Wandern und entdecken


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» Un horno secadero «

Einen Feigenbaum am Haus zu haben, den aromatischen Duft seiner Blätter vom leichten Wind herangeweht zu bekommen, seine Früchte zu genießen – ein Traum! Neben zahlreichen Bauernhäusern, vor allem im Süden Teneriffas, war dieser Traum einst Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die ihre Bewohner nicht davon abhalten konnte, eines Tages Haus und Baum aufzugeben. Die leeren Katen halten Wind und Wetter nicht lange stand und verfallen. Nicht immer sieht das romantisch aus. Die Feigenbäume gedeihen weiterhin prächtig. Sie brauchen wenig Pflege. Es war kein Zufall, dass die Leute sie bei ihren Weilern und Äckern angepflanzt hatten. Sie versprachen reiche Ernte bei wenig Arbeit.

Auf den gängigen Wanderkarten und auch in den einschlägigen gedruckten Führern ist der Süden Teneriffas zum Wandern eher wenig erschlossen. Dabei handelt es sich hier um Gebiete, die schon vor der Eroberung der Insel am Ende des 15. Jahrhunderts besiedelt und bewirtschaftet waren, in denen ein Wegenetz bereits bestand, das die Eroberer übernahmen und nach und nach bis heute ihren Ansprüchen anpassten. So auch im Valle de Güímar, wo wir oberhalb von Arafo einen für uns neuen Rundweg hinauf zur 1225 m hohen Media Montaña erkunden wollten. Das Kartenmaterial ist schlecht, aber die Wege sind trotzdem dort. Bei der Bodega Comarcal begannen wir. Steil ging es bergauf. Bald sollte es nach rechts eine Abkürzung geben. Sie ist so zugewachsen, dass wir sie übersahen und deswegen weiter oben ein kurzes Stück an der Straße bis zur nächsten Asphaltpiste weitergingen, die uns schnell in den Barranco de Afoña und auf dessen andere Seite brachte. Dort trafen wir auf den Camino de Afoña. Ihm folgen wir bis auf die Montaña, querten dann etwas nach Osten, um auf dem Camino del Barrero wieder abwärts zu gehen bis zum Camino de Marin, der uns genau hierher zurückbrachte. Soweit die beabsichtigte, zur Nachahmung empfohlene Route.

Zuvor gab es für mich aber Wichtigeres. Bereits an der Abzweigung der Asphaltpiste hatte ich am Hang gegenüber bei einer Bauernkate etwas entdeckt, was ähnlich aussah wie die kleinen Splitterschutzbunker in den deutschen Nachkriegsstädten. Als kleine Kinder hatten wir noch bei solchen Kriegsrelikten gespielt. Auch auf Teneriffa gibt es an einigen Stellen Bunker aus dem Weltkrieg. Dennoch: Dies sah nur ähnlich aus, war aber etwas gänzlich Anderes. Erkennbar lebte dort schon lange niemand mehr. Es war nicht ganz einfach, dorthin zu gelangen. Der Weg war weitgehend mit kanarischem Wermut (Artemisia reptans) und Harzklee (Psoralea bituminosa) zugewachsen, dazwischen noch Büsche von Escobón (Spartocytisus proliferus / Zwergginster) und Tabaiba amarga (Euphorbia regis-jubae). Intensiver Wermut-Duft lag in der Luft und wurde stärker, während ich mich durch das Dickicht arbeitete. Es schien, als sei hier seit Jahren niemand mehr gegangen, wären da nicht immer wieder Bienenkästen auf kleinen Lichtungen im Gesträuch. Nur wenige Bienen waren unterwegs; wir ignorierten uns einfach gegenseitig. 

Schließlich erreichte ich eine Era, einen runden Dreschplatz, der ungewöhnlicherweise mit Mörtel verputzt war. Breit und rund erhob sich gegenüber auf der anderen Seite das Ziel meines Abstechers: ein aus Bruchsteinen aufgebauter großer Ofen. Keiner zum Brotbacken – nichts für Hänsel und Gretel. Dieser durfte nicht so heiß werden, dass darin etwas garen konnte. Er hatte auch nie eine Tür oder Klappe besessen, konnte also nicht wie ein Backofen verschlossen werden. Er diente nämlich zum Trocknen der Feigen, die auf diese Weise haltbar gemacht wurden. Seine Ausmaße zeigten sehr deutlich, wie überaus wichtig ein Horno secadero (Trockenofen) für die früheren Bewohner der Casa de Afoña war. Sein Gesamtvolumen dürfte mehr als fünf Kubikmeter betragen. Zum Vergleich: In unserer modernen Küche hat der Ofen gerade einmal 0,3 Kubikmeter. 

Wenn die Feigen reif wurden, mussten große Mengen gleichzeitig getrocknet werden können. Sie spielten in der Ernährung eine wichtige Rolle. Eine getrocknete Feige enthält knapp 15 g Zucker, was etwa 60 kcal entspricht. Feigen waren damit natürliche Energieriegel und zudem noch reich an Vitaminen. Damit sie beim Trocknen nicht zu heiß wurden, wurde zwischen der Feuerkammer am Boden und der Trockenkammer eine dicke Steindecke eingezogen. Ein kleines Feuer reichte, um sie gleichmäßig warm zu halten. Und sicherlich wurden auch ein paar dieser Trockenfeigen verkauft oder verschenkt, damit auch andere Leute die zu Weihnachten und Neujahr beliebten Feigenbrote (Pan de Higo) zubereiten konnten.

Bevor ich mich wieder zum Weg zurück kämpfte, schaute ich mir noch die alte Kate etwas genauer an. Sie bestand aus einem einzigen, fensterlosen Raum von etwa 3 m x 7 m und hatte eine überdachte, etwa einen Meter tiefe „Veranda“. Links erkannte ich eine Kochnische mit offener Feuerstelle, rechts deuteten sich die Reste einer Art Werkbank an. Mitten im Raum stand ein schöner, immer noch benutzbarer Kaninchenstall. Kaninchen waren wichtige Fleischlieferanten. Hier hatte sich praktisch das gesamte Leben in diesem einen dunklen Raum und auf der Veranda abgespielt. Reich ist dabei bestimmt niemand geworden. Wahrscheinlich lebten hier einst Pächter. Üblicherweise waren die Pachtabgaben sehr hoch. Gut wenn man dann ganz in der Nähe nicht nur einen Feigenbaum abernten konnte. Und ganz bestimmt hatten die Leute andere Träume.

Michael von Levetzow

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Aufmerksamen Lesern ist es nicht entgangen. Versehentlich erschien in der Ausgabe des Wochenblatts am 23. März der aktuelle Beitrag der Serie „Wandern und Entdecken“ unter dem Titel der Ausgabe vom 9. März, „Añavingo“. Der Barranco de Añavingo befindet sich im Valle de Güímar, der Schauplatz des letzten Artikels mit dem richtigen Titel „Zur Sonne in den Regen“ liegt jedoch bei Masca im Teno-Gebirge. Wir bitten um Entschuldigung

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