Wandern und entdecken


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„Da vorne! Das könnte es sein.“ Wir sind auf der Suche nach einer Felsgravur. Sie müsste etwa so groß wie ein Suppenteller sein. Zumindest nach dem Foto, das wir im Internet gefunden haben. Hier auf der Degollada de Yeje, mit Blick auf Masca, soll sich eine der wichtigsten vorgeschichtlichen Fundstätten Teneriffas befinden. Jedenfalls behauptet das der Autor des kurzen Internet-Artikels. Ein Sonnensymbol soll sich hier befinden und die Ritzzeichnung eines Fisches, außerdem zahlreiche kleine Kanälchen und in den Fels gehauene Schüsselchen. Es sei ein magischer Ort, Schauplatz kultischer Handlungen.

Der Weg vom Mirador Cruz de Hilda umrundet die Montaña de Yeje, führt über einen flachen Felsenrücken auf die Fortaleza de Masca zu, umrundet diese nordseitig teilweise etwas luftig und erklimmt schließlich steil die Hochfläche, wo heute manchmal auf aufgelassenen Ackerterrassen Ziegen weiden und die Ruine einer kleinen Bauernkate daran erinnert, dass hier einmal Menschen gelebt und gearbeitet haben. Hans Breitenströter, längst vergessener Pionier und Erstbeschreiber vieler Wanderrouten auf Teneriffa, betont in seinem Führer den alpinen Charakter dieses Weges. Wem die Wege nach Abache oder Guerges nicht anspruchsvoll genug sind, wird hier eher sein Revier finden. Die Tiefblicke auf beiden Seiten, nach Norden erst in den Barranco de los Retamares und später in den Barranco de Juan López und nach Süden in den Barranco de Masca mit seinen Seitenschluchten lassen uns diese gewaltigen Landschaften aus einer ganz eigenen Perspektive erleben. Trittsicher muss man hier sein, und Furchtsame sollten sich andere Orte für ihre persönliche Mutprobe auswählen. 

Es ist seltsam, auf einem Weg, den man schon lange kennt, etwas zu suchen, was man bisher übersehen hat. Die Ortsangabe „Degollada de Yeje“ ist auch nur begrenzt hilfreich; schließlich gibt es vor und hinter der Montaña de Yeje, diesem unbedeutenden Buckel in der Landschaft, einen Sattel zur anschließenden Erhebung, was auf Spanisch „Degollada“ heißt. Die erste Degollada war schnell abgesucht. Dort treten nur wenige einigermaßen flache und ausreichend glatte Felsflächen zutage. Hier hat niemand etwas eingeritzt. Die jenseitige Degollada, der erwähnte, etwa zehn Meter breite Felsenrücken, der beidseitig steil in die Barrancos abfällt, besitzt eine ziemlich grob gegliederte Oberfläche. Irgendwo hier muss die Stelle sein. Sie bisher übersehen zu haben, ist nicht verwunderlich. Hier sollte man entweder gehen oder Ausschau halten. Wanderer achten hier besser auf ihren nächsten Schritt. 

Auf mich wirkt dieser Ort nicht magisch, weder an sonnigen Tagen mit guter Sicht auf den Teide und in entgegengesetzter Richtung auf La Gomera, noch an einem wolkenverhangenen Tag wie heute. Die Wolken hängen tief, ab und zu gibt es heftige Windböen. Nach Norden können wir über den Rücken von Abache hinweg zu den Hängen bei Los Carrizales sehen. Dort ist etwas Sonnenlicht, aber die darüber liegende Cumbre de Barracán liegt im dichten Nebel. Sei es, wie es sei; wir wollen die Felsgravuren finden. Schließlich zeigt man so etwas gerne Kunden, die sich diese Tour ausgesucht haben. Der alte Lavarücken ist teilweise abgewittert und stark zerklüftet. Größere Steintafeln, wie man sie im norditalienischen Valcamonica findet, suchen wir hier vergeblich. Dort hatten jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Graveure ganze „Zeitungen“ in die Felsen geritzt. Aber hier? Wir suchen Linien. Es gibt sie zahlreich. Bei näherem Hinsehen ist aber menschliches Wirken unwahrscheinlich, selbst bei dem, was uns plötzlich wie ein wassergefülltes Auge anblickt. Wir suchen weiter. Es bleibt nur noch vor uns diese eine Stelle. Dort wo sich der Rücken nach Norden absenkt und dem Weg seinen weiteren Verlauf weist, ist die letzte Möglichkeit. Und genau dort finden wir ein längliches, nach den jüngsten Regenfällen mit Wasser gefülltes Becken. Schlagspuren zeigen deutlich, dass jemand daran gearbeitet hat. Das sieht aber eher nach Meißelspuren aus, als ob vielleicht Hirten dort eine kleine Wasserstelle geschaffen oder vergrößert hätten. 

Direkt daneben ist das tellergroße Sonnensymbol. Es ist aber nicht das Bild, das ich im Internet gesehen hatte. Die Linien sind viel schwächer und von Flechten überzogen. Man sieht sie kaum. Ein, möglicherweise zwei konzentrische Kreise und ein paar ziemlich gerade radiale Linien vom Mittelpunkt nach außen. Bevor er diese Linien einritzte, hat der guanchische Steinmetz eine ziemlich waagerechte kreisrunde Fläche aus der leicht schrägen Steinoberfläche herausgearbeitet. Nur dadurch ist die Struktur überhaupt erkennbar. Ob sie bei besseren Lichtverhältnissen deutlicher erkennbar ist? Jedenfalls wundere ich mich nicht, dass es zwar einen schriftlichen Hinweis, aber kein brauchbares Foto dieser Stelle im Internet gibt. 

Das System aus Vertiefungen und Kanälchen, das irgendwelchen unbekannten Opferritualen gedient haben könnte – so wird jedenfalls vermutet – zieht sich nahe neben der Sonne etwa zwanzig Meter hangabwärts und wird vom Weg überquert. In dieser Landschaft ist es unauffällig. Anderswo gibt es deutlichere Beispiele solcher Zeremonienstätten. Den Fisch haben wir nicht gefunden, was allerdings bei der Geländestruktur nichts heißen soll. Aber gäbe es nicht dieses Sonnensymbol, ich wäre weiterhin sehr skeptisch. 

Während unserer Suche rückten die Nebel von der Cumbre de Baracán näher und wurden zur Regenwand, die uns schließlich zur Umkehr zwang – der „Sonne“ zum Trotz.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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