Streifzüge – ein Museum erzählt:


Standort: Erste Etage, Arqueología, 

Zahlreiche Beispiele von Werkzeuggebrauch bei sehr unterschiedlichen Tierarten wurden während der letzten fünfzig Jahre beobachtet und wissenschaftlich beschrieben. Das hindert uns nicht daran, unverändert den Einsatz von Hilfsmitteln – nichts anderes sind Werkzeuge – als typisch menschlich anzusehen, so typisch, dass die ersten unserer Vorfahren, die vor mehr als 2,3 Millionen Jahren nachweislich Steine benutzten, um an Nahrung zu gelangen, den Ehrennamen Homo habilis – geschickter Mensch – erhielten. Seitdem heißt unsere Gattung Homo. Sie entwickelte sich aus Australopithecus, der Gruppe der Süd-Affen. Mehr als zwei Millionen Jahre Steinzeit folgten, bis vor ca. 4000 Jahren die Metallzeit begann und die technische Entwicklung allmählich immer mehr Fahrt aufnahm. Grundlegende Werkzeuge wie Hammer, Meißel, Axt und Messer konnten deutlich verbessert werden, behielten aber im Grunde ihre alte steinzeitliche und durch Jahrtausende bewährte Form. Daneben gab es – ebenfalls schon seit Jahrtausenden, möglicherweise sogar schon Millionen von Jahren – Werkzeuge aus Knochen oder Holz. Bis diese durch Metallgerätschaften ersetzt wurden, dauerte teilweise fast bis in moderne Zeiten.

Dennoch war es bestimmt ein äußerst massiver Einschnitt für die antiken Kulturen, die sich um die Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends auf den Inseln etablierten, als mit dem Untergang des Weströmischen Reiches der Kontakt zu Europa abriss. Fast eintausend Jahre lang konnten vorher die Ureinwohner ihre Erzeugnisse mit Karthagern und Römern gegen Metalle eintauschen. Das Ausbleiben der antiken Handelsschiffe muss einer allmählichen Katastrophe gleich gekommen sein. Denn Messer und andere metallische Gegenstände rosteten und konnten nicht mehr wie bisher gegen neue Ware eingetauscht werden. Für die Viehzüchter-Gesellschaften der Ureinwohner ging es damals bestimmt um das nackte Überleben; denn ohne Messer konnten Schafe, Ziegen oder gar Schweine weder geschlachtet noch zerlegt werden. In kürzester Zeit mussten Ersatzwerkstoffe gefunden und ihre geeignete Bearbeitung erfunden werden. Glücklicherweise gab es an einigen Orten Obsidian, vulkanisches Glas, von dem sich mit einem Schlagstein messerscharfe Splitter abschlagen lassen. Kunstvolle Faustkeile und Klingen, wie man sie auf den Kontinenten von den Kulturen der jüngeren Altsteinzeit kennt, sucht man allerdings auf den Inseln vergeblich. Aber die Klingen aus Obsidiansplittern schnitten sehr gut. Das reichte zum Überleben. Die kanarischen Ureinwohner befanden sich damit keineswegs auf einem niedrigeren kulturellen Niveau als Neandertaler, die schon längst Meister im Herstellen scharfer Geräte waren, ihnen fehlten nur einige Hunderttausend Jahre an technologischer Entwicklungszeit, während derer die Menschen der Altsteinzeit Erfahrungen sammeln konnten. Also: Hut ab vor den Schneidklingen der Guanchen! Wir hätten mit unserem heutigen Wissen in ihrer Lage bestimmt nichts Besseres entwi­ckeln können.

Nicht alles musste in der metallfreien Umgebung der vulkanischen Inseln neu erfunden werden. Ton, Holz, Knochen und Leder waren als Rohstoffe seit der Steinzeit längst bekannt und ihre Verarbeitung ebenfalls. Insofern ist es richtig, die Kulturen der kanarischen Ureinwohner als Steinzeitkulturen zu bezeichnen. Jungsteinzeitlich oder eine direkte Fortsetzung der Steinzeit – wie vor gar nicht so langer Zeit noch angenommen – waren sie jedoch nicht. Die Jungsteinzeit endete bereits lange, bevor die ersten Menschen auf die Inseln gelangten. Wir finden allerdings unter den Relikten dieser Regressionskultur zahlreiche Gerätschaften, die bereits während der Jungsteinzeit entwickelt worden waren, sich aber anschließend nur wenig verändert hatten.

Tongefäße gehören dazu und Handmühlen aus grobem Basalt. Ihre Form und Einsatztechnik kam zusammen mit den Ureinwohnern aus Nordafrika und wurde beibehalten. Auch Form und Herstellungsweise zahlreicher Knochen-Gerätschaften wie Angelhaken oder Ahlen hatten sich bereits in der Steinzeit herausgebildet und sich nicht nur im kanarischen Kulturraum erhalten.

(Fortsetzung folgt. Nächstes Thema: Schmuck, Waffen und Würdenzeichen)

Michael von Levetzow

Tenerife on Top

Museo de la Naturaleza y del Hombre, C/ Fuente Morales, Santa Cruz.

Geöffnet: Di.-Sa. 9 – 20 Uhr; So., Mo. u. Feiertage 10 – 17 Uhr.

Eintrittspreise: 5 € (Residenten 3 €); Senioren ab 65 Jahre 3,50 € (Residenten 2,50 €); Kinder unter 8 Jahren frei. Freier Eintritt jeden Fr. u. Sa. 16.00 – 20.00 Uhr (falls Feiertag 13.00 – 17.00 Uhr)

Audioguides in deutscher Sprache gibt es an der Kasse.

museosdetenerife.org





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