Wandern und entdecken


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» Ein Kollaps nach dem anderen «

Jahrelang war der Barranco del Infierno wegen Steinschlaggefahr gesperrt. Die Straße zur Punta de Teno ebenso. Umfangreiche Sicherungsarbeiten an den steilen Wänden brauchten Zeit und kosteten vor allem viel Geld. So ist es wenig verwunderlich, dass an manchen Wegen nur die Schilder vor sich hin rosten, die den Durchgang wegen Steinschlaggefahr verbieten, aber keine Maßnahmen ergriffen werden, um den Weg wieder begehbar zu machen. Ärger und Enttäuschung sind nachvollziehbar, wenn deswegen Touren abgebrochen werden müssen oder nicht mehr durchführbar sind. Andererseits: Gebirge ohne Steinschlag gibt es nicht, und vulkanische Gebirge machen da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil. Die heftigsten Bergstürze, Mega-Ereignisse der Erdgeschichte, prägten das Aussehen der vulkanischen Hochgebirge, also auch der Feuer-Inseln, die wie einst das Teno-Gebiet aus dem Ozean aufstiegen. Auf unseren Wanderungen dort begegnen wir Spuren dieser Ereignisse. Und manchmal erkennen wir sie.

In zahlreichen Kehren windet sich der Weg hinauf zum Cruz de Gala. In der Morgensonne liegt unter uns das Tal von Santiago del Teide. Dahinter der Teide, Pico Viejo und die ganze Kette aus Chinyero, Montaña Bilma und weiteren erloschenen Vulkankegeln. Wir bewegen uns über einer Spalte, die tief unter uns in der Erdkruste vor Jahrmillionen entstanden ist und aus der die Lava dieser Vulkane bis hin zu unserem Ziel, der Punta de Teno, in ungezählten Eruptionen an die Oberfläche quoll. Hier bei der Aufstiegsroute ist sie 6,2 bis 6,6 Millionen Jahre alt und gehört damit zum Ältesten, was man im Teno-Massiv finden kann. Oben ab dem Bergsattel, auf der Cumbre de Bolico, ist sie mindestens 100.000 Jahre jünger. 

Das Alter kann man diesem Gestein nicht ansehen. Ich weiß es von den Geologen. Anderes können wir aber von dort oben und entlang unseres Weges über die Cumbre nach Teno Alto gut erkennen. Unter uns liegen auf der anderen, westlichen Seite die steilen und breiten Täler von Masca und Los Carrizales, dazwischen noch der ebenfalls breite Kopfbereich des Barranco de Juan López. Ihr Wasser fließt durch die engen Barrancos, die  an ihrem unteren Ende in den Fels gegraben haben,  zum Meer. Das ist nicht nur ein beeindruckendes Bild und bestimmt schon oft fotografiert worden, es könnte uns auch stutzig machen. Klar erkennbar ist: Dort, wo sich heute die Täler befinden, muss früher einmal Fels gewesen sein. Hier hat Erosion in großem Umfang stattgefunden. Wenn in einem Gebirge ein neues Tal entsteht, wird Material abgetragen. Dabei tieft sich das neue Tal nicht nur ein, sondern weitet und öffnet sich auch in Richtung des Tieflandes. Dorthin wird das abgetragene Material abtransportiert. Es ist nur schwer vorstellbar, dass hier diese riesigen Schuttmengen durch die vergleichsweise engen Barrancos ins Meer befördert worden sein sollen. Sind sie auch nicht.

Wir erblicken in den unteren Talseiten in Wirklichkeit das, was von der ursprünglichen Teno-Insel übrig geblieben ist, als sie vor etwa 6,2 Millionen Jahren auseinanderbrach. Damals, gute sechs Millionen Jahre vor Entstehung des Pico del Teide, gab es Teneriffa noch nicht, sondern neben der Teno-Insel noch zwei weitere Inselchen, wo sich heute der Roque del Conde bzw. das Anaga-Gebirge befinden. Das Ergebnis dieses Landverlustes, der sich vermutlich in wenigen Augenblicken abspielte und gewaltige Tsunamis auslöste, dürfen wir uns etwa so vorstellen, wie die Bucht von El Golfo auf El Hierro, wo ein ähnliches Ereignis vor 50 000 Jahren stattgefunden hat: Eine halbmondförmige, mehr als 1000 m aus dem Meer aufragende Steilküste auf der einen Seite und auf der anderen weniger steile, zum Meer abfallende Flanken. Je schneller sie sich aufbauen, je höher und je steiler sie dabei werden, desto eher werden vulkanische Inseln instabil. Teile brechen ab und versinken im Meer. Dort können riesige Schuttfächer als Ergebnis des Abbruchs nachgewiesen werden. 

Vor der neu entstandenen Teno-Steilküste hatte es aufsteigende Lava leichter, an die Oberfläche zu kommen als in der stehengebliebenen Restinsel. Also entstanden in dieser Zone neue Vulkane, stiegen aus dem Meer auf, schlossen die Lücke zur damals noch jungen Steilküste, wuchsen Schicht um Schicht an dieser empor und verfüllten den Zwischenraum. Die frische Lava wurde an den Klippen zwangsläufig aufgestaut und erhielt dadurch eine waagerechte Oberfläche. Man kann von der Cumbre aus, aber auch von der Straße von Buenavista nach Masca an verschiedenen Stellen erkennen, dass waagerecht vom Landesinneren in Richtung Küste verlaufende Lavaschichten abrupt aufhören und stattdessen seeseitig schräg abfallende Lavaschichten sich anschließen. Geologen bezeichnen solche Schichtunterbrechungen als Disjunktion. Diese hier zeigt, wo damals der erste Abbruch stattgefunden hat und die erste Steilküste zurückließ. 

Bereits 100 000 Jahre später zerbrach die Insel erneut. Die Ereignisse wiederholten sich etwas weiter nordwestlich, und von dem neuen Material blieb nur ein schmaler Streifen, teilweise weniger als einen Kilometer breit, zurück. An einigen Stellen kann man noch gut die darüberliegende verbliebene Geröllschicht erkennen. In ihr liegen feines und grobes Material wild durcheinander. Später aufgelagerte Gesteinsschichten pressten sie mit ihrem Gewicht zusammen und gaben ihr etwas Festigkeit. Aber immer noch können wir dieses weiche, als Mortalón bezeichnete Material mit wenig Kraft zerbröseln. 

Kurz nach diesem zweiten Bergsturz wuchs noch einmal ein großer Vulkan in der halbmondförmigen Bucht vor dem dabei entstandenen Steilufer empor und füllte alles wieder auf. Im Laufe der Jahrmillionen wurde er durch Erosion abgetragen. Gerölllawinen, Felsstürze und Steinschlag schufen das große Tal von El Palmar und die stark gegliederte Landschaft, in der wir heute wandern. Nur die Küsten hielten dem Zahn der Zeit nicht stand. Ein letzter großer Flankenabbruch reichte von der Punta del Fraile westlich von Buenavista bis zur antiken Hafenbucht von Garachico. Spätere Vulkane schufen die heutige, dem Teno-Gebirge vorgelagerte Isla Baja und entfernten zum dritten Mal die nördliche Steilküste der Teno-Insel vom Meer.

Michael von Levetzow 

Tenerife on Top 

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