» An der Grenze « (Teil 3)


Das Landschaftsbild vulkanischer Inseln ändert sich stetig. Eruptionen befördern neues Material an die Oberfläche, jüngere Lavaströme überde­cken älteres Gestein und schützen es vor Verwitterung und Erosion, vulkanische Asche und anderes Material fliegen hoch in die Luft und werden in einiger Entfernung irgendwo abgelagert. So entstehen von Zeit zu Zeit Hügel, Bergrücken und Krater, über denen eine Zeit danach weitere Berge emporwachsen. Vulkane bauen die Inseln auf. Zwischen ihren Ausbrüchen gestalten Wasser, Wind und andere Faktoren die neue Landschaft, tragen Material ab und deponieren es wieder an anderen, tiefer gelegenen Or­ten. Schlussendlich versinkt alles irgendwann in den Tiefen des Meeres. Sofern nicht über all diesen auf- und abbauenden Vorgängen ganze Bergflanken unter ihrem eigenen Gewicht schlagartig zusammenstürzen, formen sich durch Erosion nach und nach große Talkessel oder tiefe Schluchten. Vor allem letztere sind interessante Landschaftsteile, wenig durch menschliche Aktivität verändert und spannend für Entdecker. Weit über einhundert solche Barrancos sind allein von Teneriffa bekannt, aber nur wenige sind durch Wanderwege erschlossen. Allzu oft enden die Versuche, einem Barranco zu folgen, an einer Felswand oder einem steilen Absturz. Vor allem die großen Schluchten lassen sich nur an einigen wenigen Stellen durchqueren oder auf kurzen Abschnitten begehen. Manchmal geht es aber doch, trotz der steilen Felsriegel. Man darf nur keine Höhenangst haben. Gewusst wie, ergibt sich eine attraktive Bereicherung des Schluchtwanderns.

Reiseberichte aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg berichten übereinstimmend, dass in den meisten großen Schluchten zumindest während einiger Monate im Jahr reichlich Wasser floss. Seit dem Bau der großen Wasserstollen ab den 1930erJahren sind deren Quellen versiegt und die Barrancos einschließlich ihrer ehemaligen Wasserfälle oftmals jahrelang trocken. Nur noch wenn unmittelbar über dem Einzugsgebiet der Schlucht ein Regenunwetter tobt, schießen dort Wassermassen zu Tal. In gut trockenem Zustand sind viele Barrancos – abgesehen von eventuell üppig wachsendem Gestrüpp – gut begehbar und weitgehend sicher. Bei und genügend lange nach Regenfällen, auch solchen, die keine Unwetter waren, sollte man sie allerdings alle meiden; denn dann sind sie nicht sicher. Steinschlag hält sich nicht an die Versprechen von Touranbietern, und Sickerwasser macht die Hänge instabil. Als normaler Wanderer sollte man sich hüten, Barrancos abzusteigen, in denen der Pfad nicht auf der Talsohle verläuft, sondern zumindest an den Felsriegeln in die steilen und abschüssigen Flanken ausweicht. Solches Gelände muss denen vorbehalten bleiben, die sich mit der Exponiertheit und dem ständig unterschiedlich festen Untergrund gut auskennen. Da man auf dem europäischen Festland solche Verhältnisse nicht antrifft, gilt dieser Warnhinweis uneingeschränkt für alle Besucher der Inseln.

Glücklicherweise gibt es eine ausreichend große Zahl attraktiver Schluchten mit Pfaden auf der Talsohle. Für sie hat sich schon seit einigen Jahrzehnten eine Spielart herausgebildet, die man als Barranquismo bezeichnet. Vom anderenorts angebotenen, ähnlichen Canyoning unterscheidet es sich auf der Insel vor allem dadurch, dass es eben nicht in Bergbächen stattfindet, (obwohl das an einigen wenigen Stellen auch hier mit behördlicher Erlaubnis möglich ist). Vor allem die hiesigen Bergsteigervereine bieten für ihre Mitglieder immer wieder Barranquismo an. Auch ein paar qualifizierte Firmen haben diese Spielart des Bergsteigens im Angebot. (Vorsicht: Wie in allen Sektoren gibt es auch hier schwarze Schafe.) Mit einem guten Führer und der richtigen Ausstattung spricht allerdings wenig dagegen, sich dieses Erlebnis zu gönnen.

Der Barranco de Hérques, seit Jahrhunderten die eindeutige Grenze zwischen Güímar und Abona, ist eigentlich nicht begehbar. Man kann ihn sich jedoch in seinem mittleren und unteren Verlauf mit dieser Technik erschließen. Er ist gut für Anfänger geeignet. Der Weg über die Talsohle ist leicht, ab und zu trifft man auf eine geräumige Höhle knapp über dem ehemaligen Bachbett. Möglicherweise wurden sie von den Guanchen genutzt. Um das zu klären, müsste man Ausgrabungen machen. Das ist aber nur Archäologen vorbehalten. Selten einmal stöbern meine Gäste oder ich unter einem der Felsdächer. Die Neugier auf das, was unterwegs noch kommt, ist größer.

Einige hundert Meter Weg liegen hier jeweils zwischen den acht Abseilstellen. Jede ist etwas anders. Anfangs zeigt sich bei allen Teilnehmern eine gewisse Anspannung, wenn sie – doppelt gesichert – langsam am Seil in die Tiefe rutschen. Gleich an der ersten Wand geht es 30 m abwärts. Jedes Teil der Abseil-Ausrüstung kann etwa 2,5 Tonnen tragen. So viel wiegt ein ausgewachsenes Nashorn oder ein kleiner Elefant. Das gibt ein gutes und sicheres Gefühl. Zusätzlich schützt ein Steinschlaghelm, falls von oben mal etwas fallen sollte. Und selbstverständlich wurden Technik und eigenes Verhalten vorher geschult und geübt. Mit jedem neuen Absatz wird die Vertrautheit größer, wächst der Genuss des Gefühls, sicher zu schweben. Hier kann und muss ich als Führer absolute Ruhe und Sicherheit ausstrahlen. Jeder Fixpunkt wird beim Aufbau der Abseilstrecke sorgsam kontrolliert, jeder Gast genau beobachtet und überwacht. Schnell legt sich die Anspannung der Gäste, und ich bekomme reichlich Gelegenheit, zwischendurch über die Geologie und die Pflanzen des Gebiets zu informieren, von den Ureinwohnern und vom Klima zu erzählen – immer dann, wenn sich dazu etwas zeigen lässt.

Solch ein Erlebnis ist für Führer und Gäste einmalig. Sehr zufrieden, gut gelaunt, aber immer noch nicht übersättigt von den vielen Eindrücken, erreichen wir nach etwa vier Stunden das Ende unserer Tour bei der Südautobahn. An ihr entlang wandern wir noch einen Kilometer bis zur Raststätte von Fasnia, wo die geparkten Autos warten. Und ein guter Imbiss.

Michael von Levetzow 

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