» Pasacola gibt es doch – nicht. «


Pasacola. Der Ort liegt hoch über Igueste de Candelaria. Von hier aus hat man einen guten Blick über die Küste des Tals von Güímar und natürlich auch hinunter zur Basilika von Candelaria, dem zentralen Heiligtum der Inseln und wenigs­tens zweimal jährlich Ziel großer Pilgerscharen, von denen nicht wenige hier vorbeikommen. Denn Pasacola liegt am alten Camino de Candelaria, der traditionellen Route von La Laguna zu La Morenita, wie die Patrona de Canarias familiär genannt wird. Die spanischen Eroberer bauten schon vor 500 Jahren den leidlich bequemen Weg aus, den sie dort vorfanden. Der einstige Guanchenpfad mauserte sich zum Camino Real, was in seiner damaligen Bedeutung einem heutigen Highway sehr nahekommt. Der Camino de Candelaria stellte zudem auch die Verbindung zu den anderen Caminos Reales im Süden der Insel her. In einer Lage, wo man im Mittelalter vielleicht eine Burg gebaut hätte – auf sicherer Höhe, von steilen Hängen und Schluchten umgeben, in der Nähe der Wege in den Süden und zur Virgen – gründeten frühe Siedler Pasacola. Für lange Zeit eine gute Entscheidung.

Im Gegensatz zum Camino de Candelaria, der vom Norden aus dem Orotava-Tal nach Candelaria führte und ähnlich alt wie sein Bruder aus La Laguna sein dürfte, war dieser in erster Linie eine Handelsroute, über die Waren befördert wurden. Entsprechend breit war er angelegt, so breit, dass möglichst zwei Fuhrwerke nebeneinander Platz hatten. Und natürlich war er überall, wo es nötig war, gepflastert. Und während auf der Nordroute die Leute zwischen Aguamansa und Arafo wenigs­tens sechs Stunden lang unbewohntes Gebiet durchqueren mussten und dabei 1000 m auf- und noch mehr Höhendifferenz abstiegen, schlängelt sich der Weg von La Laguna immer auf der Höhe zwischen 400 m und 450 m an den Berghängen entlang und erreicht alle ein bis zwei Stunden ein anderes Dorf. Nur zum Durchqueren der Barrancos geht es etwas steiler abwärts und anschließend wieder hinauf, selten aber mehr als 30 m Unterschied. Es ist schon fast so, als ginge man entlang der Höhenlinie einer Landkarte. Ganz schön komfortabel, vor allem damals, als es noch keine Autos gab. Erst bei Pasacola endet diese bequeme Strecke. Jenseits geht es steil abwärts in Richtung auf Tal und Küste. Wer von unten kam, machte in Pasacola Pause. Wer in der Gegenrichtung unterwegs war, wahrscheinlich auch.

In Pasacola bekam man Gofio oder Feigen (frisch oder getrocknet), Wein und Käse, vielleicht auch – je nach Saison – frisches Obst oder Mandeln. Denn Pasacola wurde auf einem breiten Bergrücken mit guter, fruchtbarer Erde errichtet. Überall große Terrassenfelder. Alte Anwohner mögen es nicht, wenn man die Terrassen, wie sonst üblich, als Bancales bezeichnet. Ernsthaft erklären sie, dies seien Cadenas (Ketten), eine Bezeichnung, die hier heute noch üblich ist, um bestimmte Grundstücke eindeutig zu benennen. Cadenas wurden so angelegt, dass nur die obersten Felder bewässert werden mussten und deren Sickerwasser dann unterirdisch die tiefer liegenden Areale versorgte. Möglichst wenig sollte verloren gehen; denn Wasser war teuer. Wichtige Staatsbedienstete wachten da­rüber, dass es gerecht verteilt und angemessen bezahlt wurde.

Eintragungen in den Kirchenbüchern zufolge lebten im 19. Jahrhundert in Pasacola zwischen neun und dreizehn Familien. Als – noch vor der dama­ligen Jahrhundertwende – die Carretera General, die neue Landstraße, weiter unten am Berg gebaut wurde, und den Verkehr zwischen den Orten erleichterte, verlor der Camino de Candelaria rasch an Bedeutung und für Pasacola setzte der Niedergang ein. Nach und nach wanderten die Familien aus. Die letzten um 1920. Danach verfiel das Dorf, Dächer stürzten ein, später folgten einige der scheinbar fest aus guten Feldsteinen gemauerten Wände, die schon Jahrhunderte überdauert hatten. Möglicherweise wurde auch manches für den Bau neuer Häuser in umliegenden Siedlungen ausgebaut und abtransportiert. Zugedeckt unter wuchern­den Pflanzen warteten die Ruinen auf ihre Wiederentdeckung. Auch der Camino geriet in Vergessenheit, wurde teilweise zerstört und überwuchert. Erst in den letzten Jahren entsannen sich einige Anwohner der Vergangenheit und begannen, die Reste freizulegen und den Weg zu restaurieren, soweit er nicht längst asphaltiert wurde. Ziemlich bald stellten die Behörden die erhaltenen Wegabschnitte und auch die Reste von Pasacola unter Denkmalschutz. Heute ist der Camino einer Perlenschnur ähnlich: Historische Passagen reihen sich aneinander, dazwischen die eine oder andere Piste.

Auch der Besuch Pasacolas lohnt sich, wenn man alte Gemäuer spannend findet. Am bes­ten ist die Era, der Dreschplatz, erhalten. Von ihr blickt man auf die ehemaligen Getreidefelder, auf denen nach der Ernte Zwiebeln angepflanzt wurden. Etwas unterhalb entdeckt man eine große künstliche Höhle, die den Bewohnern als Lager und manchmal auch als Viehstall gedient haben soll. An mindestens zwei Häusern sind noch die alten gemauerten Öfen erkennbar. Sie erinnern daran, dass man damals mit Holz oder Holzkohle Feuer machte und dafür einen großen Teil der Wälder abgeholzt hatte. Die sich deswegen anbahnende ökologische Katastrophe wurde gerade noch rechtzeitig erkannt und abgewendet.

Um nach Pasacola zu kommen (und eventuell dann weiter nach Candelaria zu wandern), fährt man am besten mit dem Bus von La Laguna nach Lomo Morin. Das erste anschließende Stück des Camino ist durch eine Asphaltpiste ersetzt worden, aber danach, ab El Toscal, wird es richtig gut. Wenn wir Barranco Hondo verlassen haben und nach einigen großen Wegbiegungen rechts von uns einen Baum mit auffällig halbkugeliger Krone sehen, wird es allmählich Zeit, auf die Betonstufen zu achten, die etwas weiter voraus links nach unten auf einen Weg führen und uns ans Ziel bringen.
Pasacola ist nicht mehr, was es mal war. Aber es ist wieder da. Ob wir danach ab Igueste den Bus nehmen oder an der Cueva de Añaco vorbei weiterwandern, von hier führt noch immer alles nach Candelaria.

Michael von Levetzow
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