Zu Weihnachten aus dem Meer gerettet


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Mutige Hilfe in gefährlicher Brandung

Über die Weihnachtstage wollte Eva aus Wien mit ihren Kindern und ihrer Freundin Patricia ihren Urlaub auf Teneriffa einfach genießen. Doch fast wäre es ihr letzter Urlaub geworden, weil sie das Meer nicht kannte und den Wellengang – wie schon viele vor ihr – unterschätzte.

Am 26. Dezember wollte sie ihrer Freundin Punta de Teno zeigen und um die Mittagszeit bei sonnigem Wetter ein paar schöne Fotos machen. Das Meer war ziemlich bewegt, doch die kleine Mole unterhalb des Leuchtturms, zu der ein Weg aus Holzbalken führt, schien gut zugänglich. Eva wollte dort ein paar Bilder machen, als sie eine besonders große Welle auf sich zukommen sah. Zurück konnte sie nicht mehr, dazu kam die Welle zu schnell, und um nicht gegen die Felsen geschleudert zu werden, klammerte sie sich an den rostigen Mast, der auf der Mole steht. Die Welle überspülte sie und riss ihr beim Zurücklaufen die Beine weg. Am Mast konnte sie sich nicht mehr halten, obwohl sie durchaus sportlich ist, und so zog sie die Welle ins Meer. Zunächst war sie froh, sich dort wiederzufinden und nicht an die scharfkantigen Felsen geworfen worden zu sein, doch dann kamen der geübten Schwimmerin Zweifel, wie sie da wieder herauskommen sollte. Die Brandung war so stark, dass an ein Erklettern der schmalen, glitschigen Stufen nicht zu denken war – die Gefahr gegen Mauer oder Felsen zu schlagen, war zu groß. Den Strand weiter östlich schwimmend zu erreichen, war in der aufgewühlten See in nassen, schweren Kleidern ebenfalls kaum möglich. Es blieb nur zu schwimmen, bis in einer Stunde vielleicht ein Hubschrauber sie da he­­-rausfischt. Zum Glück war sie nicht allein gewesen, ihre Freundin Patricia hatte alles beobachtet und rief um Hilfe.

Diese Hilfe kam dann auch schneller als erwartet. Viktor Lerke, deutscher Arzt aus La Orotava, und seine Frau Irina feierten an diesem 26. Dezember ihre Silberhochzeit und beschlossen, am Strand von Punta Teno mit der ganzen Familie baden zu gehen. Frederik (14) hatte nämlich zu Weihnachten neue Schwimmflossen bekommen, und die wollte er gerne ausprobieren. Er und seine Brüder Hannes (17) und Christian (19) sind, genau wie Vater Viktor, passionierte Sporttaucher. Damit Frederik nicht allein schnorcheln musste, nahm man noch zwei Paar Flossen mit – zum Glück! Nachdem sie feststellten, dass der Wellengang an der Mole zu hoch war, machten sie sich auf den Weg zum ruhigeren Strand, als sie hörten, wie Patricia um Hilfe rief. Sowie sie Eva hilflos im Wasser treiben sahen, schnappten sich Viktor und die älteren Söhne Hannes und Christian kurz­entschlossen die Flossen und sprangen ins Meer, um zu helfen. Da ein Ausstieg vor Ort unmöglich war, griffen sie Eva rechts und links unter den Armen und schwammen, sich abwechselnd, mit ihr Richtung Strand. Die Strecke um den Wellenbrecher herum ist normalerweise in 10 Minuten zu schwimmen, wegen der aufgewühlten See brauchten sie jedoch eine halbe Stunde, und das war auch nur dank der Flossen zu schaffen.

Inzwischen traf auch die Guardia Civil ein und konnte den bereits bestellten Rettungshubschrauber zurückbeordern.

Eva wollte ihre neuen Freunde und Retter wiedertreffen, woraufhin die sie zum Gottesdienst der Gemeinschaft Evangelischer Christen in Puerto einluden, wo Familie Lerke auch musikalisch aktiv ist. Eva kam gerne und bedankte sich dort für die Zivilcourage ihrer Retter, Christen, „die nicht nur reden sondern handeln“. An diesem Gottesdienst nahm auch der Initiator der Wochenblatt-Aktion „Aus Geben wächst Segen“ teil, weil die Gemeinde die Hälfte der Kollekte der Aktion spendete, und nur deshalb erfuhr das Wochenblatt überhaupt von der wunderbaren Rettung am Weihnachtstag.

Dass diese Weihnachtsgeschichte ein glückliches Ende nahm, ist nicht selbstverständlich. Jedes Jahr fordert der Atlantik Menschenleben, besonders im Winter. Die meisten der Opfer könnten noch leben, wenn sie vorsichtiger gewesen wären, doch viele wissen einfach nichts von der Unberechenbarkeit des Meeres in diesem Teil der Welt. Der Wellengang mag berechenbar erscheinen, doch er ist es nicht. Gerade im Winter kommt es immer wieder zu singulären „Monsterwellen“, die ganz plötzlich auftauchen und sich viel höher auftürmen als man es erwartet. Man muss daher immer wieder auf die Gefahren hinweisen und darauf, die roten oder gelben Flaggen an den Stränden ernst zu nehmen. Denn zu viele haben ihre Unwissenheit schon mit dem Leben bezahlt – selbst Einheimische.




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