Zwischenruf eines alten Narren


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Manche Schülerinnen und Schüler mögen das Fach Geschichte nur deshalb nicht, weil es einfach auch ein Stück weit vom Auswendiglernen von Jahreszahlen geprägt ist. Da muss man Ereignisse aus vergangenen Zeiten aufzählen – noch dazu mit Datum – die für unser heutiges Leben nicht immer eine große Bedeutung haben.

Allerdings kann Geschichte auch sehr spannend sein: wenn ich z.B. entdecke, welche Wurzeln ein Fest hat, das wir bis heute feiern oder wenn sich auf einmal zeigt, dass zwischen einzelnen Fakten ein Zusammenhang besteht und aus vielen Puzzleteilen auf einmal ein stimmiges Bild wird. 

So spannend war für mich ein Blick in die Geschichte der Fasnet oder auch Fastnacht. Und all die Dinge, die ich da entdeckt habe, die möchte ich einem alten Narren in den Mund legen, der seine heutigen Kolleginnen und Kollegen an ihre interessante Vergangenheit erinnern will. Dieser alte Narr würde seine Rede vielleicht so beginnen und gestalten:

„Liebe Närrinnen und Narren, ich weiß, es ist jetzt nicht die Zeit für ernste und tiefgreifende Gedanken. Aber in all unser närrisches Treiben hinein, kann ich mir einen Zwischenruf nicht verkneifen. Denn ich bin mir ziemlich ’narren-sicher‘, dass viele von uns gar nicht mehr wissen, um was es hier eigentlich geht, und welch wichtige Aufgabe wir Narren miteinander haben. Ich halte euch wirklich nicht zum Narren, wenn ich behaupte: Wir sind die Prediger dieser Tage; wir können und sollen die Leute an das wichtigste Gebot des Evangeliums erinnern. Und wir brauchen dazu nicht einmal große Worte – nein, unser Narrenkleid und unsere Ausrüstung sagen schon alles.

Denk an Gott – dazu fordert der Narrenstab auf, der seit Jahrhunderten zu unseren wichtigsten Erkennungszeichen gehört: eine Keule, an deren dickerem Ende ein Narrengesicht eingeschnitzt ist. In alten Bibelhandschriften illustrieren Narren, die unentwegt auf ihren Stab mit dem eigenen Spiegelbild starren, den 53. Psalm. Dieser beginnt mit den Worten: ‚Die Narren sagen in ihrem Herzen: es gibt keinen Gott.‘ Ja, es ist närrisch, Gott zu vergessen, da wir ihm schlussendlich doch unser ganzes Leben verdanken. Es ist töricht, nur sich selbst zu bespiegeln und nur auf sich fixiert zu sein. Marotte nennt man den Stab mit dem Narrengesicht, und er soll uns vor der Marotte – vor der spinnigen Idee – warnen, uns selbst wie Gott zu gebärden. Manche sagen auch ‚Narrenzepter‘ zu dieser Keule, und dieses Wort macht vielleicht sogar noch mehr deutlich, wie lächerlich es ist, sich selbst an die Stelle des wahren Herrn zu setzen.

Denk an deinen Nächsten – dazu ermahnen unüberhörbar die Schellen, die Narren in aller Regel mit sich herumtragen. Buchstäblich auf Schritt und Tritt erinnern sie uns an die Worte des Paulus, die

bis vor Kurzem an jedem Fastnachtssonntag im Gottesdienst vorgelesen wurden: Ein Mensch ohne Liebe ist wie tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Es ist närrisch, ohne Achtung vor den Mitmenschen, lieblos und egoistisch durchs Leben zu gehen. Es ist dumm, sich der eigenen Klugheit und Begabung zu rühmen und dabei auf den Nächsten abfällig herunterzuschauen. Jeder Schellenträger, der in diesen Tagen durch die Straßen springt, will, dass auch dem Allerletzten die Ohren klingeln und er einsieht: ein Leben ohne Nächstenliebe ist hohl und mehr als oberflächlich.

Denk an dich selbst – daran erinnert und dazu drängt uns die Narrenkappe mit den Eselsohren. Sie stellt uns das Tier vor Augen, das schon in den ersten christlichen Jahrhunderten zum Sinnbild für geistige Trägheit geworden ist, und das auch die störrische Widerspenstigkeit des Menschen symbolisieren will und soll. Es ist närrisch, sich keine Gedanken über sein Leben zu machen und nur zu allem ‚I-a‘ zu sagen. Nur ein Esel vertrödelt seine Zeit und gibt seinem Leben kein eigenes Profil. Es ist unsinnig, sich störrisch gegen jegliche Entwicklung zu wehren und die eigenen Talente brachliegen zu lassen. Nur ein Esel lässt seine Anlagen verkümmern und denkt nicht weiter darüber nach, welchen Weg Gott mit ihm gehen möchte. Wenn wir in diesen Tagen unsere Narrenkappe aufsetzen, dann zeigen wir allen, die uns begegnen: Du bist ein verkappter Esel, wenn du dir durch Trägheit und Widerspenstigkeit deine eigene Zukunft verbaust.

Liebe Närrinnen und Narren, wie hat der heilige Augustinus vor vielen Hunderten von Jahren schon gesagt: ‚Liebe – und dann tue, was du willst!‘ Genau das ist die Predigt unserer Narrenstäbe, all der Glocken und Schellen und – all unserer Narrenkappen. Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst – dann hast du nicht nur in diesen Tagen Narrenfreiheit, sondern dann spürst du die Freude in deinem Herzen, die Leichtigkeit des Seins und deines Lebens an allen Tagen…“

Herzlichst Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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