Zukunft der Mobilität auf Teneriffa


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Der Ausbau des öffentlichen Transportwesens – Weg aus dem Verkehrschaos?

Weit über 500.000 Pkws kurven täglich über Teneriffas Straßen, ein Verkehrsaufkommen, das trotz ständiger Erweiterung des Straßennetzes schon längst alle Grenzen des Erträglichen gesprengt hat. Eine Fahrt in die Inselhauptstadt zur Hauptverkehrszeit genügt, um sich das herrschende Verkehrschaos in seinem ganzen Ausmaß vor Augen zu führen.

Dass das nicht endlos so weitergehen kann, darüber sind sich Einwohner und Be­hörden einig. Doch vor allem auf politischer Ebene ist man noch geteilter Meinung. Welche Richtung gilt es einzuschlagen, um die Insel davor zu bewahren, nicht gänzlich unter Asphalt, Abgasen und Verkehrschaos zu verschwinden.

Nicht zuletzt der durchschlagende Erfolg der seit Mitte vergangenen Jahres zwischen La Laguna und Santa Cruz de Tenerife verkehrenden Stra­ßenbahn gibt jedoch deutlichen Aufschluss darüber, dass vor allem ein vernünftiger Ausbau des öffentlichen Transportwesens die Situation noch retten kann.

Teneriffa ist knapp 2.035 Quadratkilometer groß und verfügt, nach dem im Jahr 2000 verabschiedeten Insel-Flächennutzungsplan (PIOT), über Landstraßen, die es auf eine Gesamtstrecke von 2.102 Kilometer bringen. Wenn man dazu noch bedenkt, dass es nach Angaben des kanarischen Statistik­amtes (Istac) bereits im Jahr 2003 575.862 Pkws auf Teneriffa gab, kann einem angst und bange werden. In konkrete Zahlen übersetzt sind das nämlich 273 Fahrzeuge pro Kilometer des gesamten Landstraßen-Netzes Teneriffas bzw. knapp über 700 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner. Die Insel schafft damit den erschreckenden Rekord, zu den Gebieten mit dem dichtesten Verkehr weltweit zu gehören.

Dass das nicht endlos so weitergehen kann – in den letzten Jahren hat sich diese Verkehrsdichte natürlich noch um einiges erhöht –, dessen sind sich die Behörden und politischen Entscheidungsträger durchaus bewusst. Allerdings sind sie sich noch längst nicht einig darüber, wie man dieser Problematik die Stirn bieten kann.

Natürlich, allen voran wird auf den beiden größten Kanaren-Inseln Teneriffa und Gran Canaria sowohl von der kanarischen Regierung (Koalition aus der kanarischen CC und der konservativen PP), Teneriffas Inselverwaltung (CC und PP) als auch seit einiger Zeit von Gran Canarias Cabildo (PSOE) auf den Ausbau des öffentlichen Transportwesens, gesetzt – und zwar dem, das sich auf Schienen vorwärtsbewegt.

Auf Teneriffa ist man dabei schon besonders weit. Nach der Inbetriebnahme der ersten Straßenbahn-Strecke Mitte vergangenen Jahres, die die verkehrsreichsten Städte La Laguna und Santa Cruz de Tenerife verbindet, wird bereits eifrig an dem Ausbau des Stre­ckennetzes gearbeitet. In absehbarer Zukunft könnte die Tranvía-Strecke in der einen Richtung sogar bis zum Nordflughafen Los Rodeos und in der anderen bis zum Las Teresitas-Strand reichen.

Parallel dazu sind auch schon die Pläne zum Bau einer Zug­strecke zwischen Santa Cruz de Tenerife und dem Inselsüden, dem sogennanten Tren del Sur, weit fortgeschritten. Und auch der Tren del Norte, der zwischen Añaza und dem Inselnorden verkehren soll und irgendwann sogar den Inselzugring in Puerto Fonsalía schließen könnte, scheint inzwischen mehr als nur ein Traum ehrgeiziger Inselpolitiker zu sein. Selbst von einem Zugtunnel zwischen La Orotava und Güímar ist in letzter Zeit die Rede.

Sicherlich ist der Ausbau des öffentlichen Transportwesens die umweltfreundlichste und im Grunde einzig realistische Lösung, wenn es darum geht, die einst so grüne Insel Teneriffa vor dem Erstickungs­tod an Asphalt, Abgasen und Verkehrschaos zu bewahren.

Doch parallel zu den Zug- und Straßenbahn-Projekten liegen in den diversen Inselressorts auch noch umfangreiche Pläne zum Ausbau des Inselstraßennetzes in der einen oder anderen Schublade. Viele dieser Pläne sind sogar schon soweit ausgereift, dass in wenigen Monaten die ersten Ausschreibungen für die Bauarbeiten beginnen könnten. Und eben diese Pläne sorgen nun für heftige Debatten.

Bislang scheint in dieser Hinsicht nur die sozialdemokratische Opposition (PSOE) Widerstand zu leisten. So hat sie beispielsweise vor einigen Monaten eine Untersuchung durchgesetzt, die feststellen soll, ob der Bau der sogenannten Vía Exterior, die Los Rodeos und Santa María del Mar verbinden soll, angesichts der Zug- und Straßenbahnpläne überhaupt noch notwendig ist. Erste Ergebnisse der Studie werden im Oktober erwartet. Sollte die Untersuchung ergeben, dass diese Verbindungsstraße vorerst nicht mehr notwendig ist, hätten die zahlreichen bereits enteigneten Besitzer betroffener Grundstücke ein Rechtsmittel in den Händen, um dagegen vorzugehen.

In gewisser Hinsicht ist nun ein Wettlauf zwischen dem vom PIOT geregelten Inselstraßennetz und den Plänen in Sachen öffentliches Transportwesen  ausgebrochen, das von dem in Arbeit befindlichen Inseltransportplan geregelt werden soll – es kommt einem Abwägen zwischen Vernunft und Unvernunft gleich.

„Wenn wir uns als eine moderne Gesellschaft ansehen, müssen wir in Bildung, Gesundheit und Kultur investieren und nicht in den weiteren Ausbau von Primär-Infrastrukturen“, brachte Domingo Delgado, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität La Laguna, die Dinge auf den Punkt. Die Politiker sind da größtenteils noch anderer Meinung.




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