Streifzüge – ein Museum erzählt: Höhlenbewohner und Häuslebauer


Standort: Erste Etage, Arqueología 2

Die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, waren Viehzüchter, Sammler und betrieben in geringerem Maße Ackerbau. Aus Nordafrika stammend, gehörten sie zur großen Familie der Berbervölker. Wie sie auf die Kanarischen Inseln gelangten und warum, ist nicht überliefert. Archäologische Befunde datieren die ersten Siedlungen auf die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends. Vorher lebten hier keine Menschen. Und die, die damals kamen, kamen nicht zufällig, vielmehr brachten sie Haustiere und einige Nutzpflanzen mit. Die Besiedlung war geplant. Sie verließen zwar die Insel nicht mehr, aber richtig sesshaft in dem Sinne, dass sie Dörfer bauten und in deren Umgebung ihre Nahrung erzeugten, wurden sie nicht. Jedes Jahr wanderten sie mit ihren Herden der Nahrung für das Vieh hinterher. So taten es zahlreiche Völker in ganz Europa – und auch anderswo. Das Wanderhirtenwesen, die Transhumanz, bestimmte ihr Leben. Als nach der Eroberung und weitgehenden Auslöschung der Guanchen neue Siedler ihre Stelle einnahmen, setzten diese deren Lebensweise weitgehend unverändert fort. Die Transhumanz endete Mitte des letzten Jahrhunderts, als 1954 der Teide-Nationalpark gegründet und damit dort die Beweidung verboten wurde.

Wenn nach den ersten herbstlichen oder winterlichen Regenfällen die untersten Zonen der Insel sich rasch begrünten, waren die Hirten mit ihren Schafen und Ziegen zur Stelle; denn dann und nur dann, gab es dort frisches Grünfutter für die Tiere. Ziegen sind zwar nicht wählerisch, aber giftige oder schlecht schmeckende Pflanzen, auch solche, deren Blätter oder Stängel sie wegen deren spürbarer Rauigkeit nicht unzerkaut herunterschlucken konnten, mieden sie. Allmählich veränderte sich so mit Sicherheit unter dem Einfluss der Beweidung die Zusammensetzung der Pflanzengesellschaften. Gut nutzbare Kräuter wurden allmählich seltener, andere und schlechtere Futterpflanzen nahmen stattdessen zu. Das wiederum beförderte die Notwendigkeit, immer wieder neue Weidegebiete in schnellerem Wechsel aufzusuchen. Soweit die tief gelegenen Winterweiden schon Familien und Clans gehörten, blieb nur der Weg bergauf. Das Zentrum der Insel gehörte allen gemeinsam. Dort traf man sich mit seinen Herden im Sommer und kehrte mit dem Herbst, wenn es dort oben zunehmend unwirtlich wurde und das meiste abgeweidet war, wieder zur Küs­te zurück. Für die Menschen bot die Küste dann zusätzliche Nahrungsquellen in Form diverser Meeresfrüchte, die gesammelt wurden  und nicht nur eine Abwechslung im sonst zeitweise eher eintönigen Nahrungsspektrum boten. So wurden wichtige Mineralstoffe, Eiweiße und Vitamine verfügbar.

Moderne Wanderhirten verfügen heutzutage irgendwo über ein festes Haus, in dem sie überwintern und von dem aus sie sich auf die lange Wanderung zu den Sommerweiden begeben. Ähnlich dürfte es bei den Guanchen gewesen sein. Zahlreiche Wohnhöhlen sind aus tiefer gelegenen Gebieten bekannt. Heute sind sie häufig geplündert und zerstört. Die übrig gebliebenen Höhlen sind heute gesetzlich geschützt und gelegentlich die Arbeits- und Forschungsplätze der Archäologen. Mehrere befinden sich im Barranco Agua de Dios bei Tegueste. In der gleichen Schlucht gibt es auch Begräbnishöhlen mit nur kleinen Eingängen und innen kaum Licht. Sie waren als Wohnhöhlen nicht geeignet. Dafür bevorzugten die Guanchen weite offene Höhlen, in die viel Tageslicht fiel. Darin unterschieden sie sich nicht von den Höhlenbewohnern der längst vergangenen Alt-Steinzeit. Vor der Eroberung Teneriffas kannte man hier nur natürliche Wohnhöhlen. Die Technik, künstliche Höhlen in weiches Gestein zu graben, gelangte erst danach von Gran Canaria hierher und wurde zuerst im Süden der Insel bei Las Vegas praktiziert. Ein Modell einer natürlichen Wohnhöhle aus dem genannten Barranco wird hier in einer Vitrine gezeigt.

Direkt daneben ist in einer weiteren Vitrine ein Modell von Hüttenmauern zu sehen. Unterwegs und vor allem oben in den Hochweiden der Cañadas gibt es kaum Höhlen. Man baute sich dort daher einfache Unterschlupfe aus unbehauenen Steinen, die man mit einigen Ästen und darüber gelegten Tierhäuten einigermaßen vor Witterung und Nachtkälte schützen konnte. Sehr hoch waren die Mauern nicht und auch nicht senkrecht oder gerade. Sie ähnelten gerundeten Steinwällen. Im Inneren solcher Hütten konnte man nur gebückt oder kriechend vorwärts kommen. An manchen Plätzen findet man noch heute Reste solcher Behausungen. Jüngere Hütten aus spanischer Zeit unterscheiden sich von ihnen meistens durch geradere und höhere Wände. Die Lebensweise der Hirten hingegen blieb in dieser Hinsicht weitgehend gleich.

(Fortsetzung folgt. Nächstes Thema: Idole? Götter?)

Michael von Levetzow

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Museo de la Naturaleza y del Hombre, C/ Fuente Morales, Santa Cruz.

Geöffnet: Di.-Sa. 9 – 20 Uhr; So., Mo. u. Feiertage 10 – 17 Uhr.

Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)

Jeden Mittwoch 11.00 Uhr Führung in deutscher Sprache (ohne Aufpreis). Museums-WiFi auf Deutsch.

museosdetenerife.org





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