Streifzüge – ein Museum erzählt: Idole? Götter?


Standort: Erste Etage, Arqueología Área 4

Über die religiösen Vorstellungen der kanarischen Ureinwohner wissen wir leider nahezu nichts. Zumindest nichts, was verlässlich ist. Wie auch bei anderen Aspekten ihrer vergangenen Kultur liegt das vor allem daran, dass sich während der Besetzung und  Eroberung der Inseln niemand dafür interessierte. So gibt es keine zeitgenössischen Aufzeichnungen darüber.  Zwar betätigten sich in den ersten Jahren der Eroberung die beiden Mönche Pierre Bontier und Jean le Verrier als Chronis­ten dieser Aktion und beschrieben außerdem recht gut die Eigenschaften der Inseln Lanzarote und Fuerteventura, ihre Fruchtbarkeit, Boden- und Wasserverhältnisse. Beide sind mit ihrem Buch „Le Canarien“ bis heute wichtige Informanten über Kultur und Lebensweise der dortigen Ureinwohner. Über die religiöse Welt derjenigen, die zu bekehren sie auf die Inseln gekommen waren, findet sich bei ihnen allerdings nur ein einziger Hinweis im folgenden Satz: „Sie sind sehr gesetzestreu und besitzen Tempel, in denen sie ihre Opfer darbringen.“ Die nächsten schriftlichen und etwas detaillierteren Überlieferungen folgten erst 200 Jahre später, als Kultur und Religion der Ureinwohner schon – je nach Insel – mindestens 100 Jahre untergegangen waren. Da diese jedoch unzweifelhaft nicht auf Augenzeugen zurückgehen, gelten sie nicht als verlässlich. Die Archäologie konnte bisher kaum etwas von diesen Texten bestätigen.

Immerhin hat die vergleichende Sprachwissenschaft belegen können, dass manche Bezeichnungen, die zu den urkanarischen Gottheiten überliefert wurden, berberischen Sprachen entstammen. Somit passen sie gut zu den kanarischen Ureinwohnern. Ob es in der Antike, als Phönizier, Karthager und Römer die Inseln besuchten und hier begehrte Waren produzierten oder produzieren ließen, auch Einflüsse aus anderen verbreiteten Kulten und Religionen gab, wird unter Wissenschaftlern gelegentlich diskutiert. Auszuschließen sind sie nicht; im Römischen Weltreich waren sie üblich. Aber auch hier gilt: Was möglich sein könnte, ist keineswegs schon eine Tatsache. Seriöse Wissenschaft enthält sich der Spekulationen über Kultur und Religion der Ureinwohner, die uns hier im Alltag gelegentlich als festgefügtes Bild präsentiert werden.

Je nach Autor variieren die Bezeichnungen der anscheinend höchsten Gottheit der Ureinwohner, ähneln sich aber durchaus: Acoran, Alcorac, Achoran oder Achaman. Merkwürdigerweise hat man bisher aber keinerlei bildliche Darstellungen dazu gefunden. Zwar kennt man von Gran Canaria das Idol von Tara, eine gut 20 cm hohe Tonfigur, von der eine Etage höher eine Kopie ausgestellt ist. Das Original befindet sich im Museo Canario in Las Palmas. Massenhaft kopiert und in den Handel gebracht, ziert es so manches kanarische Kunstwerk und gilt als Symbol der kanarischen Identität. Dabei kennen wir nicht einmal seine ursprüngliche Bedeutung und wissen nicht, ob da und wozu ein männliches oder weibliches Wesen dargestellt wurde. Meis­tens gilt es wegen der starken runden Oberschenkel als weibliches Fruchtbarkeitssymbol. Ob eine Gottheit gemeint ist, weiß niemand.

Ähnliches gilt für die im gleichen Raum gezeigte Reproduktion des Guatimac. Die kleine Tonfigur wurde auf Teneriffa Ende des 19.Jahrhunderts im Barranco de Herques bei Fasnia in einer Bestattungshöhle in Ziegenfell eingehüllt und versteckt in einer Felsspalte gefunden. Bevor sie dort deponiert wurde, hat vielleicht jemand sie als Amulett am Hals getragen. Jedenfalls besitzt sie eine Öffnung, durch die ein Band gefädelt werden konnte. Was sie darstellt, ist umstritten, da auf beiden Seiten des Kopfes etwas abgebrochen und die Figur deshalb unvollständig ist. So wie sie heute aussieht, könnte ein Mensch sehr schematisiert dargestellt sein. Ergänzt man die fehlenden Teile, könnte es sich aber auch um einen Uhu oder eine andere Eule handeln. Dafür sprechen auch die großen runden, auffällig starrenden Augen. Derartige Augensymbolik war und ist in vielen Kulturen ein Abwehr- und Schutzzauber. Guatimac bedeutet auch so viel wie „der Starrende“. Wie die Figur zu diesem Namen kam, ist nicht nachvollziehbar und muss leider offen bleiben. Ihr Original befindet sich im archäologischen Museum in Puerto de la Cruz.

Wir besitzen leider nur wenig gesichertes Wissen über die spirituelle Welt der Ureinwohner.

(Fortsetzung folgt. Nächstes Thema: Was die Knochen berichten)

Michael von Levetzow
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Museo de la Naturaleza y del Hombre, C/ Fuente Morales, Santa Cruz.
Geöffnet: Di.-Sa. 9.00-20.00 Uhr; So., Mo. u. Feiertage 10.00-17.00 Uhr.
Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)
Jeden Mittwoch 11.00 Uhr Führung in deutscher Sprache (ohne Aufpreis). Museums-WiFi auf Deutsch.
museosdetenerife.org





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