Wandern und entdecken


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»Pinocha«

Der Wald wird gefegt! – Was anderenorts scherzhaft dahingesagt wird, war auf Teneriffa Alltag und ist es teilweise noch immer. Am Rande vieler Pisten in der Kiefernwaldstufe finden wir sorgfältig aufgeschichtete rechteckige Haufen brauner Nadeln, Pinocha genannt, die dort auf den Abtransport warten. Ab und zu können wir Leute beobachten, wie sie sorgfältig mit den Händen die Streu vom Boden zusammenscharren. Ein Grund, dies einmal genauer zu betrachten.

Gesammelt werden nur die langen Nadeln der kanarischen Kiefer (Pinus canariense). In Dreierbüscheln standen sie etwa drei Jahre auf einem Zweig in der Baumkrone und wurden dann zusammen mit dem kleinen Stiel, der sie gemeinsam trug, abgeworfen. Bis zu 30 cm lang, biegsam und grün erfüllten sie dort ihre Aufgaben. Ihr Blattgrün machte dem Baum Lichtenergie nutzbar, die er zur Herstellung seiner Nährstoffe brauchte. Alle grünen Pflanzenteile dienen diesem Zweck. Ihre weitere Aufgabe erkennen wir, wenn die Passat-Wolken die Kiefernwaldregion erreichen. Dann schlagen sich an den Nadeln dicke Wassertropfen nieder und tropfen nach und nach zu Boden. Diese typisch kanarische Hochgebirgserscheinung bezeichnet man als horizontalen Regen. Die Nadeln kämmen manchmal das Wasser regelrecht aus den Wolken. 

Warum es ohne die Nadeln dort nicht regnet? Fassen wir einmal eine Nadel an ihrer Spitze und streichen dann leicht mit einem oder zwei Fingern zu ihrer Basis. In dieser Richtung ist sie ganz rau, in der Gegenrichtung aber glatt. Damit sich aus dem Wasserdampf der Wolken Tropfen bilden können, sind Kondensationskerne nötig. Bei normalem Regen sind das vor allem kleine Staubteilchen, die hier aber weitgehend fehlen. Die raue Oberfläche der Nadeln übernimmt diese Rolle. Nach und nach hängen so immer mehr glänzende Tropfen an den Nadeln, die sich jetzt unter dem Gewicht abwärts neigen. Nun ist es wichtig, dass die Strukturen, die die Nadeloberfläche rau machen, zur Nadelspitze zeigen. So können die Tropfen leichter zur Spitze wandern und dort abtropfen.

Das alles ist den Sammlern der braunen abgefallenen Nadeln, die sich nur sehr langsam zersetzen, ohne Bedeutung. Ihnen kommt es auf ihre Länge und ihre große Biegsamkeit an. Heutzutage nutzen einheimische Bauern Pinocha anstelle von Stroh in den Viehställen. Schließlich wird auf den Inseln kaum noch Getreide angebaut, und Stroh ist demzufolge Mangelware. Mit dem dabei entstehenden Mist werden später gelegentlich die Felder gedüngt. Da der Bedarf an Pinocha als Einstreu nicht besonders groß ist, bleibt immer mehr davon in den Wäldern liegen. Das war nicht immer so; denn bis vor gar nicht so langer Zeit waren die weichen Nadeln ein begehrtes Verpackungsmaterial, mit dem man die empfindlichen Bananen auf dem Transport schützte. Damals wurden sie täglich lastwagenweise bei den vielen Packhallen angeliefert. Pinochasammler war ein Beruf. Moderne Züchtungen der kanarischen Banane sind robuster und brauchen diesen besonderen Schutz nicht mehr. So bleibt immer mehr Pinocha liegen.

Für die Wälder ist das gut. Wo Pinocha liegt, wird der spärliche Boden nicht nur vor Abwaschungen durch starken Regen geschützt, hier entwickelt sich auch nach und nach ein Unterwuchs aus Kräutern und Sträuchern, der den während der Franco-Diktatur neu aufgeforsteten Wäldern weitestgehend fehlte. Die Biodiversität der Kiefernwälder nimmt damit zu und nähert sich ganz allmählich an die Verhältnisse an, die hier vor dem Raubbau an den Wäldern im 19. und frühen 20 Jahrhundert normal waren. Die Wälder werden wieder gesünder. Gesunde Bergwälder sind wiederum ein wichtiger Faktor im Wasserhaushalt der Insel, die deswegen weniger als andere auf Meerwasserentsalzung angewiesen ist. Und dies wirkt sich wiederum positiv auf die Gesundheit der kanarischen Gewässer aus.

Äußerst schleppend verläuft die Umsetzung der Pinocha zu Humus. Einerseits ist das bei den meisten Baumnadeln ähnlich, andererseits gibt es auf Teneriffa keine nadelfressenden Tiere, die diesen Prozess beschleunigen könnten. Die Pilze, die hier vorwiegend für die Zersetzung zuständig sind, wachsen und arbeiten aber vorwiegend in feuchter Umgebung. Die gibt es im Gebiet der Corona Forestal jedoch nur für kurze Zeit. An Orten mit gut entwickelter Krautschicht bleibt der Boden länger feucht. Gut für Pilze und Humusbildung. Der neue Humus wird wieder zum Substrat für weitere Kräuter. Ganz allmählich werden die natürlichen Kreisläufe wieder in Gang kommen.

Obwohl die ökologischen Vorteile unübersehbar und wissenschaftlich dokumentiert sind, gibt es regelmäßig Stimmen, die das Einsammeln der Pinocha fordern, selbst wenn der Bedarf dafür heute nicht mehr gegeben ist. Pinocha gilt ihnen als Brandbeschleuniger bei Waldbränden. Hierbei werden allerdings Ross und Reiter verwechselt; denn die wahren Brandbeschleuniger sind ätherische Öle in den lebenden Nadeln in den Baumkronen. Bei Erhitzung werden sie in die Luft freigesetzt. Erlangt ihre Konzentration kritische Werte, was bei Waldbränden leicht geschieht, fackeln sie in großen Flammen um die Krone herum ab. Nach dem Feuer ist die Baumrinde geschwärzt, aber die unverkohlten Nadeln erscheinen fast unversehrt. Sie sind dennoch tot, verfärben sich nach einigen Tagen gelb und fallen zu Boden. Pinocha brennt und verschwelt langsam am Boden. Je dichter sie gepackt ist, umso langsamer; denn diesem Feuer fehlt es an Sauerstoff. Wächst im Wald eine gut ausgebildete Krautschicht, gibt es mehr Bodenfeuchtigkeit, und die Nadeln brennen noch schlechter. Pinocha gehört eben doch zum gesunden Wald.

Michael von Levetzow

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