» Entlang des Pilgerweges «


Pilgern kommt immer mehr in Mode. Alle Welt pilgert heutzutage. Aus dem oftmals mühsamen Wandern und Beten mittelalterlicher Gläubiger zur Erlangung des erhofften Seelenheils nach dem Tod ist längst für viele Pilger ein Weg zu sich selbst geworden. Ob Religion dabei eine Rolle spielt, entscheidet jeder Pilger für sich selbst. Man kann heute auch ganz weltlich pilgern. Ganz oben im europäischen Ranking der Pilgerrouten steht unangefochten der Camino de Santiago, zu dem aus ganz Europa Jakobswege führen. Auch auf Teneriffa gibt es dazu eine kurze Entsprechung von Santa Cruz über das Orotava-Tal nach Santiago del Teide. Aber das ist eher eine Besonderheit der Santacruzeros, da seit der erfolgreichen Abwehr des Angriffs des Admirals Nelson auf ihre Stadt am Jakobstag 1797 der heilige Jacobus (Santiago) als einer der Schutzheiligen der Stadt verehrt wird. Weitaus längere Tradition und eine wesentlich tiefere Verankerung in der Bevölkerung haben die Wallfahrten nach Candelaria zur Patrona de las Canarias, wie die dortige Virgen offiziell heißt. Aus allen Teilen der Insel führten und führen diese Wege in den ursprünglich kleinen Ort am östlichen Rand des Tals von Güímar. Vor allem am Fest „Maria Himmelfahrt“, am 15. August jeden Jahres, oder schon am Tag davor machen sich zahlreiche Gruppen von überall auf. Viele nutzen auch die Kühle der Nacht, um die Plaza und die Basilika von Candelaria zu erreichen. Trotz des hohen Kirchenfestes spielt Religiosität keine herausragende Rolle dabei; vielen geht es mehr um lebendige Tradition und um kanarische Identität. In der Vergangenheit soll das anders gewesen sein. Als wir Mitte der 1960er Jahre zum ersten Mal am Día de Candelaria auf dem alten Weg von Aguamansa nach Arafo unterwegs waren, erzählte man mir, die Pfarrer pflegten den verstockten Sündern als Buße eine Wallfahrt nach Candelaria aufzuerlegen – barfuß.

Eine barbarische Strafe; denn der gesamte Weg führt über unterschiedlichstes vulkanisches Material. Je nachdem, wie rasch die Lava seinerzeit abkühlte, entstand in diesem Gestein mehr oder weniger viel vulkanisches Glas. Je schneller die Abkühlung geschah, desto mehr Glasanteile bildeten sich. Deswegen setzt nicht nur das schwarze vulkanische Glas, besser bekannt als Obsidian, den Sohlen zu, sondern jeder steinige Untergrund auf Teneriffa. Auf dem Weg nach Candelaria sind stabile Sohlen kein Luxus. Ab und zu treffen wir dort auf solide geflossene Lava mit einigermaßen glatter Oberfläche. „Pahoehoe“ nennt man sie. Das Wort stammt aus dem Polynesischen von Hawaii und bedeutet: „Lava, auf der man gehen kann.“ Dünnflüssige Lava ist hier erstarrt. Sie stammt von einem der Kegel, die die Cumbre Dorsal, das Rückgrat der Insel, bilden. Der größte Teil des Weges verläuft aber über lockereres Material, bei dem wir sorgfältig gehen müssen, um nicht auszurutschen. Fast jeder Schritt befördert ein paar Steinchen talwärts. So wundert es nicht, dass im Laufe der Jahrhunderte knietiefe Hohlwege entstanden sind. Die oftmals winzig kleinen Lavasteinchen, aus denen hier der Untergrund aufgebaut ist, sind die Folge explosiver Eruptionen, bei denen fein verteilte Lava-Tröpfchen hoch in die Luft geschleudert und einige Kilometer vom Krater entfernt abgelagert wurden. Ob Staub, Lapili, Asche, Schlacken oder Bomben von einem Krater ausgestoßen werden, hängt von der Eruption ab. Alles, was durch die Luft geflogen ist, bezeichnet man in der Vulkanologie als pyroklastisch. „Pyro“ bedeutet im Altgriechischen „Feuer“ und „klast“ das Abgebrochene, ein aus glühenden Brocken entstandenes Gestein also.

Aus dem Orotava-Tal führt der Weg hinauf zu einer der schmalsten und niedrigsten Stellen im zentralen Teil der Cumbre Dorsal. Dort bei La Crucita vereinigt er sich mit dem Weg von Santa Úrsula und zieht hinab in das Tal von Güímar, also dorthin, wo um das Ende des 14. Jh. die erste Virgen de Candelaria bezeugt ist. Unser Weg allerdings ist wesentlich älter, stellte er doch für die Guanchen einen der wichtigsten Nord-Süd-Übergänge dar. Aus beiden Tälern ist dieser Ort an der Sichelform des Bergrückens gut zu erkennen. Über die tiefste Stelle verläuft der Weg und erreicht die Caldera de Pedro Gil auf der Südabdachung. Der Name Pedro Gil begegnet uns in dieser Gegend öfter. Er war um das Jahr 1500 Acequiero und damit ein wichtiger Staatsbeamte in der noch jungen Kolonie. Zu seinen Aufgaben gehörte die Kontrolle und die gerechte Verteilung des Wassers, das damals noch reichlich in den benachbarten Barrancos floss und wichtig für die Zuckergewinnung und die vielen Wassermühlen La Orotavas war. Die nach ihm benannte Caldera ist zusammen mit den umgebenden bis zu 500 m hohen Felswänden des Pico Cho Marcial und des Pico de Añavingo der spärliche Rest eines stattlichen Vulkans, viel älter als der Teide und längst zur Ruine erodiert, als dieser vor 170 000 Jahren emporwuchs. Als vor 800 000 Jahren unterhalb der Ruine der Hang unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach und ins Meer stürzte, entstand das Tal von Güímar. 300 000 Jahre später wiederholte sich das Ereignis an der Nordseite und hinterließ das Orotava-Tal. An La Crucita treffen sich die beiden Abbruchkanten.

Auch wenn die Caldera de Pedro Gil nicht erst mit dem Tal von Güímar entstanden ist, dürfte durch dessen Entstehung die weitere Erosion und Vertiefung dieser Senke deutlich verstärkt worden sein. Ab Jahresbeginn 1705, als im unteren Bereich der Caldera der Volcán de la Arena ausbrach und mit seiner Lava einige Barrancos verfüllte, dürfte sich der Prozess etwas verlangsamt haben. Beim Vulkan selbst lohnt sich trotz der Hitze ein kurzer Abstecher nach rechts unter die beeindruckende Wand des Pico Cho Marcial. Dort führt links ein kleiner Trampelpfad zu einer Stelle, von der man in den jungen Krater sehen kann. Ihn selbst darf man nicht betreten. Dem Pfad sollte man auch nicht weiter folgen. Er führt bald in gefährliches Gelände. Der eigentliche Weiterweg nach Arafo ist noch etwas lang, aber nicht schwer. Ein Pilgerweg eben.

Der Weg nach Candelaria, der seitdem dort über schwarze Asche führt und sich im Sonnenlicht ordentlich aufheizt, ist damit für Büßer bestimmt noch etwas verschärft worden. Jedenfalls sollte man ausreichend Trinkwasser mitnehmen. Mit einem Augenzwinkern wurde mir seinerzeit versichert, die Strafe sei für clevere Sünder gar nicht so schlimm gewesen. Sie seien barfuß auf dem Rücken eines Maultiers gepilgert.

Michael von Levetzow
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