Wandern und entdecken


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»Der Pirat in der Kirche«

Kaum jemand wandert noch auf dem Camino Real, der La Laguna mit Candelaria verband und weiter in den Süden führte. Dabei war er über Jahrhunderte die wichtigste Verbindung zwischen der alten Inselhauptstadt und den Gegenden von Abona und Chasna. Als der Chinyero vor mehr als 100 Jahren ausbrach und Santiago del Teide bedrohte, gelangte über ihn die Nachricht nach Santa Cruz und weiter in die Welt. Er war wichtig. Der Bau der kurvenreichen Carretera General, der heutigen TF-28, leitete Anfang des vergangenen Jahrhunderts seinen Niedergang ein. Streckenweise verschwand er regelrecht aus der Landschaft, wurde überbaut oder von Dickicht überwuchert. Aber wo es ihn noch gibt, etwa ab dem Dörfchen Llano del Moro, pilgern auf ihm die Leute aus La Laguna und anderen Orten an den Días de Candelaria zum Heiligtum der Virgen. Bei Machado passieren sie die große Ermita de la Señora del Rosario. Man kann die auf freiem Feld stehende Kirche aus dem frühen 16. Jh. auch über ein Asphaltsträßchen mit dem Auto erreichen. Meistens ist sie verschlossen. Hat man Glück, z.B. sonntags nach der Messe, kann man in ihrem Inneren ein Kuriosum entdecken: Das Konterfei eines Piraten – nach anderen Quellen war er ein Korsar.

Im Chor hängen die üblichen Heiligenbilder. Das erste Ölgemälde an der rechten Wand jedoch zeigt eine sitzende Christusstatue auf einem mit Blumen dekorierten Prozessionswagen. Das Original der abgebildeten Holzskulptur des „demütigen und geduldigen Christus“ steht in La Laguna in der Kirche Santo Domingo. Im Vordergrund des Bildes sind drei Menschen dargestellt: ein Franziskaner, eine Dominikanerin und ein vornehm gekleideter Herr. Die Nonne, Sor María de Jesús, wächsern und bleich im Gesicht, schaut ins Leere und ist offensichtlich tot. Der Mönch, Fray Juan de Jesús, wirkt wesentlich vitaler, war aber schon mehr als vierzig Jahre vor der Nonne gestorben. Einzig Amaro Rodríguez Felipe, der vornehme Herr, lebte noch bei der Entstehung dieses von ihm gestifteten Gemäldes. Dass sich Stifter klein und Gott zugewandt im Gebet abbilden ließen, war übliche Praxis. Aber dieser in Relation zur Statue dahinter lebensgroße Stifter und seine Begleiter schauen in die Welt und wenden ihrem Erlöser den Rücken zu. So, allerdings ohne Christus im Hintergrund, ließen sich weltliche Größen portraitieren. Amaro Pargo, wie sich der Stifter selbst nannte, war eine illustre Persönlichkeit seiner Zeit. Nicht nur in La Laguna, wo er wahrscheinlich 1678 geboren wurde.

Dass er außer diesem Bild dieser Kirche reiche Geschenke gemacht hat, hing damit zusammen, dass er nur wenige Schritte entfernt ein großes Gutshaus und fruchtbare Ländereien besessen hat. Dazu kamen noch mehrere Häuser in La Laguna und Tegueste, nebst Weingärten und Brennerei. Im Laufe seiner 69 Lebensjahre brachte er es zum reichsten Mann der Kanarischen Inseln.

Zur beeindruckenden Ruine des Gutshauses bei Machado, im Volksmund „La Casa del Pirata“, genannt, führt ein kurzer, gut gepflasterter Weg vom Camino Real hinauf. Auf alten Fotos kann man den zunehmenden Verfall des Hauses im letzten Jahrhundert nachvollziehen, an dem Plünderer und Schatzsucher keinen geringen Anteil hatten. Mehrere Einzelgebäude lagen um einen kleinen Innenhof rechteckig angeordnet. Ihre Dächer und Mauern sind teilweise eingestürzt. Einige Dachbalken tragen immer noch. Sie waren aus Kanarenkiefer und sehr solide, wie auch die vielen sorgfältig behauenen Basaltsteine den Wänden immer noch Festigkeit verleihen. Hier hat jemand gebaut, der etwas Dauerhaftes schaffen wollte. Im Innenhof warten immer noch kleine gemauerte Becken darauf, dass wieder Regenwasser von den Dächern zu ihnen geleitet wird. Die Zuleitungen fehlen und die Dachziegel sowieso. Auf der anderen Seite des Weges steht noch die große Regenzisterne, ein in dieser trockenen Gegend überlebenswichtiger Gebäudeteil. Die schweren Gewölbe der beiden großen Öfen weisen ebenfalls auf einen großen Haushalt hin. Nicht zuletzt die beiden neben dem Haus gelegenen Dreschplätze (Eras) sind ein Zeichen dafür, dass es hier reiche Ernten gab. Über den benachbarten Camino Real konnte Amaro Pargo für die damalige Zeit bequem seine anderen Häuser mit Getreide versorgen.

Von seinen Wohnräumen aus konnte er ein großes Stück der Küste überschauen und angeblich auch sein vor Radazul ankerndes Schiff sehen. Ihm gehörten mehrere Schiffe, mit denen er Handel mit der Karibik und Venezuela trieb. Er exportierte seinen Wein und Branntwein aus eigener Destille, war Sklavenhändler (damals nichts Anrüchiges!) und stand zudem auf eigene Rechnung im Dienst der Spanischen Krone, schützte also spanische Schiffe und kaperte englische oder niederländische. Die Grenze zur Piraterie war dabei sehr fließend und nur durch den Kaperbrief des Königs ungefähr bestimmt. Nicht zuletzt soll sein Reichtum – wie auch der mancher anderer vornehmer Familien hier – dem erfolgreichen Schmuggel zu verdanken sein.

Er starb 1747 als angesehener Geschäftsmann und wurde neben seinen Eltern und anderen Angehörigen im Chor von Santo Domingo in La Laguna begraben – der Kirche, deren Christusstatue im Hintergrund seines Bildes zu sehen ist. Seinem königlichen Kaperbrief hat er sein friedliches Ende zu verdanken

 Der andere von Teneriffa stammende Pirat, Ángel García, den man wegen seines missgebildeten Kopfes „Cabeza de Perro“ nannte, besaß kein solches Dokument. Als er sein Piratendasein beenden und sich in seinem Geburtsort San An­-drés zur Ruhe setzen wollte, wurde er erkannt, vor Gericht gestellt und gehenkt. Getan haben beide das Gleiche.

Michael von Levetzow

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