Wandern und entdecken


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» Der Kanal war richtig voll «

Gleich drei Charcos kann man kurz nacheinander erreichen, wenn man von San Juan de la Rambla in Richtung Icod de los Vinos fährt: Charco de la Lacha, Charco Verde und Charco del Viento. Der erste und der letzte sind wunderbare natürliche Meerwasserpools, zu denen bequeme, gut angelegte Treppen hinabführen. Im Winter können sie bei heftigem Seegang gefährlich werden. Den Charco del Viento können wir gut in eine sehr empfehlenswerte und bequeme Wanderung einbauen und auf der Hälfte des Weges eine willkommene Badepause einlegen. Der Weg selbst hätte diesen zusätzlichen Bonbon nicht nötig. Für Entdecker und an der Natur Interessierte bietet er auch ohne das Bad im Meer reichliche Möglichkeiten und ist selbst bei Regen, sofern es nicht stürmt, lohnend.

Die Route beginnt bei Santa Catalina bei der Fußgänger-Überführung über die TF-5 und ist durchgehend gut markiert und mit Hinweisschildern versehen. Sie führt zuerst an einem felsigen Rücken entlang, die es hier auf der Insel so zahlreich gibt und bei denen es sich meistens um erstarrte Lavaströme handelt. Hier liegen die Dinge etwas anders; denn wir bewegen uns entlang der Wand eines großen Lavakanals, der vor 6000 Jahren entstanden ist. 

Langsam fließende Lava bildet eher selten Kanäle, sondern mehr oder weniger große Felder der auf Teneriffa häufigen und als Malpais bezeichneten AA-Lava. AA ist eine Lautmalerei der Hawaiianer und ahmt das schmerzhafte Stöhnen der Leute nach, die darauf barfuß laufen müssen. Müssen; denn freiwillig tut sich niemand diese Tortur an. Die dunklen Lavakanäle auf den Flanken des Pico del Teide bestehen aus solcher AA-Lava. Sie war beim Ausbruch so zäh, dass sie nur wegen des starken Gefälles genügend fließen konnte, um wenigstens etwa die Teidebasis zu erreichen. Die Lava, die 1798 beim Ausbruch der Narices del Teide austrat, war zwar etwas flüssiger und flutete einen großen Teil der Ucanca-Ebene, aber dennoch so  zäh, dass sie schnell an der Oberfläche erstarrte, während im Inneren die Lava noch eine Weile flüssig blieb und weiter vorwärts drängte. Zwangsläufig zerriss dadurch die schon fest gewordene äußere Schale in unregelmäßige Gesteinsbrocken und wurde schließlich zum Malpais. 

Schnell fließende dünne Lava ist in historischer Zeit auf Teneriffa eher selten gewesen. Die Ströme kamen nach wenigen Kilometern mangels Nachschub und wegen ihrer Zähigkeit zum Stillstand. Garachico macht da keine Ausnahme. Anders war es, als vor etwa 6000 Jahren der Teide ausbrach und die Lava in breitem Strom durch einen noch breiteren Barranco bis zum Meer hinunterfloss. 250 m war er breit, etwas breiter als der Rhein bei Karlsruhe, und ist damit einer der breitesten bekannten Lavakanäle der Welt. An seinen Rändern kühlte sich die Lava ab, erstarrte, wurde zur Mauer, die gleichzeitig die noch flüssige Lava vor der schnellen Auskühlung schützte und so den Strom in Fluss hielt. Stieg die Lavamenge und erreichte die Dammkrone, wuchs diese weiter. Sie ist heute mehr als zehn Meter über der Flusssohle und verrät uns etwas über die ungeheuren Lavamengen, die hier unterwegs waren. Irgendwann gab es einen weiteren Ausbruch, dessen Lava ebenfalls durch diesen Kanal floss. Da deren Menge aber geringer war, füllte sie nicht das gesamte Bett aus sondern bildete in der Mitte einen neuen Damm.

Das alles kann man sehr gut erkennen, wenn man auf der östlichen Seite entlangwandert. Kurz vor den steil abfallenden Klippen am Ufer wendet sich der Weg westwärts … und folgt dem Damm. Denn damals knickte hier der Lavastrom bei Erreichen des Meeres nach Wes­ten. Beim Kontakt mit dem Wasser entstand nicht nur viel Dampf, sondern die Lava erstarrte sehr schnell. Zahlreiche und teilweise auch große Obsidianblöcke, die wir von hier an immer wieder entdecken, sind Zeugen dieser Ereignisse. Die Lava suchte sich immer wieder neue Auswege in westlicher Richtung. Konnte sie wieder ins Meer fließen, entstanden dort die typischen langen Felszungen. Zwischen einigen von ihnen finden wir heute die Charcos.

Der Weg führt bis zum Charco etwa parallel zur Küste, die hier aus zahlreichen Buchten und Landzungen besteht. Es lohnt sich immer wieder, den markierten Weg auf einem der Seitenpfade zu verlassen. Die Blicke in die Buchten und entlang der Nordküste sind se­- henswert. Und der eine oder andere wird vielleicht auch die große Höhle in der Steilwand entdecken. Sie ist etwa 25 m hoch und wohl beim Abknicken des Lavastroms entstanden. Im Gegensatz zum markierten Wanderweg braucht man auf den Seitenpfaden gute Trittsicherheit; denn an einigen Stellen könnte ein Sturz fatale Folgen haben. Vom Charco zurück leiten die Wegweiser zwischen Bananenplantagen über eine asphaltierte Piste. Sie durchquert das, was von dem breiten Barranco, in dem sich der Kanal bildete, übrig geblieben ist. Zum Meer hin ist der Barranco durch den östlichen Kanaldamm vollständig abgesperrt und so tief, dass dort eigentlich nach Regenfällen ein natürlicher See entstehen müsste. Stattdessen wachsen dort Bananen. Das Regenwasser kann trotz des Damms unterirdisch zum Meer abfließen; denn vulkanische Inseln sind löcherig wie ein Schweizer Käse.

Entlang des Weges duftet die Luft aromatisch nach verschiedenen Kräutern. Die Vegetation ist hier sehr reichhaltig. Salztolerante Arten treffen auf die Sukkulenten des Trockenbusches. Eine sehr interessante Mischung, die genauer zu beschreiben sich aus Platzgründen verbietet. Wer das Orotava-Salzkraut neben dem Gold-Aeonium finden will, hat jedenfalls hier eine gute Gelegenheit dazu.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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