Wandern und Entdecken: Neuland, etwas in die Jahre gekommen


Wanderer unterwegs im Malpaís de Güímar Foto: Canary Islands

Im zeitigen Frühjahr oder schon im Winter, nachdem es ausgiebig geregnet hat, wird Teneriffas Süden grün. Dann ist dort die beste Zeit zum Wandern. Im Süden der Insel werden in der Führerliteratur nur wenige Wanderwege beschrieben. Das liegt nicht daran, dass es sie dort kaum gäbe, sondern daran, dass sich die meisten Autoren bei ihren früheren, vorzugsweise von Puerto de la Cruz aus wandernden Kollegen orientiert und selbst keine eigenen Routen erschlossen haben. Dabei gibt es im Süden sogar ein ganzes und auch gut markiertes Wegenetz vorwiegend traditioneller und meis­tens durchaus attraktiver Wege. Unter diesen nimmt die Rundwanderung um das Malpaís de Güímar eine Sonderstellung ein. Sie hat sich anscheinend herumgesprochen. Weniger bekannt ist, dass es sich dort um eins der reichhaltigsten und interessantesten Naturschutzgebiete der Insel handelt. Dessen Besonderheiten erschließen sich dem Wanderer aber überwiegend nur, wenn er schon eine Vorstellung davon hat, was ihn dort erwartet. Ein paar Informationstafeln entlang des Weges schaffen zwar etwas Abhilfe, sind aber angesichts der Fülle von Wissenswertem deutlich zu wenig..

Über den Wegverlauf informieren Tafeln am Beginn des Schutzgebietes und ab und zu auch an Gabelungen des Weges. Im Prinzip muss jeder, der von Puertito de Güímar kommend mit dem Weg entlang der Küste beginnt, sich an jeder Gabelung links halten, dann kann man den Weg nicht verfehlen. Das Naturschutzgebiet besteht überwiegend aus der Lava der Montaña Grande, dem großen Schlackenkegel direkt neben der Südautobahn. Fast 280 m über dem Meer ist er hoch mit einem etwa 50 m tiefen Krater. In seiner Nähe befinden sich weitere, kleinere Kegel. Gemeinsam gehören alle zu einer ungefähr in west-östlicher Richtung verlaufenden Erdspalte, aus der vor etwa 6000 Jahren Lava austrat und zum Meer floss. Jenseits dieses überschaubaren und nahen Gebietes reicht der Blick bei klarer Sicht bis hoch hinauf zu den Gipfeln, die das Tal von Güímar in mehr als 2000 m Höhe nach Norden begrenzen. Westlich (links) und östlich (rechts) begrenzen steil abfallende, zur Küs­te geneigte Flanken das Tal. Wir sehen links oben am Gebirgskamm einige Gebäude der Sternwarten von Izaña und darunter den sehr steilen, legendenumwobenen Barranco de Badajóz. Weiter nach rechts erkennen wir oberhalb der Talmitte die dominanten Spitzen des Pico Cho Marcial und daneben und darüber die Caldera de Pedro Gil. An deren unterem Ende zu Füßen des Cho Marcial finden wir die noch schwarze Lava des 1705 ausgebrochenen Vólcan de Arafo und östlich der Caldera die Spitze der Montaña Ayosa, unter der sich der Barranco de Añavingo gut abzeichnet.

Geologisch setzte der Ausbruch der Montaña Grande den vorläufigen Schlusspunkt der Entwicklung dieses Tales. Das Tal selbst entstand vor etwa 800.000 Jahren, als hier die steile und instabile Bergflanke unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrach und in wenigen Augenblicken ins Meer stürzte. Das wiederum löste einen Megatsunami aus, der kurz darauf das 60 km entfernte, gegenüberliegende Tal von Agaete auf Gran Canaria bis etwa 150 m über dem heutigen Meeresspiegel überflutete. Dieser befand sich damals jedoch wegen der Eiszeit deutlich unterhalb des aktuellen Niveaus. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden; denn damals und weitere Jahrhunderttausende danach waren die Kanaren noch unbewohnt. Ergebnis dieser Katastrophe war ein steiles und tiefes schüsselförmiges Tal mit einer weit ins Land eingebuchteten Küstenlinie. Wo wir heute wandern, war damals wahrscheinlich Meer.

Solche gewaltigen Flankenabbrüche sind auf vulkanischen Inseln nichts Ungewöhnliches, auch wenn die Wahrscheinlichkeit derartiger Ereignisse über die Jahrmillionen der Inselgeschichte eher gering ist. Von Teneriffa sind den Geologen inzwischen mindestens acht regionale Mega-Kollapse bekannt. Bei mehr als zwölf Mio. Jahre Inselgeschichte sind das keine häufigen Vorkommnisse und in überschaubarer Zukunft auch auf keiner unserer Inseln zu erwarten. Üblicherweise folgt diesen Abbrüchen eine Phase intensiver vulkanischer Aktivität, die das Tal wieder verfüllt. Das Tal von Güímar macht hier eine Ausnahme. Hier war abgesehen vom Cho Marcial vulkanisch nicht sehr viel los, und Vieles vom Material, das zwischenzeitlich den ursprünglichen Talboden bedeckte, ist längst wieder durch beständige Erosion abgetragen worden. Von den damaligen Vulkanen ist deshalb auch nicht mehr viel übrig. Sie brachen in der Regel nur einmal aus und wurden nicht sehr groß. Der Cho Marcial selbst entwickelte sich jedoch zu einem ganz beachtlichen und häufig ausbrechenden Schichtvulkan, dem viel jüngeren Pico del Teide durchaus ebenbürtig. Eines Tages explodierte er. Seitdem verfällt seine Ruine und ließ durch Erosion die Caldera de Pedro Gil entstehen.

Ganz unten bei der Küste, dort wo der von der Erosion abgetragene Schutt abgelagert wurde, öffnete sich vor 6000 Jahren eine lange Erdspalte und spuckte eine Menge Lava aus. Dadurch entstanden nicht nur die Montaña Grande und ihre Begleiter, sondern auch das Malpaís als teilweise dem Meer abgerungenes Land. Der dunkle Basalt war für die Menschen einige Jahrtausende später kaum nutzbar und vor allem sehr unwegsam. Malpaís bedeutet „schlechtes Land“. Auch heute hat es sich trotz seines Alters nur wenig verändert. Allerdings ist es im Laufe der Zeit Heimat zahlreicher interessanter Pflanzen geworden.

Michael von Levetzow 

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