Weihnachten – die Würde des Menschen entdecken


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Es ist ein beliebtes und allseits bekanntes Spiel. Die Teilnehmer rennen um eine Reihe von Stühlen und müssen beim verabredeten Zeichen blitzschnell einen Platz besetzen. Der Trick dabei ist, dass immer ein Stuhl zu wenig da steht; also – einer der Teilnehmer kann sich nicht setzen, er geht leer aus und fliegt aus dem Spiel. Pech gehabt!

 So geht es Runde um Runde und gewonnen hat, wer am Ende auf dem einzigen Stuhl sitzt, der noch übriggeblieben ist. Warum man nun dieses Spiel ausgerechnet „Reise nach Jerusalem“ nennt, ich weiß es nicht.

Auf den ersten Blick ist dieses Spiel ja recht lustig und unterhaltsam, und doch hat es für mich auch etwas sehr Beklemmendes an sich. Was da im Spiel recht übermütig klingt, ist im Alltag für viele Menschen bitterer Ernst. Im Kampf um die besten Plätze hat das Tempo enorm zugenommen und damit auch bei vielen die Angst, es nicht mehr zu schaffen und als Verlierer da zu stehen. Diese Angst geht in Schulen und Betrieben genau so um, wie in schicken Büros, Wohnheimen und Krankenhäusern. Der Wettbewerb um die besten Plätze produziert nun einmal Gewinner und Verlierer, und je knapper die Plätze werden, desto größer wird die Angst vor dem Versagen und vor dem Verlust. Ich denke da z.B. an junge Menschen, die trotz intensiven Studiums und unzähliger Bewerbungen keine Stelle finden. Ich denke an viele ältere Menschen, die den Eindruck haben, dass diese Gesellschaft für sie keinen Ort und keine Aufgabe mehr hat. Ich denke an Eltern, denen man öffentlich Vorwürfe macht, weil sie Ja zu ihrem Kind gesagt haben, obwohl sie wussten, dass es behindert zur Welt kommen wird. Und eine junge Frau sagte mir unlängst: „Für meinen Vater bin ich der größte Fehler seines Lebens.“

So wird einem der Stuhl weggezogen, so wird jemand zum Niemand, weil er keine Chance bekommt und es offenbar nicht interessiert, wer er ist und was in ihm steckt. Menschen werden zum Niemand, weil sie alt und gebrechlich sind oder mit einer Behinderung leben. Ein junger Mensch wird zum Niemand, weil er den Erwartungen der Eltern nicht entspricht. Aber als Niemand kann niemand leben. Jeder Mensch hat einen Namen und eine Bedeutung – und vor allem: jeder hat eine Würde, ein menschliches Gesicht unabhängig von seinem Aussehen, seinem Alter, seinem körperlichen und seelischen Zustand und auch unabhängig von den Anforderungen seines Umfelds. Nicht was einer ist, was einer kann, wie einer aussieht, macht den Menschen wirklich aus, sondern allein das, was einer ist: ein Mensch, so wie Sie und ich – ein Mensch mit Würde. Wenn ich die Botschaft von Weihnachten richtig verstehe, dann sollen das vor allem die erfahren, die eben keinen großen Namen, kein bedeutendes Gesicht haben und im Spiel um die guten Plätze des Lebens meistens den Kürzeren ziehen.

In Bethlehem und überall dort, wohin Jesus dann als erwachsener Mensch kommt, wird ein anderes Spiel gespielt als das, was wir „Reise nach Jerusalem“ nennen. Da wird der Schwächere nicht Zug um Zug ausgeschlossen; niemand muss auf der Strecke bleiben und die scheinbaren Verlierer werden nicht vor die Tür gesetzt. Im Gegenteil! Jesus stellt noch einen Stuhl dazu. Mit seinen tiefen und überzeugenden Gesten zeigt er, wie sehr er jeden Menschen in seiner Würde achtet und schätzt. Er kennt das unbarmherzige Spiel der Menschen, in dem es immer Gewinner und Verlierer gibt. Er erlebt und erleidet es am eigenen Leib – und hört doch nicht auf, die Spielregeln zu ändern. In seinem Spiel gibt es keine Verlierer, keine Bloßgestellten, keine Hoffnungslosen!

Schon bei seiner Geburt zeigt sich, dass es ihm gerade um die Namenlosen und Chancenlosen geht. Die einfachen Hirten machen sich auf den Weg zur Krippe, während die weltlichen und geistlichen Größen aus ihrer engen Welt nicht heraus kommen. Zu sehr sind sie noch mit ihren Machtspielen beschäftigt, als dieses kleine Kind ein neues Spiel beginnt, ein Spiel mit anderen Regeln. Ein Spiel, in dem eben nicht nur einer auf Kosten der anderen gewinnt, sondern gewinnen können da nur alle – oder keiner. Was man für dieses Spiel braucht, ist nicht der scharfe Blick für die eigenen Chancen, sondern den Über­blick, der auch wahrnimmt, was den anderen fehlt und wo ihre Chance liegt. Trainiert wird dabei nicht die Durchsetzungsfähigkeit, sondern die Solidarität; nicht der Verstand, sondern das Herz; nicht der Blick für den eigenen Vorteil, sondern der Sinn für Gerechtigkeit. Wir Christen kennen dieses Spiel nun seit 2000 Jahren und sind doch nur recht mittelmäßige Spieler. Aber wir hören nicht auf zu üben. Gelegenheit dazu gibt es nicht nur an Weihnachten, sondern an jedem Tag – wann immer ich will. Und wie sollen wir dieses Spiel nennen? Wir wär’s mit „Reise nach Bethlehem“? In diesem Sinne Ihnen allen ein munteres Spielen in den kommenden Tagen und im neuen Jahr.

Ein gesegnetes Weihnachtsfest für Sie alle und Gottes gutes Geleit im kommenden Jahr!

 

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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