» Spuren des Super-Tsunamis «


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Vor der Küste von Icod de los Vinos und La Guancha breitet sich unter dem Meeresspiegel ein Schuttfeld aus.

Es reicht bis in eine Tiefe von 3.000 m und bedeckt eine Fläche von mehr als 700 Quadratkilometern, was einem guten Drittel der Inselfläche entspricht, die aus dem Meer herausragt. Der unterseeische Inselsockel Teneriffas ist allerdings bedeutend größer; denn nur maximal 15 % der Gesamtmasse der Insel sind nicht von Wasser bedeckt. Unter dem Meeresspiegel fällt dieser Schutt mengenmäßig gar nicht so sehr ins Gewicht. Für die Geologen ist er dennoch bedeutsam, handelt es sich dabei doch um das Gestein, das dort vor 170.000 Jahren in einer unvorstellbaren Lawine innerhalb kürzester Zeit ins Meer stürzte. Ein mächtiger Vulkan, wesentlich breiter und wahrscheinlich ähnlich hoch wie das heutige Massiv aus Pico del Teide, Pico Viejo, Montaña Blanca und weiteren Vulkanen, war unter seinem Gewicht kollabiert und auf breiter Bahn abgerutscht. Sie reichte etwa vom Barranco de Ruiz bis nach El Tanque und hinterließ an ihrem oberen Rand den Felsenzirkus der Cañadas del Teide. Damals hätte man entlang dieses plötzlich entstandenen Tals von der Küste ungehindert bis zum Fuß der Guajara schauen können.  Es wurde in Jahrtausenden wieder aufgefüllt und vom heutigen zentralen Vulkangebirge um den Pico del Teide gekrönt. Man sieht der Landschaft diese dramatische Geschichte nicht an, und viele Wissenschaftler blieben zunächst skeptisch, als der große Geologe aus Puerto de la Cruz, Telesforo Bravo Expósito, aufgrund mancher Indizien genau dieses Katastrophenszenario rekonstruiert hatte. Erst als Forschungsschiffe tatsächlich den Schuttfächer vor der Küste nachwiesen, wurde seine Theorie allgemein akzeptiert. Heute weiß man, dass damals, mitten in der letzten großen Eiszeit, noch viel mehr geschah.

Die kleine Wanderung von der Plaza de la Iglesia in Buenavista del Norte zur Küste und an dieser entlang bis kurz vor die Klippe der Punta del Fraile ist eher ein netter Spaziergang auf einem leichten Weg. An der Playa de la Arena und im weiteren Verlauf auch in einigen kleinen Charcos mit gepflasterten Zugängen kann man unterwegs baden und auf dem Rückweg, dort wo der steinige Badestrand an das Gebiet des Golfplatzes anschließt, bei wunderschöner Aussicht gepflegt essen und trinken. Kurz nachdem der Weg die Playa und ihren Parkplatz verlässt und in einer Kehre eine Kakteen-Plantage erreicht, die schnell umrundet ist, trifft man auf einige kleine Höhlen, die zu den ältesten archäologischen Fundstätten der Insel gehören. Dort wurden Relikte aus dem vierten bis zweiten vorchristlichen Jahrhundert geborgen. Das Schild, das kurz vor Erreichen der letzten Klippe das Weitergehen wegen Steinschlaggefahr verbietet, sollten wir im Interesse unseres Kopfes unbedingt befolgen.

Entlang der Playa de la Arena und ihrem parallel verlaufenden Parkplatz dürfen wir aber den guten Fußweg ignorieren und jenseits der Fahrbahn an der Böschung entlanggehen. Als man die Uferstraße baute und dazu das Erdreich abbaggerte, stieß man auf die Schalen von Meeresschnecken. Das ist hier in der Gegend zunächst nichts Ungewöhnliches. Die Guanchen pflegten auf den Klippen Schnecken zu sammeln, pulten die Tiere heraus, um nur diese begehrte Nahrung zu ihren Wohnplätzen tragen zu müssen, und ließen die leeren Schalen zurück. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden an diesen Verarbeitungsplätzen Schalenansammlungen, Concheros genannt, die wir leicht erkennen können. Aber hier lagen die Schalen nicht in großen Haufen, sondern steckten vereinzelt im Boden, teilweise mehr als einen Meter unter der Oberfläche. Das Alter dieser Fossilien, die jeder Spaziergänger dort leicht entdecken kann, wurde auf 170.000 Jahre bestimmt. Mit etwas Glück findet man auch einen kleinen Korallenblock. Ein solcher ziert seit einiger Zeit meine kleine Fossiliensammlung zu Hause. Korallen dieses Typs wachsen normalerweise in mehr als 30 m tiefem Wasser. Normale Wellen spülen sie nicht ans Ufer. Aber vor 170.000 Jahren, als der Cañadas-Vulkan zusammenbrach und im Meer versank, löste dieses Ereignis einen gewaltigen Tsunami aus, gegen den die Monsterwellen der jüngeren Vergangenheit klein erscheinen. Rechnet man ein, dass eiszeitbedingt der Meeresspiegel damals mindestens 50 m niedriger als heute lag, kam diese Welle auf fast 100 m Höhe und wirbelte viel von dem gerade im Wasser versinkenden Schutt auf die Isla Baja. Dabei riss sie auch manches vom Meeresgrund los, unter anderem Schnecken und Korallen. Dicht gepackt und von grauer Farbe finden wir knapp über dem Straßenniveau das, was die Welle an kantigem Geröll zurückließ.

Darüber ist eine dicke Lage feineren und helleren, leicht rötlichen Materials geschichtet. Wären darin nicht die gleichen Fossilien eingebettet, man brächte sie vermutlich nicht mit den Ereignissen von damals in Verbindung. So zeigt sich aber, dass die Katastrophe weiterging. Entlastet von der schweren Gesteinsdecke des bisherigen Vulkans explodierte dessen Magmakammer und schleuderte Massen von feinverteiltem Material in die Luft. Es fiel zufällig genau in der kurzen Zeitspanne auf die Insel herunter, als hier eine oder mehrere Folgewellen, wie man sie auch von anderen Tsunamis kennt, erneut die Küste überfluteten. Die Ereignisse wurden hier sozusagen in einer Momentaufnahme archiviert. In der Geologie, in der sich häufig Ereignisse, die durch mehrere Jahrtausende getrennt geschahen, kaum voneinander trennen lassen, ist solch eine Fundstelle mehr als ein Sechser im Lotto.

Michael von Levetzow 
Tenerife on Top 
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