Wandern und entdecken


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» Sternstunde – Humboldts Blick «

Die Naturwissenschaften kennen viele Sternstunden – Momente großer, richtungweisender Erkenntnisse. Meistens stehen sie eher am Ende eines Forschungsprozesses. Selten gab es sie als Aha-Erlebnis am Beginn der Untersuchungen. Das war beispielsweise der Fall, als James D. Watson, ein unbekannter und nach eigenem Bekunden eher unerfahrener Post-Doktorand mit selbstgefertigten Molekülmodellen aus Pappe spielte und dabei nicht nur die Struktur der Erbsubstanz DNA herausfand, sondern auch gleich ein zutreffendes Bild ihrer Funktionsweise entwarf. Der Nobelpreis war ihm sicher. Am 20. Juni 1799 gab es eine solche Sternstunde der Wissenschaft, als zwei junge reisende Wissenschaftler von La Laguna nach Puerto de la Cruz unterwegs waren. Der Nobelpreis wurde erst 1901 gestiftet. Da waren beide Forscher, Humboldt und Bonpland, schon seit mehr als 40 Jahren tot.

Mirador Cruz de Atalaya oberhalb von Sta. Úrsula. Weit geht der Blick über das Gebiet von Acentejo. Überall um uns ziehen sich die Terrassenfelder, Bancales, an den Hängen entlang. Die meisten sind aufgegeben und werden von den Pflanzen des Monteverde zurückerobert. Andere sind frisch gepflügt, gute braune Ackererde, gepflegte Weinstöcke und Platz für Kartoffeln und Gemüse. Hier beginnen wir unseren Neujahrsspaziergang, ohne festes Ziel, einfach der Nase nach. Den asphaltierten Camino de Candelaria verlassen wir gleich bergwärts und erreichen kurz jenseits des flachen Barranco de La Rosa eine streckenweise betonierte Piste, die sich den Hang hinaufwindet. Ab und zu verraten kleine gelbe, an Baumstämme genagelte Blechrauten, dass wir auf einem vergessenen Wanderweg gehen. Erste Zistrosen und Gänsedisteln blühen rosa und gelb, hell leuchtet das Braun der Madroño-Stämme zwischen grünen Blättern hervor, darüber weiße Blütentrauben und orange Früchte. Im Halbschatten entdecken wir reiche Bestände des Kanarenstendels, einer endemischen Orchidee mit grünlichen Blüten. Heiß scheint die Sonne vom wolkenlosen Himmel, nur über dem Orotavatal liegt etwas Dunst, der sich ab und zu zu dünnen Quellwolken verdichtet. Sie lösen sich nach wenigen Minuten wieder auf. Subtropisches Hochdruckwetter hat die Insel fest im Griff. 

Begegnung mit anderen Spaziergängern. „Feliz año nuevo“. Ein kurzes Gespräch. Eine Frau empfiehlt uns, bis zum Canal de Aguamanza zu gehen und diesem bis zur nächsten Atalaya, einem Aussichtspunkt, zu folgen. Der Kanal ist mir ein Begriff. Dort entlang führte auf dem Wartungsweg eine attraktive Höhenroute, für erfahrene Bergsteiger ungefährlich. Aber die Wassergesellschaft hat, jegliches Risiko ausschließend, auf beiden Seiten des Kanals die Tunnel vergittert und so den Durchgang blockiert. Die Atalaya, eigentlich die Azotea eines schmucklosen, fast an die Böschung angelehnten Hauses, ist bald erreicht. Vom Kanal führt ein schmaler, geländerloser Eisensteg auf das Flachdach und gibt uns eine grandiose Aussicht. Fast senkrecht unter uns, aber wenigstens dreihundert Meter tiefer liegen La Florida und La Orotava, an der Küste Puerto de la Cruz und jenseits des Tales vor der hohen Tigaigawand Los Realejos. Oben zeichnet sich scharf die Cumbre mit ihren erloschenen Vulkanen gegen den Himmel ab. Hinter und über allem thront mächtig der Teide. 

Leicht sind auch die übereinander angeordneten Pflanzengürtel zu erkennen. An das Siedlungs- und Ackerbaugebiet schließt sich nach oben der Monteverde mit einigen Lorbeerwaldabschnitten an, gefolgt vom Kiefernwald, der im Bereich der Cumbre dorsal in den Ginsterbusch übergeht. Ganz oben, von hier wegen der Entfernung nicht erkennbar, schließt sich noch die Bergkräuterregion an. So hat es bereits Humboldt 1799 notiert und ab 1805 in seinen Berichten genau und ausführlich beschrieben. Außer der deutlich höheren Bebauungsdichte hat sich daran und damit am „Humboldtblick“ wenig verändert. Auf seinem Weg von Sta. Cruz über La Laguna, Tacoronte, Sta. Úrsula nach dem heutigen Puerto de la Cruz beobachtete er akribisch die Landschaften und ihre jeweiligen Veränderungen. Besonders die vielen klimatischen Bezüge hatten seine Aufmerksamkeit erweckt. „Der Boden der Inseln steigt wie ein Amphitheater auf und zeigt, gleich Peru und Mexiko, wenn auch in kleinerem Maßstab, jedes Klima auf, von afrikanischer Hitze bis zum Froste der Hochalpen. … In ihrem gegenwärtigen Zustand zeigt die Insel Teneriffa … fünf Pflanzenzonen, die man bezeichnen kann als die Regionen der Weinreben, der Lorbeeren, der Fichten, der Retama, der Gräser. Diese Zonen liegen am steilen Abhang des Pics wie Stockwerke übereinander und haben 1750 Toisen (=3500 m) senkrechte Höhe,…“ wird er seine Beobachtungen später auf den Punkt bringen. Keine Zeit für Gefühlsausbrüche, da war ein durch und durch ernsthafter, von seiner Aufgabe erfüllter Wissenschaftler bei der Arbeit, als er das Orotavatal erreichte. In seinem Buch erwähnt er nirgendwo einen besonderen Aussichtspunkt; sein berühmtes Zitat, mindestens vier Jahre nach seinem Besuch Teneriffas in Paris verfasst, beginnt mit dem meistens nicht erwähnten Satz: „Wenn man ins Tal von Tacoronte hinabkommt, betritt man das herrliche Land, von dem die Reisenden aller Nationen mit Begeis­terung sprechen.“ Nichts vom Orotavatal. Der Camino de Taoro, auf dem er nach Puerto reiste, verlief nördlich der heute nach Humboldt benannten Aussichtspunkte; nichts weist darauf hin, dass er jemals auch nur dort gewesen ist.

Humboldts Verdienst ist unter anderem, hier auf Teneriffa und an diesem Tag die Zusammenhänge zwischen Höhenstufen, Klima und Pflanzengesellschaften erkannt und darauf aufbauend die Pflanzengeografie begründet zu haben. Sie war für manch andere wissenschaftliche Erkenntnis Voraussetzung. Intuitiv hat er die einzigartige Besonderheit Teneriffas erkannt. Wo sonst auf der Erde kann man alle Klimazonen von Nordafrika bis Nordskandinavien mit einem Blick betrachten? Hätte er zu Lebzeiten erfahren, dass man einen Aussichtspunkt nach ihm benannt hat, wie hätte er reagiert? Vielleicht hätte er nachsichtig seinen Kopf geschüttelt.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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