Wandern und entdecken


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»Weißer Fleck mit dunklen Hügeln«

Auf den üblichen Teneriffa-Wanderkarten sind sie nicht zu finden. Dabei sind sie einen guten Kilometer lang und bis zu 200 m breit. Nur ein paar Höhenpunkte, denen man aber nicht ansieht, was sie eigentlich bedeuten, zeigt die Karte von Freytag & Berndt an der Stelle. Auf der Kompass-Karte liest man wenigstens in der Nähe, was dort nicht abgebildet ist: Volcán de Fasnia. Der weiße Fleck auf der Landkarte ist aber keine Schlampigkeit der Kartografen, sondern der Tatsache geschuldet, dass Karten im Maßstab von 1:50.000 Höhenlinienabstände von 100 Metern haben. Das schließt die Darstellung niedrigerer Objekte von vornherein aus. Diese Vulkane erreichen nur eine Höhe von bis zu 40 m über der Umgebung. Aber wenn man aufmerksam die Straße von El Portillo über die Cumbre dorsal entlangfährt, kann man sie bei Corral del Niño, kurz vor der Einmündung der Straße von Izaña auf der rechten Seite in etwa 2 km Entfernung leicht entdecken. Ihre dunkle Hügelkette ist unübersehbar.

Am Morgen und Mittag des 5. Januar 1705 gab es in der Gegend um Fasnia zwei heftige Erdstöße. Mehrere Felsstürze waren die Folge. Im Verlauf des Nachmittags öffnete sich etwa 1500 m oberhalb des Ortes ein Spalt. 1,5 km lang soll er gewesen sein. Staub trübte die Luft, und schließlich stiegen dort Lavafontänen in die Höhe, berichtete der zeitgenössische Chronist Juan Nuñez de la Peña. Er beschrieb, dass an etwa dreißig Stellen Lava aus dem Spalt floss. In den folgenden Tagen bauten sich daraus fünf unterschiedlich aktive und große Krater auf. Die ausgetretene Lava folgte den Vertiefungen im Boden, höher gelegene Nutzflächen erreichte sie nicht. Es gab keine Schäden zu beklagen, als die Eruption acht Tage später wieder aufhörte. Fast zeitgleich stellte auch der nur einen knappen Kilometer entfernte Volcán de Siete Fuentes, der schon am Silvestertag von 1704 ausgebrochen war, seine Tätigkeit wieder ein. Knapp drei Wochen später begann am 2. Februar in einiger Entfernung im oberen Tal von Güímar der Ausbruch des Volcán de Arafo. 

Dieser verschüttete die einzige Wasserquelle des Ortes, was für die Bewohner große Probleme brachte. Die Wassernot endete erst mit dem Wunder von San Agustín. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute wissen wir, dass alle drei Eruptionen Teil eines einzigen Ereignisses waren. Die Erdspalte reichte im Untergrund mehr als 10 km weit, aber nur an drei Punkten konnte die aufgestiegene Lava austreten. Von Corral del Niño können wir sehr bequem auf dem Wanderweg 20 des Nationalparks den Volcán de Fasnia und auch den von Siete Fuentes erreichen. Ob wir den Rundweg über die Piste beginnen oder etwas weiter westlich über den Sendero ist unerheblich. Vor allem im Frühsommer, zur Zeit der Tajinaste-Blüte ist dies eine Empfehlung für alle, die gerne nicht zu lange und nicht zu schwer wandern wollen und trotzdem etwas Besonderes erleben möchten – blaue Tajinaste picante (Echium auberianum) zum Beispiel, die sehr selten sind und ihren spanischen Namen ihren rauen, leicht in die Haut stechenden Haaren verdanken. Rote Tajinaste haben weiche, filzige Behaarung. Die Haare schützen die Blätter vor Schäden durch das starke UV-Licht hier oben.

Die eigentliche Besonderheit bleibt dennoch diese ungewöhnliche Kette niedriger Krater, die in Ost-West-Richtung verläuft. Sie zeigt den Verlauf der damaligen Erdspalte an; denn genau darüber türmte sich nach und nach die Lava auf, anstatt über den flachen Hang südwärts zu fließen. Ein schmaler Pfad führt hinauf auf einen der Kraterränder. Er ist nicht ganz einfach zu begehen; denn er ist nahezu vollständig von kleinen rutschenden Schlacken bedeckt und nichts für Gelegenheitswanderer. Erfahrene Wanderer sollten ihn jedoch nicht auslassen. Lange Stöcke könnten helfen, sicherer zu gehen. Stabile Handschuhe sind ebenfalls zur Vermeidung von Verletzungen bei einem eventuellen Sturz empfehlenswert. Oben angelangt können sie 

nicht nur in diesen Krater schauen, sondern auch vier weitere in der näheren Umgebung entdecken. Einige der kleineren Krater sind ringförmig, aber der große, vor unseren Füßen sich öffnende, hat Hufeisenform. Durch die Öffnung ist die Lava nach Süden abgeflossen. Aber auch nach Norden zeigt eine deutliche, aber weniger tiefe Öffnung. Das ist eher untypisch in dieser Höhenstufe und auf den während der Eruption wirkenden Passatwind zurückzuführen. Er blies einen Teil des in die Luft geschleuderten Materials nach Süden, wo es mit dem Lavastrom abtransportiert wurde. Entsprechend fehlt es heute diesem Wandstück. Wegen des hier oben häufig aus südlichen Richtungen blasenden Windes öffnen sich die Hufeisen zahlreicher Vulkane normalerweise in nördlicher Richtung.

Deutlich ist die mittlerweile 310 Jahre alte, sehr scharfkantige Lava von der wesentlich älteren Lava der Umgebung unterscheidbar. Noch ist sie nicht oxidiert und auch weitgehend unbewachsen. Ganz im Gegensatz dazu ist in der Umgebung, über die auch der Sendero 20 verläuft, längst durch Verwitterung und Umwandlung ein fruchtbarer Boden entstanden, auf dem zahlreiche ortstypische Pflanzen wachsen. Er gehört allerdings auch zur Flanke des ursprünglichen Teidevorgängers und ist damit mindestens 170 000 Jahre alt. Auch die gegenüberliegenden Kegel der Montaña de las Vacas und der Montaña de la Carnicería, die den jungen Vulkan von 1705 um mehr als 150 m überragen, stammen aus der Zeit dieses verschwundenen Riesen. Man sieht ihnen aufgrund ihrer sanften Formen ihr hohes Alter an.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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