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» Erfolg mit Pech «

Mit Pech konnte man reich werden. Pech war Voraussetzung vieler Erfolge und hatte strategische Bedeutung. Columbus hatte vielleicht bei der Entdeckung Amerikas auch Glück – ganz bestimmt aber hatte er Pech. Die goldbeladenen Schatzschiffe brachten ihre wertvolle Fracht besser mit Pech als mit Glück nach Spanien. Jahrhundertelang spielten die kanarischen Inseln bei Atlantiküberquerungen eine zentrale Rolle. Ihr Pech war begehrt.

Auf der Höhenstufe zwischen 1300 m und 1500 m, dort wo schon Kiefernwälder die Landschaft prägen, entdecken wir gelegentlich niedrige Mauern, rundlich bis hufeisenförmig, mit wenigen Metern Durchmesser. In ihrem Inneren befindet sich manchmal eine Grube. Meistens kommen sie paarweise an oder auf einem flachen Hangrücken vor, nie aber auf gleicher Höhe. Immer ist eine etwas höher angelegt als die andere. Man könnte sie für Überbleibsel kleiner Viehställe halten. Tatsächlich waren dies aber Goldgruben. Hier wurde Pech gewonnen. Man konnte damit sehr reich werden. Im 16. Jahrhundert waren die Einnahmen des Cabildos von Teneriffa aus dem Verkauf von Pech höher als die Einnahmen aus der damals die Inselwirtschaft dominierenden Zuckerindustrie. Praktisch jedes aus Europa kommende Segelschiff lief vor einer Atlantiküberquerung die Kanaren oder die Azoren an; denn hier gab es reichlich, was auf dem Kontinent im ausgehenden Mittelalter längst Mangelware geworden war: harzreiches Holz. Nur daraus ließ sich Pech gewinnen, und ohne Pech konnte man Holzschiffe nicht kalfatern, also abdichten. Dabei ging es nicht nur um das Zustopfen und Zuschmieren von Ritzen. Jede Planke der Schiffe wurde mit Pech gegen die Wirkung des Seewassers imprägniert. Pech war die Holzschutzlasur von damals. Es schützte den Schiffsrumpf auch eine Weile vor dem Befall durch den Schiffsbohrwurm, der früher oder später jedes Schiff zu einer Sammlung von Löchern im Holz machte.

Die meisten dieser Pechöfen wurden im 16. und 17. Jahrhundert gebaut. Mehr als 90 konnten Archäologen allein auf Teneriffa aufspüren und verorten. Sie waren teilweise bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts in Betrieb, als der Bau von Stahlschiffen die Holzschiffe verdrängte und den Bedarf an Pech nahezu überflüssig machte. In ihrer Nähe befanden sich ursprünglich auch Unterkunftshütten für die Pecher oder Pechsieder. Von ihnen blieb in der Regel nichts erhalten. Solide gebaut waren nur die Öfen. Manchmal kann man noch erkennen, dass ihr Inneres mit einer Lehmschicht verputzt war. Sie sollte während der Verschwelung des Holzes den Sauerstoffzutritt verhindern; denn Pech entsteht nur, wenn man Holz oder noch besser Harz unter Luftabschluss erhitzt. Dabei entstanden Holzgas, Pech, Teer und Holzkohle. 

Bei den Temperaturen im Ofen war das Pech dampfförmig. Um es abzukühlen und zu verflüssigen wurde der Dampf durch ein im Boden eingegrabenes Rohr zu der zweiten, niedriger gelegenen und ebenfalls sorgfältig verputzten Kammer geleitet. Dort kondensierte er. Am unteren Ende dieser zweiten Kammer schloss sich eine weitere kurze Röhre an, durch die das Kondensat wie aus einem Brunnen in einen Auffangbehälter tropfte. Dort erkaltete es endgültig  und verfestigte sich. Die Pechziegel wurden dann mit Tieren an die Küste transportiert und verkauft.

Die Qualität des Pechs hing von der Menge an Verunreinigungen ab. Höchste Güte erzielte man bei der Verarbeitung von reinem Baumharz. Je harzreicher ein Holz ist, desto mehr Pech liefert es. Nadelbäume und Birken sind gute Lieferanten, tropische Hölzer hingegen nicht. Im spanischen Weltreich gab es praktisch nur (noch) auf den Kanarischen Inseln ausreichende Kiefernwälder. So kam es, dass neben der oft erwähnten Abholzung der Lorbeerwälder zur Versorgung der Zuckerindustrie mit Brennstoff auch an den ausgedehnten Kiefernwäldern mit Blick auf die Versorgung der Segelschiffe erheblicher Raubbau getrieben wurde. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Inseln weitgehend entwaldet und drohten zu vertrocknen.  

Aufgrund ihres ungewöhnlich harzigen Holzes erbrachte die Kanarische Kiefer etwa 50% mehr Pechausbeute als andere Kiefernarten. Aus 100 kg Holz gewann man 15 kg Pech. Damit erklärt sich auch, weshalb alle Pechöfen im unteren Bereich der Kiefernwaldstufe erbaut wurden: Das fertige Produkt war einfach leichter zu transportieren als die rohen Baumstämme. Der tatsächliche Holzverbrauch war aber wesentlich höher; denn der Ofen wurde von außen beheizt. Dazu wurde rundum Holz aufgeschichtet, angezündet und mindestens eine Woche lang in Brand gehalten. So lange brauchte es, bis die Holzmenge im Inneren verschwelt war.

In der Nähe der oberhalb von Arico gelegenen Zona Recreativa „El Contador“ können wir entlang des PR 86 (ausgeschilderter Wanderweg in Richtung Nationalpark) gleich mehrere gut erhaltene Pechöfen besuchen. Sie liegen immer etwas abseits des Weges. Zum ersten Ofen zeigt ein Wegweiser. Verlässt man dort den PR 86 und folgt dem Schild in Richtung Barranco del Rio, kann man nach etwa einem Kilometer einen weiteren kleinen Brennofen in einer flachen Senke unterhalb des Weges entdecken. Nah daneben deutet eine eingeebnete Fläche an, wo wohl früher die Behausung der Arbeiter gestanden hat.  Wenige Schritte von dort entfernt befindet sich im Hang der nächste Meiler. Er ist besonders gut erhalten. Weitere Brennöfen gibt es z.B. bei Güímar in der Region Agache und im Norden bei La Guancha und Icod de los Vinos zu entdecken.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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