit auf den Nationalpark und seine unmittelbare Umgebung. An günstigen Stellen können wir ihn am Teide bis auf 3000 m Höhe antreffen. Sein aromatischer Honig ist begehrt. Seine kleinen Blättchen wirft er schon sehr zeitig ab und steht die meiste Zeit kahl da. Ohne Blättchen müsste er eigentlich verhungern, wäre nicht die Rinde seiner dünnen Ästchen grün gefärbt. Beinahe senkrecht ragen fast alle zum Himmel und vermeiden so die sengende Sonne. Mit ihnen kann sich der Strauch ganzjährig ernähren. Eine perfekte Anpassung an die gefährliche Hochgebirgsstrahlung. Aber auch ein fatales Angebot an die Mufflons, denen die energiereichen Ästchen erkennbar gut schmecken. Fast alle Retamabüsche sind von oben verbissen. Es fehlen Knospen und Triebe für das nächste Jahr. Bei den meisten anderen Arten sind kaum Schäden vorhanden.
Aus der Nähe erkennen wir an den Ästchen kleine Knospen für die nächste Blättchengeneration. Die Sträucher bereiten sich jetzt schon auf das nächste Frühjahr vor. Der benachbarte Codeso, eine weitere endemische Ginsterart, ist schon weiter. Er hat bereits das neue Laub ausgetrieben, obwohl die alten vertrockneten Blätter noch gar nicht ganz abgefallen sind. Im Hochgebirge gönnt sich die Natur keine unnötigen Pausen. Die Winter sind lang und die Sommer kurz.
Michael von Levetzow
Tenerife on Top

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