Wandern und entdecken


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»Gruppe mit Damen«

Auf über 25 km Länge stehen sie im Halbkreis aufgereiht und schauen auf das hinunter, was ihnen 200 – 500 m tiefer zu Füßen liegt. Man müsste hoch fliegen, um sie alle gleichzeitig auf ein Foto zu bekommen. Zwischen 30 und 40 Gipfel und Spitzen umfassen hufeisenförmig die Cañadas del Teide. Ihren Namen nach sind sie männlich und heißen El Cabezón, El Sombrero, El Roque del Cedro oder El Topo de la Grieta – fast alle. Denn zwei der imposantesten – La Fortaleza und La Guajara – sind eindeutig weiblich, allen Übersetzungsfehlern, die von „dem Fortaleza“ und „dem Guajara“ sprechen, zum Trotz. Man spricht in den Alpen ja auch nicht von „dem Jungfrau“ oder „dem Rote Flüh“. Die Frauenquote unter den Bergen ist allerdings auch auf Teneriffa klein. Gemeinsam ist ihnen, dass sie vor etwa 170.000 Jahren in kürzester Zeit entstanden sind. Ein Tag nur möglicherweise, wahrscheinlich etwas mehr. In geologischen Zeiträumen spielt diese kleine Ungenauigkeit keine Rolle. Sie sind die Überreste und letzten Zeugen eines Berges, den es einmal gab, der sie um mindestens 1000 m überragte, von dem wir uns aber nur ein sehr ungenaues Bild machen können. Seine Trümmer liegen im Atlantik vor Icod de los Vinos; denn dorthin ist er damals hinuntergestürzt, der Vorgänger des Pico del Teide, den die Forscher Prä-Caldera-Vulkan nennen, weil er sich vor Entstehung der heutigen Caldera dort erhob. Auf unserem Weg können wir uns mit Einigem beschäftigen, was von diesem vergangenen Riesen zurückblieb.

Den Hintergrund des Parador-Hotels beherrscht der Felsklotz der Guajara. Mit 2718 m Höhe überragt sie auf der Insel alles, was nicht unmittelbar zum Pico del  Teide und seinen Trabanten gehört. Meistens wird sie über den Sattel erstiegen, der sie vom nördlich benachbarten Pasajirón trennt. Der Grund dafür: Dort verläuft der Camino de Chasna, der alte Handelsweg aus vorspanischer Zeit, der erst mit dem Bau der Straße in den 1930er-Jahren seine Bedeutung verloren hat. Er war seinerzeit die kürzeste Route vom Norden in den Süden. Ein weiterer Weg zu ihrem Gipfel führt über den Ucanca-Sattel im Süden. Im Aufstieg macht dort das Blockgelände kurz unterhalb des Gipfels den meisten Wanderern keine Probleme, in umgekehrter Richtung allerdings öfter. Wer hier kurz nach Sonnenaufgang unterwegs ist, hat zudem den Vorteil eines angenehm schattigen Weges.

Wenige Gehminuten vom Parador entfernt erreichen beide Routen die Piste in Richtung Siete Cañadas. Jenseits davon erheben sich die spektakulären Roques amarillos, die den Roques de Garcia in nichts nachstehen und bestimmt auch für einen kurzen Spaziergang gut sind. Diese ehemaligen, durch Erosion freigelegten Vulkanschlote bestehen aus Phonolith, einem sehr fes­ten Gestein, und entstanden bei Seitenausbrüchen des Prä-Caldera-Vulkans. 

In ihrem weiteren Verlauf führen beide Wege über Hangschutt, der im Laufe der Jahrtausende von oben heruntergefallen ist und den unteren Teil der Steilwände überdeckt. Auf der südlichen Route erreichen wir bald einen Felsriegel. Wie auch die Felswände weiter oben ist dies noch Original-Material des alten Riesen. Relativ leicht können wir im rötlichen Gestein unterschiedliche Schichten erkennen. Jede ist das Ergebnis einer Eruption. Schicht auf Schicht hat er sich aufgebaut. Auffällig ist die säulige Struktur. Allerdings sind das nicht die typischen, meistens sehr regelmäßigen Basaltsäulen, die entstehen, wenn zum Stillstand gekommene Lava erkaltet und dabei schrumpft. Hier waren andere Prozesse mit im Spiel. 

An einigen Stellen schauen helle, ebenfalls deutlich geschichtete Bims-Ablagerungen wie durch Fenster aus dem Schutt heraus. Ihre körnige, leicht bröselige Konsistenz ist die Folge gewaltiger explosiver Eruptionen, die große Mengen kleinster Lavateilchen in die Luft schleuderten. Als diese sich schließlich am Boden ablagerten, waren sie nicht mehr heiß genug, um zu einem festen Gestein zu verschmelzen. Wir werden auf unserem weiteren Weg noch öfter diesem Material, das möglicherweise von den gleichen Ausbruchsserien stammt, begegnen.

Mit Erreichen des Gipfels betreten wir zugleich den Rücken des alten Vulkans bzw. das, was die Verwitterung davon übrig gelassen hat. Im Abstieg nach Norden passieren wir wieder die gebänderten pastellfarbigen hellen Schichten. Hier liegen sie viel deutlicher frei. Mehrere harte rotbraune Gesteinsschichten unterbrechen sie, Ergebnis von Ausbrüchen, bei denen die Lava einfach überfloss und nicht in Explosionen zerrissen wurde. Bei dem alten Giganten wechselten sich explosive und ruhigere Eruptionen ab. Wie viel Zeit jeweils dazwischen lag und wie lang sie andauerten, weiß niemand. Vom Guajara-Sattel können wir dem Camino de Chasna bis nach Vilafor (antike Bezeichnung: Chasna!) folgen und bleiben dabei meistens auf dem alten Rücken. Die schwarzen Schlacken, über die wir weiter unten gehen, stammen allerdings von einem jüngeren Vulkan in der Nähe. Durch das Schwarz schauen bräunlich, weil im Laufe der Jahrtausende oxidiert, die alten Ablagerungen hervor, besonders pittoresk bei der schwarzen Mondlandschaft, die wir vor der weißen erreichen. Der Abstecher zu Letzterer lohnt sich auf alle Fälle. Wir erkennen Bekanntes in den ebenmäßigen, vom Wind und vom Wasser herauspräparierten Kegeln wieder: Die weißen Bims-Ablagerungen der explosiven Phase des Ur-Teide.

Wir kennen ihn jetzt etwas besser. Dennoch kann man nicht viel über ihn sagen. Er dürfte mindestens die Höhe des heutigen Pico del Teide erreicht haben, vielleicht auch mehr. Schätzungen, die ihm gut 2000 m mehr geben wollen, liegen mit Sicherheit deutlich zu hoch. Aber sein Durchmesser war gewaltig; denn seine Nordflanke erreichte ursprünglich die Küste. So beeindruckend der Teide uns heute erscheinen mag, er ist geradezu zierlich im Vergleich mit dem alten Koloss.

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