» Blumenweg mit Wiedehopf «


El Palmar ist Ausgangspunkt oder Ziel von Wanderungen im Teno-Gebirge. Einige alte Wege kamen hier zusammen: Von Masca und Los Carrizales, von Los Bailaderos auf der Teno-Hochfläche, von Buenavista oder Los Silos, von Erjos und nicht zuletzt auch Santiago del Teide. Der kleine Ort in seiner großen Talschüssel ähnelt mit seinen Wegen in alle Richtungen einem Spinnennetz. Eine wahre Frühjahrsempfehlung ist der Rundweg von El Palmar, der um die beiden Vulkankegel des Ortes herumführt. Er ist fast überall gepflastert oder eine gute Schotterpiste und, falls man den Abstecher auf die Vulkankegel macht, gerade einmal sechs Kilometer lang – genau das Richtige für einen gemütlichen Ausflug in einer unerwartet hübschen Landschaft. Auf halbem Weg, in Las Lagunetas, kann man gut einkehren. Wanderausstattung und Rucksack mit reichlich Wasser und etwas zum Knabbern darf man hier gerne zu Hause lassen. Kopfbedeckung und Sonnenschutz sind jedoch unverzichtbar. Es gibt keinen Schatten unterwegs. Eine Landkarte braucht man nicht. Der Rundweg ist eine Kombination des PR 59 von El Palmar nach Las Lagunetas mit dem PR 52.2 von dort zurück zur Plaza in El Palmar. Wer dennoch nicht auf eine Karte verzichten will, bekommt diese im Informationszentrum „Los Pedregrales“ am Beginn der Straße nach Teno Alto. Auf den üblichen Wanderkarten ist er jedenfalls nicht eingezeichnet und auch nicht in den Führern beschrieben.

Erreicht man von Buenavista kommend El Palmar, sind links von der Straße einige skurrile  Bronzefiguren auf einer kleinen Plaza kaum zu übersehen, aber für Vorbeifahrende viel zu schnell wieder dem Blick entzogen. Hier gibt es in der Regel Parkmöglichkeiten, und hier beginnt auch der Weg. Eine Übersichtstafel zeigt seinen Verlauf an. Die bronzenen Statuen stellen Musikanten und zwei Tänzer dar, die in einem überlieferten rituellen Tanz den Kampf des Guten gegen das Böse symbolisieren. Der Tanz gehörte zum lokalen Brauchtum der bäuerlichen Gesellschaft, die dieses Tal über Jahrhunderte erschlossen und bewirtschaftet hat. Zahlreiche Terrassenfelder auf den umliegenden Berghängen zeugen von dieser Tätigkeit. Die meisten sind seit Jahrzehnten aufgegeben und werden von der Natur zurückerobert. Statt der ursprünglich hier bevorzugt wachsenden Pflanzen des thermophilen (wärmeliebenden) Wal­-

des breiten sich jetzt aber in erster Linie die Pflanzen aus dem tiefer gelegenen Sukkulentenbusch, die Tabaibas und Verodes aus, denen zahlreiche Piteras (Agaven) und Tuneras (Opuntien) den Platz streitig machen. Vom ursprünglichen wärmeliebenden Wald sind fast nur noch die kanarischen Palmen übrig geblieben. Entlang der Straße wurden sie gepflanzt, aber je weiter weg von dieser kleine Palmengruppen die Landschaft auflockern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um natürlich aufgewachsene Exemplare handelt. Der Ort heißt nach den Palmen, die es hier immer schon gab.

„Las Libreas“,der alte Tanz, der hier gepflegt wurde, heißt übersetzt „die Livreen“, was die Uniformen der Diener bedeutete. Hier dürfte es sich auf die Verkleidung als „Teufel“ und Mensch / Bauer bezogen haben. Es war ziemlich harte Arbeit, dem Land das Gute, den täglichen Lebensunterhalt, abzuringen. Naturereignisse wie plötzliche Unwetter, aber auch das Eindringen unerwünschter Pflanzen konnten alles zunichtemachen. Der Tanz reflektierte Leben und Leiden dieser Menschen.

Entlang unseres Weges wird noch viel Land bewirtschaftet: Wein, Kastanien- und blühende Mandelbäume prägen das Bild. Die Weinstöcke umgeben öfters kleine Kartoffeläcker. Dort wird der knappe Boden vollständig genutzt. Außerdem nützen sich beide Pflanzen gegenseitig. Durch die Kartoffeln ist der Boden lockerer, was dem Wein nützt, der wiederum den Kartoffeln Schatten spendet und sie so vor der sengenden Sonne schützt. Sehr bald gesellen sich auch weiß blühende Obstbäume dazu. Apfelbäume und ein paar Kirschbäume erkennen wir und unter diesen blau, rot, gelb, violett und weiß eine nicht endende Blütenpracht, wohin das Auge schaut. Es ist die Frühlingswanderung schlechthin. Trotz der Nähe einiger Siedlungen begegnen wir unterwegs keinen Menschen. Nur in Las Lagunetas treffen wir einige Bewohner auf der Straße und im Gasthaus. So wundert es nicht wirklich, dass plötzlich ein Wiedehopf vor uns auffliegt und gleich wieder landet. Auf Fotodistanz lässt uns dieser äußerst scheue Vogel aber nicht herankommen und verdrückt sich seitlich in die Büsche.

Der Rückweg bringt uns nah an die Vulkane von El Palmar. Schon im Vorbeifahren auf der Straße sieht man deutlich die Wunden, die der Tagebau in den Sechzigerjahren den Bergen geschlagen hat. Längst stehen sie unter Naturschutz. Aus der Nähe erkennen wir gut, dass sie nur aus Lockermaterial aufgeworfen worden sind. Deshalb war das Gestein auch als Baustoff und zur Unterfütterung neuer Ackerterrassen damals so begehrt. Aus diesen Kratern ist nie Lava geflossen; sie trat unterhalb der Kegel aus und schuf die Isla Baja von Buenavista. Dass man noch mehr als fünfzig Jahre nach Ende der Abgrabungen die Spuren der Baggerzähne erkennen kann, sollte nicht dazu verleiten, in diesen Gruben herumzugehen. Das Material ist stellenweise äußerst instabil. Es hat schon Todesfälle gegeben.

Der Weg hinauf auf die Vulkane beginnt kurz vor Ende des Rundwegs. Von oben hat man besonders gute Blicke über das Tal. Es ist ruhig. Man hört den Wind und die Vögel, sonst ist es einsam.

Nicht zuletzt gibt es in El Palmar und Las Lagunetas immer wieder verträumte Winkel, alte Gassen und Häuser, rustikal, anheimelnd und schön. Die Wanderung ist kurz. Wir sind oft stehen geblieben, um zu schauen und zu genießen. Wir werden wiederkehren. Spätestens im nächsten Frühling.

Michael von Levetzow
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