Streifzüge – ein Museum erzählt: Was die Knochen berichten


Museen gibt es viele. Auch auf den Kanaren. Die meisten haben etwas Besonderes. Das Museo de la Naturaleza y del Hombre (MNH) in Santa Cruz de Tenerife ist einzigartig und mehr als nur einen Besuch wert. In einer Artikelserie stellen wir es vor und erklären seine Ausstellungen.

Standort: Zweite Etage, Arqueología, Área 3.0 und 3.1

Teneriffas Ureinwohner, die Guanchen, haben keine eigenen Aufzeichnungen über ihr Leben und die Bedingungen, unter denen sie lebten, hinterlassen. Ganz offensichtlich gab es bei ihnen zwar Schriftkundige, die das libysch-berberische Alphabet kannten und nutzten. Worauf  und was sie schrieben, ist aber voraussichtlich für immer verloren. Dennoch gibt es ein Archiv, das uns wichtige Einblicke in ihre Lebensbedingungen vermittelt: Knochen und Mumien. In ihnen sind zahlreiche konkrete Informationen versteckt, die mit fortschreitender Entwicklung moderner archäologischer, biologischer und anthropologischer Techniken zunehmend entschlüsselt werden. In mancher Hinsicht gewinnen wir dadurch Erkenntnisse, die den Aussagen moderner Bevölkerungsstatistiken zu allgemeiner Gesundheit, Ernährungssituation und Lebenserwartung wenig nachstehen. Sie beziehen sich nicht nur auf die frühere Inselbevölkerung als Ganzes, sondern erfassen die Verhältnisse in den einzelnen damaligen Fürstentümern, den Menceyatos der Guanchen.

Rachitis kam bei den Guanchen praktisch nicht vor. Ihre Versorgung mit Vitamin D muss demzufolge ziemlich gut gewesen sein. Dies ist allerdings weniger auf die Versorgung mit Fisch in der Nahrung, unserem wichtigsten Vitamin-D-Lieferanten, zurückzuführen; denn Fisch spielte in der Ernährung der Ureinwohner eine untergeordnete Rolle. Vitamin D ist das einzige Vitamin, das Menschen in ihrem Körper selbst herstellen können, sofern sie sich reichlich und regelmäßig der Sonnenstrahlung aussetzen. Die Guanchen lebten überwiegend im Freien. Alters-Osteoporose hingegen trat häufiger auf. Dies ist allerdings weniger ernährungsbedingt, sondern eine relativ normale Alterserscheinung bei 50 – 60-Jährigen. So alt scheinen damals die Ältesten geworden zu sein, wobei die mittlere Lebenserwartung für die gesamte Inselbevölkerung allerdings nur 32 Jahre betrug. Durchschnittlich am längsten, nämlich 36 Jahre, lebten die Leute in der Gegend von Tegueste, während die im benachbarten Tacoronte im Mittel nur auf 27 Jahre kamen. Unterschiede in der Ernährung könnten dafür ausschlaggebend gewesen sein; denn Tegueste liegt näher an der Küste und ermöglichte eine bessere und regelmäßigere Versorgung mit Meeresfrüchten, also mehr Eiweiß und diverse Spurenelemente. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahre an der Gesamtbevölkerung war mit 8 – 9 % relativ niedrig, was auf eine erhöhte Kindersterblichkeit hinweist. Oberhalb dieses Alters hatte man gute Chancen, noch ein- bis zweimal so lange zu leben. Die zugehörigen Diagramme und Tabellen an der Wand veranschaulichen die seinerzeitigen Verhältnisse.

Im Gegensatz zu früher, als man anhand von Ausgrabungen nur nachweisen konnte, was alles zur Ernährung einer ehemaligen Bevölkerung beigetragen hatte, kann man heute anhand von in Knochen und Zähnen enthaltenen Spurenelementen und Radioisotopen wesentlich genauer auch die Anteile der einzelnen Nahrungsquellen bestimmen. Danach ernährten sich die Guanchen vorwiegend von Fleisch und Milchprodukten, während Getreide und gesammelte Früchte geringere Bedeutung hatten. Gelegentlich kamen Meeresfrüchte hinzu. Im Norden der Insel lag der Anteil an pflanzlicher Nahrung höher als im Süden, ein klarer Zusammenhang mit dem unterschiedlichen Klima beider Zonen. In den Gegenden mit dem höchsten Ackerbau, Tacoronte und Taoro (Orotava-Tal), lag die durchschnittliche Lebenserwartung niedriger. Dies war möglicherweise einer geringeren Versorgung mit wichtigem Eiweiß geschuldet.

Überhaupt war die Versorgung mit Nahrung keineswegs konstant und immer ausreichend. Manche Knochen weisen auf Zeiten deutlichen Mangels hin. Als Beispiel wird in einer kleinen Vitrine ein teilweise geöffneter Oberschenkelknochen gezeigt, in dem man zahlreiche quer zur Längsrichtung verlaufende Knochenverdichtungen, sogenannte Harris-Linien erkennt. Sie entstanden, als das Wachstum in Kindheit oder Jugend durch Unterernährung gebremst oder unterbrochen wurde. Der neben diesem Knochen ausgestellte Schädel erscheint an einigen Stellen etwas porös. So äußert sich eine bei den Guanchen seltene Situation: Anämie oder Blutarmut, die oft durch Mangel an Vitamin B9 oder zu wenig Eisen in der Nahrung ausgelöst wird. Offensichtlich war dies bei den Ureinwohnern normalerweise kein Problem.

Michael von Levetzow

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Museo de la Naturaleza y del Hombre, C/ Fuente Morales, Santa Cruz.

Geöffnet: Di.-Sa. 9.00-20.00 Uhr; So., Mo. u. Feiertage 10.00-17.00 Uhr.

Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)

Jeden Mittwoch 11.00 Uhr Führung in deutscher Sprache (ohne Aufpreis). Museums-WiFi auf Deutsch.

museosdetenerife.org





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