Gepflegte Schildbürgerei zum Jahreswechsel?


Foto: Pixabay

Ich war mit meinem Mountainbike wieder einmal die Gegend um Puerto de la Cruz erkunden, wurde dann von einigen Leuten eingeladen, mit auf den Teide (und zurück) zu wandern und dachte, mein Bike wäre derweil sicher, wenn ich es vor dem Gebäude der Policía Local anschließen würde.

Gedacht, getan, es wurde an einem Pfosten in der Nähe so fixiert, dass es sicher niemandem im Wege steht.

Fünf Tage später kam ich wieder; das Bike war weg.

Aufgrund der polizeidichten Frequentation dieses exponierten Ortes und der guten Qualiät des Fahrradschlosses hatte ich gleich die Ahnung, es könnte sich um eine irgendwie geartete „amtliche Maßnahme“ handeln. Tatsächlich stellte sich heraus, die Polizei „weiß Bescheid“, sie hat das Fahrrad entfernt. Begründung des Diensthabenden: An diesem hervorgehobenen Ort sei das leuchtend grüne Bike quasi eine Aufforderung zum Diebstahl, dieser Gefahr musste vorgebeugt werden.

„En serio ?“, wollte ich wissen, worauf eine Nachfrage in der Polizisten-Runde ergab, dass das wohl so gewesen sei, man sei auch dabei gewesen, aber Näheres wisse man nun auch nicht. Man habe jetzt auch nicht weiter Zeit, das Rad sei am nächsten Morgen gegen derzeit insgesamt 95 Euro Gebühr und Strafe abzuholen. Jeder Tag mehr koste weitere Depositgebühren.

Am nächsten Morgen dann ein neuer Diensthabender, der erklärte, die Polizei sei ja gar nicht schuld, es habe eine Anzeige gegeben. Von wem und warum, wollte er allerdings nicht mitteilen.

Die Strafe sei drüben am  Schalter im Rathaus zu bezahlen.

Dort angelangt wollte nun, trotz vielsagend hin und her geworfener Blicke, niemand etwas Genaueres wissen von der Anzeige; … und die Strafe bezahlen – es gibt ja immerhin eine Vorgangsnummer und eine Zahlungsaufforderung – geht auch nicht, denn das Zahlbüro ist zu.

Zur Jahreseröffnung der Zahlstelle fand ich mich dann wieder ein. „Ohne förmliches Strafbefehlformular keine Bezahlung, ohne Bezahlung gibts kein Fahrrad“, sagt die genervte Frau am Schalter. „Unter der Nummer, die Sie da haben, find ich nix.“

Also zurück zur Polizei.

Mir reichts jetzt bald, und ich will nun Grundlegendes geklärt wissen:

Existiert ein Gesetz, nach dem das Anschließen eines Bikes so verboten ist? No, no existe.

Habe ich ein Verbotsschild oder so übersehen? No. No hay.

Hat das Fahrrad jemanden behindert? No, no obstrucción.

Wer hat denn nu was für ne Anzeige warum gemacht? No sé.

„Okay“, sage ich, „wenn ich gegen nix verstoßen habe, zahl’ ich auch keine Strafe. Wo ist mein Fahrrad? Ich gehs mir jetzt holen.“

Es erscheint endlich der, der offensichtlich „wirklich“ was zu sagen hat. Vermutlich ist er der Dienststellenleiter, mindestens der Schichtführer der Polizei; und verkündet nun die letzte, die absolute, die unangreifbare Wahrheit: Das Bike sei eine veritable Terrorgefahr gewesen.

An einem amtlichen Gebäude etwas anzuschließen sei aus Terrorismusgefahrgründen verboten, daher musste es entfernt werden.

Mittlerweile angestellte Nachforschungen bei den Nachbarn hatten nämlich ergeben, dass das Bike mindestens 36 Stunden an dieser Stelle verblieben war, bevor es gewaltsam entfernt wurde. Mit der akuten Terrorangst kann es also nicht allzu weit her gewesen sein.

Man habe das Rad dann drei Tage hier aufbewahrt, als dann kein Besitzer kam, wurde das Rad in die Verwahrstelle einige Straßen entfernt verbracht.

Weitere Nachforschungen ergaben mittlerweile, dass weder ein Explosivspürhund noch ein geeignetes Gerät zum Einsatz gekommen war, um die „Terrorgefahr“ zu verifizieren.

Da war also erst die Polizei wegen dem Bike im Keller, dann die Verwahrstelle, tagelang in Gefahr, von einer Rohrbombe oder so ins Jenseits befördert zu werden? Ja, du meine Güte!

Oder war vielleicht doch alles nur Spaß?

Egal. Ich nahm es nun mit Gleichmut und zahlte. Mit „descuento“ waren es dann doch nur noch 35 Euro, das Schloss hatte etwa den gleichen Wert und musste ersetzt werden, was solls.

Seinen „Tribut an die Insel“ muss man halt ab und an entrichten. Immer „tranquilo“ bleiben und „vamos a ver“. Hat bezüglich eines ähnlichen Falles mal eine erfahrene Residentin gesagt. Eine kluge Frau offensichtlich.

Henry Schwob

Berlin




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