Wer nur selbstlos ist, ist sich bald selbst los


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Die Selbstlosigkeit wurde über viele Jahrhunderte als die christliche Tugend schlechthin bezeichnet. Was haben Angehörige diesbezüglich auf Beerdigungen nicht alles über liebe Verstorbene zu hören bekommen: „Alles hat sie gegeben, nichts hat sie sich selbst gegönnt.“

„Aufgeopfert hat er sich für andere.“ „Es war ihr immer nur wichtig, dass es den anderen gut ging; an sich hat sie dabei nie gedacht.“ „Der Himmel möge ihm all das entlohnen.“ Wie es dabei aber den sogenannten „selbstlosen Menschen“ tatsächlich ergangen ist, danach wurde nicht gefragt und darüber wurde auch nicht gesprochen.

Besonders den Frauen und Müttern wurde diese Art der Selbstlosigkeit nachgesagt und ihnen wurde sie auch seitens der Kirche immer sehr ans Herz gelegt; genauso wie übrigens auch den Seelsorgern in ihren Reihen. Die Frauen und Mütter sollten sich ganz der Familie, den Kindern und dem Ehemann hingeben; die Seelsorger ganz ihrer Gemeinde. Dabei ging es in erster Linie immer darum, die Wünsche der anderen zu erfüllen, sich selbst in den Hintergrund zu stellen und ja nicht auf die Idee zu kommen, wirklich auch eigene Bedürfnisse anzumelden oder sie gar einzufordern.

Diese falsch verstandene Tugend führt aber über kurz oder lang dazu, dass sich ein Mensch selbst aus den Augen verliert; dass er sich selbst und seine Bedürfnisse überhaupt wahrnimmt und spürt; ja, dass dieser Mensch seine Bedürfnisse überhaupt kennt und sie lebt. Man könnte auch sagen: sie oder er lebt total daran vorbei, sich selbst auch mal was zu gönnen; geschweige denn zu schauen, was ihr oder ihm gut tun könnte. So kommt oft erst im Alter an die sprichwörtliche Oberfläche, was das ganze Leben über verdrängt und auch hinuntergeschluckt wurde. Und was passiert dann? Auf einmal meint die Umwelt diesen Menschen, der doch immer so selbstlos alles hinnahm, nicht mehr wiederzuerkennen. Ungelebte Wünsche und Sehnsüchte brechen heftigst hervor und verunsichern den Menschen selbst und natürlich auch seine Umgebung.

Eine Altenseelsorgerin hat mich hier in den Tagen ihres Urlaubs mal auf genau diese Problematik aufmerksam gemacht. Sie hat z.B. die Erfahrung gemacht, dass Menschen – ganz besonders Frauen – die immer nur für andere gelebt und immer nur die Bedürfnisse der anderen erfüllt haben, in Desorientiertheit fallen. Sie behaupten dann, man habe ihnen etwas gestohlen (Geld oder Schmuck) oder es vergifte jemand ihr Essen oder man gebe ihnen falsche Medikamente. Die Altenseelsorgerin stellte dann die These auf, dass Menschen, die sich im Leben aus lauter Selbstlosigkeit nichts gegönnt haben, dass diese Menschen sich eben auch um die Möglichkeit brachten, ihre eigenen Bedürfnisse zu leben und so ihre Persönlichkeit und ihre Identität zu finden. Im Alter werden sie dann davon eingeholt und erleben die Selbstlosigkeit ihres Lebens nun als Mangel und spüren, dass ihnen etwas fehlt.

Das größte christliche Gebot ist die Liebe – ohne Zweifel: Die Liebe zu Gott, die Liebe zu den Mitmenschen und Mitgeschöpfen und die Liebe zu sich selbst. Die Gottes-, die Nächsten- und die Selbstliebe stehen auf ein und derselben Stufe. Also ist die Selbstliebe eben auch ein Gebot Gottes. Für Menschen, die von der Religion her auf die Selbstlosigkeit getrimmt wurden, die lieber zuerst an andere, als an sich selbst denken, ist diese Aussage eine Provokation. Wer immer auf der Helferseite steht, vernachlässigt oft viel an eigenen Wünschen, Sehnsüchten und Bedürfnissen. Wer immer nur die anderen im Blick hat, verliert mit der Zeit sich selbst aus den Augen. Irgendwann schleicht sich dann so ein nagendes Gefühl in die Seele ein, das eigene Anrecht auf Glück einem falschen Ideal geopfert zu haben. Dabei ist die Weisheit einsichtig: Wer nicht genießt und genießen nie gelernt hat, wird bald ungenießbar. Wer sich selbst nicht mag, kann auch andere nicht mögen. Wenn es mir selbst nicht gut geht, kann auch nichts Gutes von mir ausgehen, sondern dann lasse ich meinen Frust und meine Resignation relativ schnell an anderen aus. Selbstlosigkeit kann also genauso zu seelischer Verkrüpplung führen wie ein ausschweifend egoistischer Lebensstil. Wer sich selbst nicht liebt, sich nicht wahrnimmt, spürt, annimmt, pflegt und gern hat, der kann auch andere nicht lieben, geschweige denn Gott. Aber wenn es mir selbst gut geht, dann spüre ich viel mehr Freude in mir und den Drang, auch anderen etwas Gutes zu tun.

Zu viele Menschen, gerade fromme und streng christlich erzogene, neigen zu einem falschen Selbstverzicht. Sie sollten auch ein ausreichendes „Ja“ zu sich selbst sprechen, weil sie liebenswerte und von Gott grenzenlos geliebte Geschöpfe sind. Und im übrigen will ich klar und deutlich sagen: Wahre Selbstliebe unterscheidet sich ganz gewaltig von einem blanken Egoismus. Schließlich liebt der Egoist nur sich selbst – und zwar ausschließlich. Wer sich aber selbst liebt und geliebt weiß, der kann sich getrost auch anderen zuwenden im Bewusstsein, sich selbst nicht zu verlieren. Der Mensch kann seine Tür öffnen, sie aber auch wieder schließen. Vielleicht denken Sie mal in den Tagen Ihres Urlaubs hier auf Teneriffa genau darüber nach. Es könnte ja vielleicht zu einem rundherum gelungenen Urlaub beitragen.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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