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Dieser Artikel ist überwiegend einer Pflanze gewidmet. Ihre auffälligen Blüten sind im Juni und Juli für aufmerksame Wanderer unübersehbar. Sie ist nicht nur schön, sogar ausgesprochen fotogen, sie hat auch sonst einiges Wissenswerte zu bieten. Die Rede ist von Cresta de Gallo (Isoplexis canariensis), dem Tenerife-Kanarenfingerhut.

„Was ist eigentlich für Dich das Besondere an Teneriffa?“ fragte mich vor einiger Zeit ein Bergführer-Kollege, der weit mehr als ich in der Weltgeschichte herumgekommen ist. Auf den Kanaren war er allerdings noch nicht. Ich habe ihm eine ganze Menge erzählt, über Teneriffa gibt es viel zu sagen. Aber irgendwie konnte ich es nicht auf den Punkt bringen. Manchmal sieht man einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die Frage ließ mich nicht los; denn ich lebe sehr gerne und aus Überzeugung hier. Dann hatte ich es. Für mich ist es diese beinahe unendliche Vielfalt, der ständige Wechsel der Landschaften, der Pflanzen, der Gesteine und darin eingebettet Zeugnisse eines stetigen Wandels. Hier ist nichts statisch. Alles verändert sich: mit dem Tageslauf und der Sonnenbahn, mit den Jahreszeiten und dem Klima, mit den Jahrhunderten. Und deswegen wird es mir auch nicht langweilig, die gleichen Touren mehrmals zu führen. Ich entdecke immer wieder Neues, meine Gäste sowieso.

Meine Gäste, ein süddeutsches Paar, wollten das Teno-Gebirge kennenlernen. Sie sind keine Teneriffa-Neulinge und nehmen sich die Insel Abschnitt für Abschnitt vor. Die Masca-Schlucht sollte es diesmal natürlich sein, weil davon so viel berichtet wird, aber auch eine weitere Route zum Erforschen der Landschaft. Nicht zu alpin sollte sie sein und trotzdem die großartigen alpenähnlichen Pa­noramen enthalten, die man im Teno finden kann. Also habe ich für sie einen großen Rundweg zusammengestellt: Von El Palmar über den alten Bauernweg hinauf nach Teno Alto mit Pause in Los Bailaderos. Dann weiter über die Hochebene von Teno Alto, vorbei an zahlreichen interessanten Relikten der ländlichen Kultur mit Besuch in der Käserei von El Drago (wo wir den ganz frischen Käsebruch probieren durften) bis an den Rand des Barrancos, der seltsamerweise „Los Barrancos“ heißt. Von hier folgten wir dem Bergkamm der Cumbre de Baracán bis zum Paso de Tabaiba mit großartigen Tiefblicken in den Doppelbarranco Los Carrizales und Abache und den Bergkämmen zwischen den großen Teno-Schluchten im Hintergrund, um von dort auf dem alten, teilweise fast zugewachsenen Pfad nach El Palmar wieder abzusteigen. Abwechslungsreicher sollte eine Tour nicht sein, sonst wird es zu viel. Monoton ist woanders. Anfangs gingen wir zwischen aufgelassenen Terrassenfeldern mit Resten von Wein sowie einigen Feigen- und Mandelbäumen. Steinmauern begrenzen hier den gepflasterten Weg und die Felder. Dann kommt die Region der Sukkulenten, wo massenhaft blühende Aeonien  und halbkugelige Tabaibas das Bild prägen, Reste des ursprünglichen wärmeliebenden Trockenbuschs. Über die Wolken, die uns hier begleiteten und etwas kühlten, waren wir nicht undankbar. Schließlich erreichten wir den Monteverde, der hier auf der Inselnordseite die oberen Bergflanken vor allem mit Baumheide und Gagelbaum, aber auch Ilex und anderen Hartlaubgewächsen bedeckt. Hier ist der Lebensraum von Cresta de Gallo, was auf Deutsch „Hahnenkamm“ bedeutet.

Der Halbstrauch bevorzugt kleine Lichtungen, wo er nicht ständig der Sonne ausgesetzt ist, wächst deswegen auch gerne entlang der Wege und an diesem speziellen Weg geradezu massenhaft. Von Gelb über Orange bis Purpur leuchten seine Blüten in die Landschaft, heben sich vom Hintergrund der dunklen Blätter gut ab und locken Bestäuber an. In der Blüte selbst ist der Weg zu den Nektardrüsen aber leicht versperrt, starke Insekten mögen die hinderlichen Staubblätter zur Seite schieben können, aber die kann man nur selten bei ihrer Arbeit beobachten. Dabei liefern diese Blüten reichlich Nektar, mehr als die meisten anderen Blumen. Wer hier wirklich bestäubt, dürfte uns Wanderern meistens verborgen bleiben; denn die natürlichen Bestäuber sind scheu und längst irgendwo versteckt, wenn wir bei den Fingerhüten ankommen. Wir müssten uns in der Nähe ganz still und möglichst unbeweglich hinsetzen und abwarten, um mit etwas Glück zu beobachten, wie hier Vögel im Schwirrflug – ähnlich den bekannten Kolibris – von Blüte zu Blüte und Pflanze zu Pflanze fliegen und dort Nektar trinken. Die Kanarische Mönchsgrasmücke und der Kanarische Zilpzalp, beide endemische Arten, deren Verwandte auch in Deutschland brüten, wurden als Bestäuber identifiziert. Ihre europäischen Verwandten zeigen dieses Verhalten nicht. Es ist hier im Laufe von Jahrmillionen entstanden.

Wer denkt bei Fingerhut nicht an Digitalis, die klassischen Herztropfen aus Volksmedizin und Apotheke? Obwohl der Kanarische Fingerhut durchaus hinsichtlich seiner Wirksamkeit und Giftigkeit den europäischen Vertretern dieser Art vergleichbar ist, spielt er in unserer Medizin keine Rolle. Bisher konnte man ihn im Gegensatz zum Roten Fingerhut nicht anbauen. In der kanarischen Volksmedizin kannte man Tee aus Cresta de Gallo aber durchaus als Mittel zur Kräftigung des Herzens.

Während wir hier staunend wandern, erreichen wir zunächst verwilderte und wenig später bearbeitete Äcker. Seit Jahrhunderten kamen die Bauern zu Fuß her, um die Böden mit der Hand zu bearbeiten. Einer ihrer wichtigsten Wege war der nach El Palmar, auf dem wir uns allmählich dem kleinen Dorf nähern. Sie sind ihr ganzes Leben lang die Berge hinauf- und hinabgestiegen, um ihre Produkte abzuliefern und das, was sie benötigten, aber nicht selbst herstellen konnten, nach Hause zu tragen. Vermutlich hatten die meisten von Ihnen nie Kreislaufprobleme, und wenn, dann war es nicht weit zur nächsten Isoplexis.

Der Kanarische Fingerhut blüht nur während zwei Monaten im Jahr. Die Vielfalt der Landschaft ist ganzjährig. Sie erlebbar zu machen, ist mir eine Herzensangelegenheit. Gehen Sie doch mal hin. Sie wissen jetzt, wo das ist.

Michael von Levetzow
Tenerife on Top

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