Warum wir Kreuze aufhängen


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Können Sie jemandem erklären, weshalb Sie ein Kreuz in Ihrer Wohnung aufhängen? Weshalb Sie ein Kreuz an ihrem Hals tragen oder in Ihrem Auto hängen haben? Auf solche Fragen sollten wir gewappnet sein, denn es ist mir auch schon so ergangen, dass ich gefragt wurde: Warum hängen sie eigentlich ein Kreuz bei sich auf?

Ja, warum eigentlich? In erster Linie geht es mir dabei gar nicht um das Kreuz, an welches Jesus geschlagen wurde, sondern um „mein“ Kreuz, um mein Leben und um das, was mich in diesem Leben trägt.

Die erste Antwort ist für mich deshalb: Das Kreuz ist der Hoffnungsbaum! Wie es anders zugehen kann, sagt die Geschichte von dem Mann, den der Anblick seines eigenen Schattens so sehr ängstigte, dass er beschloss, ihn hinter sich zu lassen und davonzulaufen. Aber der Schatten folgte ihm natürlich mühelos. Da sagte der Mann zu sich: Ich muss schneller laufen. Also lief er schneller und schneller und schneller, solange, bis er tot zu Boden sank. – Flucht vor dem Schatten. Kennen wir das nicht von uns selbst? Wenn wir ehrlich sind und uns selbst kennen, dann würde ich sagen: Aber sicher! Immer weg von den Schattenseiten, den dunklen Punkten, den verpfuschten Lebensentscheidungen. Ja nichts mehr davon hören und sehen, ja nicht mehr davon reden. Man kann dem Schatten nicht entkommen…

Doch es gibt einen anderen Weg: Wäre der Mann in den Schatten eines Baumes getreten, dann wäre er seinen eigenen Schatten in Nullkommanichts losgewesen. Aber darauf kam er nicht. Für mich ist das wie die Halbierung des Lebens. Wir sind gefangen von seiner Sonnenseite, und vor der Schattenseite machen wir die Augen zu. Nur: Die christliche Hoffnung ist auf das ganze menschliche Leben ausgerichtet. Da wird nichts verdeckt oder verdrängt, sondern das Leben wird angenommen, wie es ist: Freude und Leid, Geglücktes und Misslungenes, Erfolg und Scheitern, Leben und Sterben.

Wer immer ich auch bin und wie immer ich auch belas­tet und beladen bin mit dem ganzen unerledigten Wust meines Lebens, mit dem Schuldigwerden gegenüber anderen, mit dem Versagen – ich darf in den bergenden Schatten des Kreuzes treten. Ich muss die Schuld nicht anderen zuschieben, sondern ich kann dazu stehen, aufrecht und befreit. Der Gekreuzigte ist der Inbegriff der Versöhnung. Deshalb ist für mich das Kreuz das Zeichen der Vergebung, aber auch der Hoffnung, die mich trägt.

Die zweite Antwort lautet: Das Kreuz sagt mir und macht mir deutlich, dass Gott mir auch im Leiden nahe ist und den Leidenden dieser Welt. Viele denken ja, dass das Leid ein Zeichen der Abwesenheit Gottes sei. Gott hat mich verlassen. Von wegen! Gott lässt mich nicht allein, auch nicht im ungelöstesten und unlösbarsten aller menschlichen Probleme – im Leiden. Er hat keine Theorie darüber entworfen, er leidet einfach mit. Am christlichen Glauben überzeugt mich vor allem, dass der Gott, an den wir glauben, eben an den offenen Wunden nicht vorbei geht, sondern sie selber trägt und die Kraft hat, sie zu verwandeln. Das Zeichen des Glaubens ist nicht der strahlende Held mit dem Lorbeerkranz, sondern der gekreuzigte Gottessohn mit der Dornenkrone. Seine Wunden und der schreckliche Tod werden nicht verleugnet, sondern öffentlich vorgezeigt als Sinnbild seiner Hingabe an uns Menschen. 

Das Kreuz steht allüberall dort, wo Menschen über Leichen gehen und andere kaputt machen oder erledigen, wo unsere Lebenspläne durchkreuzt werden, wo das Bild vom gu-ten Vater im Himmel verdunkelt wird und wir fragen: Warum, Gott? Warum ich, warum sie, warum er, warum jetzt? Warum, o Gott, warum? Da, wo es einem das Herz zerreißt, wo es zum Heulen ist, dort steht das Kreuz mitten in der Lebensrealität. Nicht als ein frommer Gebrauchsartikel, sondern als ein Stück unseres Lebens. Wo immer ich ein Kreuz sehe, da höre ich auch diesen Schrei nach Gott, und ich spüre, dass Christus die Nähe Gottes in alle Gottverlassenheit gebracht hat.

Das Christentum zeichnet sich dadurch aus, dass es den Tod nicht verdrängt, sondern sich mutig damit auseinandersetzt. Christen setzen ihr Vertrauen auf jenen Sohn Gottes, der durch seinen Tod die Welt erlöst hat. Und auch das gilt: Unser Gott steht auf der Seite der Opfer, der Zu-kurz-Ge­kommenen, der Schwachen und Armen.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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