Streifzüge – ein Museum erzählt: Ein Labor der Evolution


Standort: Área 1 – Origen y Naturaleza del Archipielago Canario, 2. Saal

Die Wände dieses kleinen Raumes sind vollständig mit Bildern bedeckt, die nur der Klärung einer einzigen Hauptfrage dienen: Wie entstand die ungewöhnliche Artenvielfalt auf unseren Inseln? Einige Hinweise darauf, wie manche Pflanzenarten es schafften, das Meer zwischen den Kontinenten und den Inseln zu überwinden, haben wir schon in der untersten Bildreihe gefunden. Die nächste Reihe darüber widmet sich beispielhaft der Entstehung neuer Pflanzen- und Tierarten, nachdem deren Vorfahren die Inseln erreicht hatten. Auch wenn die Wissenschaftler längst noch nicht alle Details dieser Abläufe geklärt haben, können wir hier einige grundlegende Vorstellungen darüber gewinnen.

Zwei Pflanzengattungen sowie die kanarischen Eidechsenarten stehen hier stellvertretend für Hunderte von Arten, deren Lebensraum sich weltweit nur auf die Kanaren beschränkt. Oft kommen sie nur auf einer einzigen Insel vor, selten auf zwei oder drei benachbarten. Endemiten nennt man solche Lebewesen. Vergleichbares gibt es auch auf den Kontinenten, aber viel seltener. Man mag den Kanarischen Drachenbaum, die Kanarenkiefer oder die Kanarische Palme als typisch für die Inseln ansehen. Sind sie auch. Immerhin stehen sie emblematisch für den Archipel oder einzelne Inseln. Für Botaniker allerdings sind die Aeonien, auf Kanarisch „Bejeque“ genannt, die unangefochtenen Spitzenreiter. Von den insgesamt 36 kanarischen Aeonium-Arten sind sechs hier auf einer kleinen Landkarte beispielhaft und mit Fotos repräsentiert, jede Art auf einer eigenen Insel. Nur auf Fuerteventura und Lanzarote, den afrikanahen Nachbarinseln, lebt eine gemeinsame, nur dort anzutreffende Art. Weitere sechs Aeonium-Arten gibt es auf makaronesischem Gebiet. In der übrigen Welt leben nur weitläufig verwandte Arten, aber eben keine Aeonien. (Evt. Inselendemismus zuzuordnen)

Alle Aeonien stammen von einer gemeinsamen Pionierart ab, die vor mehr als 1,3 Millionen Jahren aus dem Mittelmeerraum auf eine der Inseln gelangte, dort überlebte und sich vermehrte. Bei der Fortpflanzung aller Organismen treten selten, aber regelmäßig kleine Veränderungen im Erbgut auf. Sie können vererbt und mit anderen alten oder neuen Erbinformationen kombiniert werden. So verändern sich die Arten beständig und testen aus, welche Erbkombination am bes­ten zur herrschenden Umgebung passt. Gelangen deren Nachkommen auf eine andere Insel, beginnt dieses Geschehen von Neuem, mit dem Unterschied, dass sich von nun an zwei getrennte Linien an zwei getrennte Umwelten anpassen. Erbänderungen auf einer Insel finden nicht entsprechend auf der Nachbarinsel statt. Aus einer ursprünglichen Stammform entstehen so durch Isolation im Laufe der Zeit von Insel zu Insel eigene Arten.

Dazu bedarf es nicht einmal mehrerer Inseln. Es reicht aus, auf ein und derselben Insel durch Lage oder Klima gegenüber anderen Zonen isolierte Bereiche zu haben. Die Kanarenmargeriten (Magarza) von Teneriffa zeigen das anschaulich. Dieses Phänomen zeigen auch auf den Nachbarinseln weitere eigene endemische Magarza-Arten, aber weniger deutlich. Von den zehn Strauchmargeriten-Arten unserer Insel sind fünf häufig anzutreffen, beschränken sich aber jeweils auf ein bestimmtes Stockwerk oder im gleichen Stockwerk nur auf eine Seite der Insel. Höher als Argyranthemum teneriffae steigt in ganz Makaronesien keine Blütenpflanze. Man findet sie bis zum Teidegipfel. Unterhalb der Cañadas wird sie von Argyranthemum nobile abgelöst, dem es weiter oben zu kalt wird. Argyranthemum gracile lebt im wüstenähnlichen Klima der Südwestküste. An den übrigen Küsten findet sich Argyranthemum frutescens.

Fast jede Kanareninsel wartet mit einer eigenen Eidechsenart der Gattung Gallotia auf, einige sogar mit mehreren, die sich durch Aussehen oder Größe unterscheiden. Hier sind nur die häufigsten repräsentiert.

(Fortsetzung folgt. Nächstes Thema: Das beste Klima der Welt)

Michael von Levetzow

Tenerife on Top

Das Museo de la Naturaleza y del Hombre befindet sich in Santa Cruz in der Calle Fuente Morales gegenüber der Kirche Nuestra Señora de la Concepción, unterhalb des TEA.

Öffnungszeiten: Di.-Sa. 9.00 – 20.00 Uhr; So., Mo. und Feiertage 10.00 – 17.00 Uhr.

Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)

Audioguides in deutscher Sprache gibt es an der Kasse.

museosdetenerife.org

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Das Wochenblatt erscheint 14-tägig mit aktuellen Meldungen von den Kanaren und dem spanischen Festland. Das Wochenblatt gilt seit nunmehr 36 Jahren als unbestrittener Marktführer der deutschsprachigen Printmedien auf den Kanarischen Inseln.
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