Wandern und entdecken


© Michael von Levetzow

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Zwischen den Gemeinden Güímar und Fasnia bildet der beeindruckende Barranco de Hérques die unübersehbare Grenze. Bevor die TF-28 mit ihrer 40 m hohen Brücke zu Beginn des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, war er ein nahezu unüberwindbares Hindernis. Güímar endete bei El Escobonal, jenseits des Barrancos begann Fasnia. Einzig der Camino Real verband beide Orte einigermaßen miteinander. Er ist heute noch in vielen Abschnitten original erhalten und bietet eine hübsche Wanderung von knapp drei Stunden Dauer durch die bäuerlich geprägte Landschaft. Er verbindet zugleich auch zwei seltsame Kirchen oder das, was von ihnen übrig blieb. Natürlich sind sie fotogen – wie manche gut erhaltene Ruine. Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten.

Da zwischen beiden Orten nur selten Busse verkehren, haben wir ein Auto an unserem Zielpunkt, der alten Kirche San Joaquín bei Fasnia, geparkt. Ihre Anfänge liegen um 1665, als dort eine erste, einfache Ermita nah am Camino Real errichtet wurde. Im Ort selbst, der damals schon bestand, gab es keine Kirche. Das war bei El Escobonal, wo wir das zweite Auto in der Nähe der Kirche San José stehen ließen, ursprünglich nicht anders. Sie wurde erst im vergangenen Jahrhundert erbaut und ist eher unauffällig zwischen den Häusern, obwohl sie auf einem kleinen Hügel steht. Ihre Fassade würde ebenso gut zu einem kleinen Bahnhof passen. 

Nachdem wir durch die Calle Tambora de Abajo ein Stück abgestiegen sind und unterhalb des Ortes den Camino Real erreicht und auf diesem einen kleinen Barranco durchquert hatten, erblickten wir jenseits des an­schließenden Bergrückens die alte und eigentliche Parroquia de San José. Frei stehend erheben sich ihre Mauerreste auf einem kleinen Hügel zum Himmel. Sie wurde 1927 durch ein heftiges Unwetter fast vollständig zerstört. Ein Kreuz, ein Altar und einige Bänke weisen uns darauf hin, dass diese Kirche hin und  wieder benutzt wird und im Gemeindeleben noch heute eine Rolle spielt. Die Statue des hl. Josef befand sich aber schon zum Zeitpunkt der Zerstörung in der Kirche im Ort und blieb so erhalten. Weltlicher geht es bei der Noche de Cuentos y Luna Llena zu, die die Stadtverwaltung mit einem bunten Programm dort im August veranstaltet.

Wenig später erreichten wir den breiten und tiefen Spalt des Barranco des Hérques. Die vielen Schichten aus erstarrter Lava, aus denen seine nahezu senkrechten Wände aufgebaut sind, erzählen vom Vulkanismus vergangener Epochen. Ein immer noch sorgfältig gepflasterter Serpentinenweg überwindet das eigentlich Unpassierbare. Im ehemaligen Flussbett machten wir einen kleinen Abstecher nach links zu einer Felsstufe, über die einst das Wasser mehr als 20 m in die Tiefe stürzte. Die Höhlen ringsum wecken Neugier und erinnern daran, dass irgendwo hier die Cueva de Mil Momias sein sollte, die Höhle mit unzähligen Mumien aus der Guanchenzeit, von der José Viera y Clavijo berichtet. Der genaue Beobachter und  sorgfältige Chronist aus dem 18. Jahrhundert könnte dabei einem Märchen aufgesessen sein; denn trotz mancher Suche wurde die detailliert beschriebene Höhle bis heute nicht entdeckt. Real sind allerdings die beiden Haken neben dem Absturz, die ich zum Befestigen des Seils benutze, wenn ich mit Gruppen diesen Barranco bis fast zum Meer hinunter absteige. Meine Mitwanderer ließen sich die Technik des Barranquismo genau erklären. Jetzt gibt es neue Wünsche bei ihnen.

Wieder oben angelangt, blickten wir wieder auf die Montaña de Fasnia mit der kleinen weißen Ermita auf ihrem Gipfel. Wir konnten sie schon beim Aufbruch in El Escobonal entdecken und ungefähr abschätzen, wie weit uns der Weg führen sollte; denn etwas hinter und oberhalb von ihr lag unser heutiges Ziel. Der Camino Real führt dort knapp an der Ermita de San Joaquín vorbei. Bevor diese ihr Dach verlor und teilweise einstürzte, war sie allerdings nach mehreren fehlgeschlagenen Sanierungsversuchen Anfang des vergangenen Jahrhunderts vorsichtshalber endgültig geschlossen worden. 

Bei beiden Kirchen verhindert heute kein Dach mehr den Blick zum Himmel. Beide gehen in ihren Anfängen auf die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück, waren aber ursprünglich nicht als Pfarrkirchen geplant. Denn damals gehörte die ganze Gegend bis nach Aríco zur Pfarrgemeinde von Güímar, wohin alle Bewohner sonntags zur Messe pilgerten. Erst etwa um 1800 wurden sie zu eigenständigen Pfarreien. Sie besaßen nie einen Glockenturm, was auf der Insel nicht ungewöhnlich war. Viele heutige Glockentürme sind erst nachträglich, meistens im 19. Jahrhundert an oder neben die Kirchen gebaut worden. Eigentümlicherweise sind beide nicht nach Osten, sondern nach Nordwesten (San Joaquín) bzw. Süden (San José) ausgerichtet. Im entstehenden spanischen Weltreich wurde damals die Regel aufgegeben, Kirchen in östlicher Richtung zu bauen, weil dort das erwartete Heil herkommen sollte. Beide Ruinen sind ein Zeugnis dieser Entwicklung, die in Deutschland erst viel später einsetzte.

Michael von Levetzow

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