Wandern und Entdecken


Drachenland

Man könnte den Eindruck gewinnen, die exotischsten Bäume in Gärten und öffentlichen Parks seien Drachenbäume. Der seltsame Stamm, die merkwürdige Art der Verzweigung der Äste lassen sie als Wesen aus anderen Welten erscheinen. In der Tat, richtige Bäume sind sie nicht. Die Botanik rechnet sie zu den Spargelartigen, auch wenn sie sich von dem Edelgemüse auf den ersten Blick und sicherlich auch nach ihrem Geschmack (den ich nicht kenne) unterscheiden. Kanarische Drachenbäume sind auf den mittelatlantischen Inseln endemisch, sie sind hier und nur hier zu Hause – im Gegensatz zu den meisten Blütenbäumen, die uns entlang der Straßen erfreuen. Die sehen zwar nicht so aus, aber sie sind importiert, also die wahren Exoten. Eigentlich sollten wir Drachenbäume oder Dragos vor allem auf der Nordseite der Insel unterhalb der Lorbeerwaldstufe und oberhalb des küstennahen Sukkulentenbuschs häufig finden. Dort ist sein natürlicher Lebensraum. Da das auch der von uns Menschen bevorzugte Lebensraum ist, haben die natürlich wachsenden Dragos über die Jahrhunderte den Kürzeren gezogen und stehen in der Regel nur dort, wo gärtnernde Menschen ihnen einen Platz zugewiesen haben. Nur in ganz wenigen Inselregionen können wir sie noch wildwachsend antreffen. Auf allen Kanarischen Inseln zusammengenommen gibt es nur noch weniger als siebenhundert wilde Exemplare. Die Art gilt als gefährdet, steht auf der Roten Liste und unter gesetzlichem Schutz. Wildwachsend kommen sie am häufigsten auf Teneriffa in den nahezu menschenleeren östlichen Teilen der Anaga-Halbinsel vor. Es heißt, die Einwohner von Chamorga, ganz am Ende der Straße TF-125, seien stolz auf die vielen Dragos, die man im und um den Ort herum gleichzeitig sehen kann.
Die meisten wilden Drachenbäume kann man nur aus der Ferne sehen. Es scheint, als bevorzugten sie für uns Menschen schwer zugängliche Standorte. Andersherum wird ein (Wander-)Schuh daraus: Dort wo Menschen nicht so leicht hingelangen, sind sie am wenigsten gefährdet. Bei Chamorga sehen wir sie vor allem oberhalb der Häuser des Ortes und am gegenüberliegenden Hang, der die zum Meer nach Roque Bermejo hinabführende Schlucht begrenzt.
Vom Ort führen zwei gute Wege hinab an die Küste. Für beide braucht man knapp zwei Stunden Gehzeit. Unten gibt es in geschützten Buchten Bademöglichkeiten und bei den wenigen Häusern auch eine kleine Bar, die manchmal geöffnet ist. Auch wenn es verlockend ist, zu ausgiebig sollten wir dort nicht baden; denn je länger wir schwimmen, umso schwerer wird der Rückweg. Mindestens 500 Höhenmeter ohne Schatten können mühevoll werden. In der Regel geht man durch den Barranco wieder zurück nach Chamorga. Alternativ könnten wir auch den Weg am Leuchtturm, dem Faro de Anaga nehmen. Er erhebt sich auf ungefähr 250 m Höhe über dem Meer. Bei ihm hätten wir vermeintlich schon fast die Hälfte des Höhenunterschiedes geschafft. Bis dorthin ist der Weg einigermaßen steil, anschließend wird er einfacher. Aber er führt über Tafada, das höher liegt als Chamorga, weswegen die meisten die Runde umgekehrt gehen: von Chamorga an Tafada und danach am Leuchtturm vorbei nach Roque Bermejo und durch die Schlucht zurück. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen der weiten Blicke über Land und Meer ist der Rundweg im Uhrzeigersinn die attraktivere Variante.

Vor allem im Frühjahr, nach hoffentlich reichlichen herbst- und winterlichen Niederschlägen, wenn die Sträucher der Region sich wieder belaubt haben und die durch Dürre und verwilderte Ziegen verursachten Schäden des Vorjahres überdecken, wird sich die Landschaft von ihrer schönsten Seite zeigen. Nur mit den Drachenbäumen entlang des Weges über Tafada bis zum Leuchtturm ist das nicht so. Es gab sie dort, und sie gediehen gut. Die meisten hatten ihre erste Blühperiode noch nicht erreicht; denn damit haben es Dragos nicht sonderlich eilig. Sie erreichen die Geschlechtsreife erst mit etwa fünfzehn Jahren, manche etwas früher, andere später. Aber nach wenigen Jahren sind sie hoch genug gewachsen, dass Ziegen, gehütete wie verwilderte, ihre Blätter nicht mehr erreichen können. Aber davor, wenn sie noch klein sind, sind sie für Ziegen Leckerbissen. Wenn Ziegen nicht durch ihre Hirten von aufwachsenden jungen Dragos ferngehalten werden, haben diese keine Chance, zu wachsen oder gar zu blühen. Ziegenhirten sind als Landschaftspfleger unverzichtbar, vor allem in Ökosystemen, die sich ohne Ziegen oder andere große Pflanzenfresser entwickelt haben. Denn dort wachsen zu viele Pflanzen, die über keinerlei Schutzstrategien verfügen.
Als in den letzten Jahren mehrere Hirten ihre Herden wegen Unwirtschaftlichkeit sich selbst überließen, gehörten die jungen Dragos wegen ihrer Seltenheit zu den ersten Pflanzen, an denen die Gefährdung sichtbar wurde. Entsprechend bezog sich die Naturschutzbehörde auf diese geschützte Art. Vergangenes Jahr wurde der systematische Abschuss der verwilderten Ziegen als einzig wirksame Gegenmaßnahme eingeleitet. Tierschützer liefen dagegen Sturm, es gab sehr erbitterte Debatten in den Medien, und dann lagen plötzlich die schon etwas größeren Dragos, die wegen ihrer Größe längst nicht mehr durch Ziegen gefährdet waren, gefällt am Boden. Einige gekappte Stämme konnten wieder austreiben. Aber ihr Laub bildete sich jetzt in Reichweite der Ziegen und wurde bald gefressen. Ob sie die böswillige Attacke unter dem Druck der Ziegen auf Dauer überleben werden, erscheint äußerst fraglich.
Jeder unserer Inseln ist eine typische Pflanze als Symbol zugeordnet. Für Teneriffa ist das der Drachenbaum. Und er wächst vor allem dort, wo nur selten jemand hinkommt. Nur dort braucht er nicht den gesetzlichen Schutz. Ansonsten ist er nur dort geschützt, wohin der Arm des Gesetzes reicht. Im östlichen Anaga ist er erkennbar zu kurz.
Michael von Levetzow
Tenerife on Top

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