Wandern und Entdecken


FakeNews für Humboldt

Humboldt schrieb alles auf, was er sah und was er messen konnte. Darin war er von pedantischer Genauigkeit. Auf Teneriffa wollte er 1799 nicht nur den Pico del Teide besteigen, was er auch erfolgreich tat, er wollte auch dessen Höhe genau bestimmen, was ebenfalls gut gelang, schließlich besaß er die besten Messinstrumente seiner Zeit. Altersbestimmungen einzelner Vulkane hingegen waren zu seiner Zeit noch unmöglich. Man sieht Steinen nicht an, wie alt sie sind. Geologen behalfen sich oft mit relativen Datierungen: Was in Gesteinsschichten weiter oben liegt, ist zwangsläufig meistens jünger als tiefer liegende Schichten. In Bezug auf Lavaströme gilt das immer. Aber die oberste Lavaschicht eines solchen über die Epochen gewachsenen Gesteinspakets verrät nicht, wann ihr Vulkanausbruch wirklich stattgefunden hat. Der alte Ortskern von Puerto de la Cruz und weitere jüngere Teile der Stadt wurden auf genau so einer obersten Lavaschicht errichtet, die aus der Montaña de la Arena gequollen war. Um 1430 sei dieser Vulkan ausgebrochen, erzählte man Humboldt. Das hätten Guanchen berichtet, die Augenzeugen gewesen seien. Humboldt hat das aufgeschrieben und in seinem Reisebericht veröffentlicht. Dieses Alter wurde – mit Bezug auf ihn – bis heute immer wieder zitiert. Denn „was Humboldt schreibt, stimmt.“ Besucht hat er diesen Vulkankegel, der heute durch ein auf seinem Gipfel errichtetes Hotel leicht zu erkennen ist, leider nicht. Vielleicht wäre ihm sonst etwas aufgefallen.
Gegenüber von der Tankstelle von Las Arenas führt eine Straße hinauf zu besagtem Hotel. Sie wurde tief in die Flanke dieses Schlacke-Kegels eingeschnitten und gibt den Blick auf schwarze Basalt-Steine von wenigen cm Durchmesser frei. Sie wurden während des Ausbruchs aus dem Krater herausgeblasen und um dessen Öffnung in einem großen Rund abgelagert, wuchsen immer höher und formten den 80 – 90 m hohen Kegel. Die Höhe mit dem Hotel ist leicht erreicht. Man kann es auf der linken Seite umrunden und auf der anderen Seite des Berges auf einer Asphaltpiste absteigen, um schließlich bei einem großen Trinkwasserspeicher an seinem Fuß eine moderne Siedlung zu erreichen. Sie wurde auf dem Lavastrom dieses Ausbruchs errichtet. Von dort kann man auf verschiedenen Wegen zum Taoro-Park gehen, der ebenfalls auf dieser Lava angelegt worden ist. Wollten wir das Ende des erstarrten Stromes erreichen, müssten wir vor der Küste im Gebiet zwischen Castillo de San Fernando und Playa de Martiánez eine Tauchexpedition unternehmen. Denn die Lava kam erst dort in Tiefen von mehreren Dutzend Metern zum Stillstand. Auch das wusste Humboldt nicht.

Die beim Bau der Zufahrt zum Hotel vor wenigen Jahrzehnten angeschnittenen Schlackenschichten erscheinen tiefschwarz, Basalt eben. Wo sie der Witterung stärker oder länger ausgesetzt waren, zeigen sie eine rötliche Patina. Basalt enthält Eisen, das im Kontakt mit der Luft ganz langsam rostet. Aber ganz anders und überhaupt nicht zum vulkanischen Gestein passend überdeckt an manchen Stellen eine ockerfarbene feinkörnige Schicht die Oberfläche. Wo wir aufsteigen, wurde sie an einigen Stellen beim Bau der Straße von oben mit schwarzer Basaltschlacke überschichtet, die man einfach den Hang hinuntergeschüttet hatte. Dort erscheint diese ockerfarbene Schicht jetzt zwischen zwei schwarzen, grobkörnigeren Schichten. Als Humboldt hier und der Berg noch unbeschädigt war, war dessen Kegel von einer bis zu einem Meter dicken Quarzsandschicht bedeckt. Humboldt war einer der besten Geologen seiner Zeit, und dass Quarzsand niemals vulkanischen Ursprungs ist, war ihm bekannt. Dieser hier hat seinen Ursprung in den weiten Sandwüsten Afrikas und wurde von gelegentlichen starken Ostwinden herangeweht und hier abgelagert. Wer den großen Calima-Sturm dieses Jahres erlebt hat, kennt diese Wetterlage, an deren Ende alles mit einer feinen gelblichen Sandschicht überzogen ist. Um Ablagerungen wie an der Montaña de la Arena von mehr als 50 cm Dicke zu erzeugen, braucht es Tausende von Calimas. Dafür reicht die Zeit zwischen 1430 und 1799 bei Weitem nicht aus. Der Berg muss viel älter sein. Vermutlich hätte Humboldt diese Unstimmigkeit bemerkt und berichtet. Um 1430 waren schon mehrere Kanarische Inseln unterworfen und Schiffe waren hier unterwegs. Aber kein Seefahrer berichtet von diesem angeblichen Ausbruch, der bestimmt ziemlich auffällig gewesen ist. Das konnte Humboldt zwar nicht wissen, es hätte aber später auffallen müssen.
Man hat das ignoriert und beständig weiterhin das falsche Alter zitiert. Auch heutzutage wird dieses FakeNews gelegentlich noch angegeben, ungeachtet dessen, dass längst mit zwei verschiedenen radiometrischen Messverfahren ein Alter von knapp 30.000 Jahren festgestellt wurde. Damals war der Meeresspiegel eiszeitbedingt weltweit ungefähr 120 m niedriger als heute, was erklärt, weshalb sich der einstige Lavastrom noch ein gutes Stück unter Wasser weiter fortsetzt. Anderenfalls hätte das Wasser seinen Lauf genau an der Küste gestoppt und zu steilen Mauern aufgetürmt. Ein Dorf oder gar eine Stadt hätte man seinerzeit schwerlich auf einem derartigen Gelände errichten können. Auch da hat Humboldt nicht genau hingesehen.
Am Ende des westlichen Hotelflügels angelangt, sollten wir nicht versäumen, links ein paar kleine Schlackenhügelchen zu ersteigen. Sie sind das, was man beim Bau des Hotels vom ehemaligen Kraterrand übrig gelassen hat, und bieten eine gute Aussicht über die Stadt und die Nordküste. Und wenn man sich am gut erkennbaren Hotel Taoro orientiert, kann man auch den Verlauf des Lavastroms trotz der vielfältigen Überbauung erkennen. Der Abstieg führt durch den im Laufe der langen Jahrtausende ziemlich ausgewaschenen Krater des Vulkans, der das Land formte, auf dem die Stadt steht.
Michael von Levetzow
Tenerife on Top

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