» Eine Frage der Ebene «


Am Mirador de La Jardinera an der Haarnadelkurve oberhalb von Las Mercedes fahren nur die Anwohner vorbei. Touristen und Ausflügler halten dort mehr oder weniger lange an. Die Stadt La Laguna mit der Vega (Ebene) davor, an den Seiten einige Tafelberge und Hügel, im Hintergrund der Nordflughafen und noch weiter weg die Cumbre de Pedro Gil und schließlich der Teide. Bei klarem Wetter ist das schon ein besonderes Panorama, das nach meiner häufigen Erfahrung selbst Einheimische nicht unberührt lässt. Manchmal kann man dort Bruchstücke von Erklärungen aufschnappen. Und es gibt wirklich viel zu erklären: Die Stadt mit ihrer Gründung und der Lage am ehemaligen See. Mit der Ebene, mit den Tafelbergen, mit den Grundzügen der großartigen Landschaft, mit Wolken und Wetter tun sich die meisten schon etwas schwerer. Obwohl man das alles von hier gut sieht, ist es deutlicher erkennbar, wenn man sich die Zeit nimmt, auf einen der Hügel auf der linken, südlichen Seite, die den Blick auf Santa Cruz verhindern, zu steigen. Dort verlief früher ein Teil der Cañada Verde, der Cañadas von La Laguna, über die die Viehherden von den Winterweiden des Anaga-Gebirges zu den Sommerweiden im Zentralteil der Insel getrieben werden mussten. So wurde verhindert, dass die Ziegen die saftigen Felder der Vega plünderten.

Man kann die alten Cañadas, was man richtigerweise mit Viehtrieb übersetzt, von verschiedenen Punkten aus erreichen. Relativ leicht geht es vom Parkplatz bei der Plaza del Adelantado in La Laguna. Hinter dem Justizgebäude führt eine Straße im Bogen aufwärts und über die TF-13. Nach einer kurzen Strecke kann man sie nach links verlassen und über Pfade das Plateau der Mesa Gallardina erreichen. Oben sind die Spuren der Nutzung, vor allem durch die Viehherden, noch gut sichtbar. Im Süden reicht der Blick bis hinunter zur Küste mit Santa Cruz, im Norden sehen wir uns der Mesa Mota gegenüber und erkennen aus dieser relativ kurzen Distanz, dass sie aus lauter waagerechten Schichten aufgebaut ist, obwohl doch eigentlich die Lava bis zu ihrem Erstarren schräg in Richtung Meer abgelaufen sein sollte. Wir befinden uns in einer zwar mehr oder weniger dicht bewachsenen Landschaft, aber das Artenspektrum unterscheidet sich stark von der intakten ursprünglichen Landschaft. Hier erobert die Natur Räume zurück. Das machen zuerst die Pflanzen, die sich aufgrund ihrer Vermehrungs- und Wachstumseigenschaften schnell ausbreiten können: Fenchel, Wermut und einige Distelarten zum Beispiel. Auch eingeschleppte Arten wie Opuntien und Agaven bilden größere Bestände, was das Landschaftserlebnis nicht beeinträchtigt. Dazwischen zeigen Hafer- und Weizenhalme an, dass hier wohl auch Ackerbau versucht worden ist. Wer gezwungen war, auf solchen felsigen, trockenen Böden Getreide anzubauen, gehörte nicht zu den Wohlhabenden, die in der Vega die besten Ackerböden der ganzen Insel besaßen. Überhaupt: Die Vega ist die größte und fruchtbarste Ackerbauebene der Insel. Andere Ebenen, wie beispielsweise das Valle de la Ucanca im Nationalpark, sind dafür schlecht oder gar nicht geeignet. Kein Wunder, dass die Anführer der Eroberer sich vor 500 Jahren diese Filetstücke sicherten.

Eine Ebene dieses Ausmaßes in einem Gebirge, zumal auf einer vulkanischen Insel, ist ungewöhnlich. Dass sie von mehreren Tafelbergen umgeben ist, nicht minder. Diese Plateaus sind nicht gemeinsam entstanden, hängen aber dennoch miteinander zusammen. Also der Reihe nach: Die Entwicklung beginnt, als Anaga noch eine eigene Insel war, ohne Verbindung zum Zentralteil, der damals wahrscheinlich noch gar nicht existierte. Ihr Durchmesser dürfte größer gewesen sein als der kleine Rest, den wir heute als Anaga-Halbinsel kennen. Ähnlich wie die Cumbre Dorsal im heutigen Zentralteil Teneriffas war sie wohl etwa 2000 m hoch. Diese Höhe wurde nicht in einer ununterbrochenen Serie von Vulkanausbrüchen erreicht. Es gab Pausen, in denen das Aufgebaute durch Erosion wieder abgetragen wurde. Barrancos und Täler entstanden so. Durch sie wälzten sich in nachfolgenden Eruptionsphasen meterdicke Lavaströme und schufen mächtige Lagen fast waagerechter Basaltschichten. Junge Lava verwittert schwerer als alte. Die ehemaligen Bergrücken zwischen den jungen Lavapaketen waren zwangsläufig älter und erodierten jetzt vorzugsweise, während die jüngeren Basaltschichten freipräpariert wurden und heute als Tafelberge das tiefere Flachland mit den fruchtbaren Böden umstehen. Dort, wo sich heute die ebene Vega ausbreitet, war also ursprünglich ein alter Bergrücken.

Mit seiner Abtragung war keineswegs die heutige Ebene entstanden, sondern ein wesentlich tieferes Tal, das bis hinunter zur Küste reichte. Auf der Anaga-Insel schlief der Vulkanismus zunehmend ein und verlagerte sich westwärts, wo die Dorsal de Pedro Gil aus dem Meer emporwuchs und schließlich zur Cumbre Dorsal wurde, über die heute die Straße von La Esperanza zum Portillo führt. Dieses neue Gebilde breitete sich aus, erreichte die Küste der Anaga-Insel, die dadurch zur Halbinsel wurde und versperrte mit seiner Lava das erwähnte Tal. Weiterhin floss aber nach jedem Regen Wasser von den Anaga-Hängen und riss Erdreich und Geröll mit sich. Da das Tal neuerdings verschlossen war, konnte dieses Material nicht mehr ins Meer geschwemmt werden, sondern wuchs im Laufe der Jahrmillionen zu einer 500 m hohen, topfebenen Schicht an, auf der ein kleiner abflussloser See, die ehemalige namensgebende Lagune mit emporgehoben wurde.

Als die spanischen Eroberer die Wälder des Anaga-Gebirges abzuholzen begannen, beeinträchtigten sie damit zugleich, ohne dies zu wissen, den horizontalen Regen, den wichtigsten Wassernachschub der Insel und der Lagune. Deren Spiegel sank allmählich und gab neues Ackerland frei. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts leitete man das noch verbliebene Wasser durch einen Kanal in den Barranco de Santos und legte die Lagune endgültig trocken. Flüssigkeiten, egal ob Wasser oder Lava, die sich aufstauen, erzeugen Ebenen. Wie man hier gut sieht.

Michael von Levetzow
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