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»Spuren«

Drei Caminos Reales, von der königlichen Zentralmacht unterhaltene Wege, führten vor dem Bau der moderneren Straßen des 20. Jahrhunderts nach Tegueste. Meistens versickerte das königliche Geld für ihre Instandsetzung, bevor es Teneriffa erreichte.

Antonio Pereira Pacheco, weitgereister Schriftsteller und unermüdlicher Chronist, der dort um die Mitte des 19. Jahrhunderts längere Zeit Pfarrer war, beklagte sich bitter über ihren schlechten Zustand: Holperiges Pflaster, sumpfige Abschnitte, steile Passagen, an denen man vor allem im Winter ständig abzustürzen drohte. Es sei für ihn oft lebensgefährlich, Sterbenden die Sakramente zu bringen. Mutmaßlich seien die Wege in der vorspanischen Guanchenzeit besser gewesen, wobei er offen ließ, wie die Ureinwohner dies ohne geeignetes Werkzeug überhaupt hätten leisten können. Auch damals hat man sich über die Guanchen mehr vorgestellt als man konkret wusste.

Von La Laguna kommend erreichte man den Ort über einen der drei Caminos über den kleinen Sattel von Las Peñuelas. Hier sollen 1495 Guanchen in einem Gefecht spanische Viehräuber besiegt haben. Aber die Quellenlage ist unsicher; wie so oft gilt auch hier: Nichts Genaues weiß man nicht. Der Weg  durch diese hübsche Mittelgebirgslandschaft besteht heute noch in einem ähnlichen Verlauf, ist in seinem mittleren unbefestigten Abschnitt noch immer so beklagenswert wie zur Zeit des Lamentos des Pfarrers  und eignet sich im Sommer auch für einen Familienausflug. Er beginnt in La Laguna bei der Iglesia de la Concepción, führt durch die Avenida de San Diego und links um die gleichnamige Ermita herum zur Montaña de la Bandera  und erreicht dabei den Platz, an dem sich der Kampf abgespielt haben soll. Als Camino de los Laureles (Weg der Lorbeerbäume) setzt er sich nach Tegueste fort. Dort betritt man den ursprünglichen Siedlungskern des Ortes an der kleinen „La Arañita“ genannten Plaza.

Der Ortsname „Tegueste“ ist guanchischen Ursprungs. Mehrere Menceyes sollen so geheißen haben. Aber an der Arañita haben nie Guanchen gesiedelt. Der einigermaßen ebene Platz war zum Errichten kleiner Häuser und zum Ackerbau geeignet und damit nur für die Eroberer interessant, die sich hier niederließen, obwohl die Wassermassen der angrenzenden Barrancos bei starken Regenfällen den Platz von Zeit zu Zeit überfluteten. Die Guanchen bevorzugten Plätze nah an Wasserläufen. Sie waren in erster Linie Viehhalter und bewohnten  Höhlen oder primitive Hütten aus niedrigen Trockenmauern, deren Dachgebälk mit Lederhäuten gedeckt gewesen sein soll. Die guanchische Ursiedlung von Tegueste befand sich wenige Gehminuten von der Arañita entfernt im Barranco Agua de Dios, durch den damals ein permanenter Bach floss. Wie lange sie sich dort nach ihrer endgültigen Unterwerfung noch halten konnten, ist nicht überliefert. Sie wurden massenhaft in die Sklaverei verkauft, damit die Eroberer ihre immensen Schulden bezahlen konnten. Den Rest besorgten Hunger und eingeschleppte Infektionskrankheiten. 

Etwas nordöstlich von der Hauptkirche von Tegueste (San Marcos) durchquert ein steiler Pfad ganz in der Nähe der Guanchenhöhlen den Barranco. Man muss schon etwas „geländetauglich“ sein, um weglos in nördlicher Richtung durch das ehemalige Bachbett und seine kleinen Wassertümpel zur Cueva de los Ovejeros, der Höhle der Schäfer, zu gelangen. Den Ausgrabungen der Archäologen zufolge wurde sie nachweislich ab dem 6. Jh. n. Chr. bewohnt und ist heute eine der wichtigsten Fundstätten zur Urbevölkerung Teneriffas. Sie steht unter besonderem Schutz und darf ohne Erlaubnis nicht betreten werden. Ihre mehrere Meter dicken Ablagerungen bieten dem Laien wenig Spektakuläres, lassen dafür aber die Augen der Fachwissenschaftler umso heller leuchten, ermöglichen sie doch einen Einblick in die tatsächlichen Lebensverhältnisse der damaligen Bewohner. Und die waren offensichtlich ganz anders, als die fantasievoll ausgeschmückten Beschreibungen früherer Chronisten und ihrer heutigen Nachahmer berichten. Sie hier zu beschreiben, sprengte allerdings den Rahmen. Die umfangreichen archäologischen Veröffentlichungen dazu sind im Internet verfügbar.

Um einen Eindruck von der Wohnsituation zu erhalten, muss man die Höhle nicht betreten. Sie ist nur wenige Meter tief, aber breit und geräumig und bietet einer größeren Familie Platz. Was man nicht sieht, sind die anderen Wohn- und Bestattungshöhlen in der Umgebung, die heute durch dichtes Brombeergestrüpp verborgen sind. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich seit der Eroberung die Vegetation hier grundlegend verändert hat. Guanchen besaßen keine Werkzeuge, um Brombeergebüsche zu entfernen. Diese wuchsen erst, nachdem die Eroberer die Wälder an den Hängen des angrenzenden Anagagebirges abgeholzt und dadurch die regelmäßige Wasserzufuhr fast unterbunden hatten. Seitdem fließt der Bach nur noch sporadisch, und Pflanzen, die mit weniger Wasser auskommen, verdrängten den ursprünglichen Bewuchs und machten den Platz unbewohnbar.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top

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