Wandern und entdecken


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Der Schornstein raucht schon lange nicht

Die Küste bei Los Silos bietet eine ungewöhnliche Vielfalt an Besonderheiten. Es lohnt sich, dort kleine Ausflüge zu machen. Kenner verbinden das mit einem Badetag an einem der zahlreichen Charcos (Tümpel).

Wer aus dem Orotavatal nach Los Silos kommt, sah sich zuvor zahlreichen steilen Felsklippen gegenüber, die die Straße umrundet oder in einem der vielen Tunnels durchquert. Ab und zu, beispielsweise bei Rambla de Castro oder San Juan de la Rambla ist den Felswänden ein schmaler Landstreifen vorgelagert. Spätestens wenn wir an Garachico vorbei sind und sich die weite Ebene der Isla Baja vor uns ausbreitet, stellt sich die Frage nach der Entstehung dieser durchlaufenden Stufe in der Landschaft. Die runde Kuppe der Montaña de Taco, die sich mitten in diesem Flachland erhebt, liefert uns einen Hinweis. Sie war vor Urzeiten ein sehr aktiver Vulkan, der dort aus dem Meer aufgestiegen ist. Denn das, was wir während des ganzen Weges als steile Felswände wahrgenommen haben, war ursprünglich die Nordküste. Die Montaña de Taco und einige andere kleinere Vulkane haben dieser eine neue Küste vorgelagert. An und zwischen den Lavazungen, die sich dabei ins Meer ergossen und immer weiter schoben, finden wir heute zahlreiche kleine und größere natürliche Swimming-Pools. Meistens sind sie weniger frequentiert als der bekannte Caletón von Garachico.

Tiefebenen wie die Isla Baja sind auf Teneriffa, vor allem im Norden der Insel, sehr selten. Den Guanchen dienten sie im Winter als Weideland. Für die spanischen Eroberer waren sie jedoch als Siedlungs- und Anbauflächen hoch interessant. So wundert es nicht, dass ihr Anführer, der Adelantado Alonso de Lugo, die Isla Baja für sich beanspruchte. Die Gegend war damals wasserreich und für den Anbau von Zuckerrohr geeignet. Die dicht bewaldeten Höhen des Teno versprachen große Mengen des dafür benötigten Bau- und Brennholzes. De Lugo ließ auch eine vom Wasser angetriebene Zuckermühle, ein Ingenio, an der Küste von Los Silos bauen. Da er sie selbst nicht bewirtschaften konnte – schließlich besaß er auch große Ländereien bei La Laguna und El Sauzal – verpachtete er alles an den Portugiesen Gonzalo Yanez. Dieser verpflichtete sich, die Isla Baja und das angrenzende Gebirge zu erschließen und regelmäßig hohe Abgaben an de Lugo zu entrichten. Kleine bäuerliche Ansiedlungen wie Los Morrales und Talavera gehen auf seine Erschließertätigkeit zurück. Auch die drei Getreidesilos, die damals gebaut wurden und der heutigen Stadt bald ihren Namen gaben (Los Silos), entstanden auf seine Initiative. 

Der Raubbau zur Holzgewinnung in den Bergwäldern veränderte nicht nur das Landschaftsbild. Die natürliche Wasserversorgung verringerte sich, da die Bäume fehlten, die das Wasser aus den Wolken kämmten. Mittelfristig wären der Anbau von Zuckerrohr und die Zuckerherstellung, die beide reichlichst Wasser benötigen, unmöglich geworden. Die Entwicklung des Zuckermarktes, der bald schon von billigerem Zucker aus der Karibik überschwemmt wurde, führte bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts zur Aufgabe der Zuckerproduktion. Die Zucht von Seidenraupen mit dem Verspinnen der Seide und später dann Wein und Getreide traten in dieser Gegend die Nachfolge an.

Ein hoher, auffälliger Schornstein aus sorgfältig behauenen Lavasteinen nah an der Küste des Ortsteils Sibora wird auf den dort aufgestellten Informationstafeln mit Gonzalo Yanes in Verbindung gebracht. Er soll im 16. Jahrhundert zu dessen Zuckerfabrik gehört haben. Stutzig macht daran die perfekte Form dieses Kamins, der sogar knapp unterhalb der Spitze einen Ziersims besitzt. Er passt nämlich gar nicht in das frühe 16. Jahrhundert, in dem allenfalls die Paläste der Reichsten so exakt gebaut wurden. Die danebenstehende Halle, heute eine Bananenpackerei der angrenzenden Finca, stammt allen Angaben zufolge aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Recherchiert man etwas genauer, zeigt sich schnell, dass entgegen den üblichen Informationen auch dieser Schornstein in der gleichen Zeit gebaut worden ist. Damals versuchte das englische Unternehmen Igller, hier wieder Zuckerrohr und Zucker zu produzieren. Das neue Ingenio wurde allerdings nicht mit Wasserkraft angetrieben; denn da die Bergwälder sich bis heute nicht wieder vom Raubbau erholt haben, war Wasser knapp. Der Zeit entsprechend sollte die Mühle mit Dampf betrieben werden. Dazu brauchte man den Schornstein. 

Schon nach wenigen Jahren wurde dieser Versuch wieder aufgegeben und die Anbauflächen seitdem für die Produktion von Bananen genutzt. Aus der Zuckerfabrik wurde eine Packhalle und der Schornstein zu dem, was er heute ist: ein markanter Punkt in der Landschaft. 

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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