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Retama hinter Gittern

Der Nationalpark Cañadas del Teide ist so grün wie noch nie in seiner nunmehr 61-jährigen Geschichte. Trotzdem stehen den Fachwissenschaftlern der Parkverwaltung und der Universität von La Laguna Sorgenfalten auf der Stirn. Das Prinzip „Vorrang für die Natur“, das zu den Leitideen aller Nationalparks gehört, hat seit der Gründung des Parks und dem Verbot der Sommerweide in den Cañadas die Bestände der Retamas, Codesos, Alhelís und anderer typischer Pflanzen reichlich zunehmen lassen. Leider auch die der Kaninchen und Mufflons. Auf eingezäunten Untersuchungsflächen, zu denen beide keinen Zutritt haben, wird erkennbar, wie verheerend beide der Hochgebirgsflora zusetzen. Für den weiß blühenden Teideginster, die Retama, ist es schon später als fünf vor zwölf. Für die Fortsetzung des jetzigen Trends prophezeien Wissenschaftler, dass wir in zehn Jahren keinen Retama-Honig mehr als typische Cañadas-Spezialität bekommen werden. Es wird keine Retamas mehr geben.

Seit 2000 Jahren, seit der Besiedlung der Insel durch die Guanchen, hatten Hirten ihre Herden zur Sommerweide in die Cañadas getrieben. Lässt man ihnen die Wahl, sind Schafe und Ziegen Feinschmecker und bevorzugen bestimmte Leckerbissen. In den Cañadas waren das unter anderem das Alhelí del Teide (Besen-Schöterich / Erysimum scoparium) und Rosalito salvaje (Behaarter Federkopf / Pterocephalus lasiospermus). Sie wurden immer seltener. Hätte es zur Zeit der Guanchen oder der spanischen Eroberer schon so etwas wie Naturschutz gegeben, allseitige Empörung wäre den Hirten, die sich bestimmt nichts Böses dabei dachten, entgegengeschlagen. Alle drei sind nämlich Cañadas-Endemiten, die weltweit nur hier auf dieser „Hochgebirgsinsel in der Insel“ vorkommen. Ob und wie viele weitere solche Lokal-Endemiten durch die Jahrtausende währende Beweidung unbemerkt und unwiederbringlich verschwanden, weiß niemand. Mitte der 1940er-Jahre stand Alhelí unmittelbar vor dem Aussterben. Es gab nur noch ein kleines Vorkommen. Rosalito war ebenfalls schon ziemlich selten, nur die Retama gab es noch etwas häufiger, aber keineswegs so zahlreich wie heute; denn in Ermangelung ihrer früheren Leckerbissen fraßen die Ziegen auch das, was sie einst mieden. Die Gründung des Nationalparks brachte das Weideverbot und rettete damit im letzten Augenblick nicht nur diese Pflanzen. Die Bestände erholten sich, und die Cañadas wurden grüner als sie je zuvor ein in unserer Zeit lebender Mensch gesehen hat.

Die Gründer des Parks hatten aber die Kaninchen nicht auf ihrer Rechnung. Um deren Einfluss zu verstehen, müssen wir bis in die europäische Eiszeit zurückgehen. Damals überlebte nur auf der spanischen Halbinsel eine Population aufgrund ihrer hohen Fruchtbarkeit, mit der sie ihre ständige, dem harten Klima und hungrigen Fressfeinden geschuldete hohe Sterblichkeit ausgleichen konnte. Lange nach dem Ende der Eiszeit verbreiteten Menschen Kaninchen als willkommenen Fleischlieferanten über die Erde. Gelangten diese in die Freiheit, richteten sie dort infolge ihrer rasanten Vermehrung und ihres Nahrungsbedarfs gewaltige Schäden an – ganz besonders auf Inseln. So auch auf Teneriffa, wo sie von den Eroberern eingeschleppt wurden und sich so zahlreich vermehrten, dass sie als typisches Conejo en Salmorejo Eingang in die Landesküche fanden. Nach dem Ende der Sommerweide blieben die Kaninchen im Nationalpark übrig. Anfangs gab es wegen der Überweidung für sie wenig Nahrung. Also vermehrten sie sich wenig und wurden außerdem kräftig bejagt. Als dann die Pflanzen wieder zahlreicher wurden, änderte sich das. Im Gegensatz zu Schafen und Ziegen bevorzugen Kaninchen aber Retama und verschmähen die anderen Pflanzen. Sie nagen aber nicht jede Retama an, sondern nur die ganz jungen, maximal drei Jahre alten Büsche. Im Nationalpark finden wir infolgedessen fast nur noch ältere Retamas; denn alle jungen werden von den Kaninchen schnell abgefressen. Trotz jährlich reichlicher Samenproduktion gibt es deswegen keinen Retama-Nachwuchs mehr. Da diese Büsche nach etwa zehn Lebensjahren natürlicherweise sterben, scheint das Aussterben dieser Charakterpflanzen des Nationalparks vorprogrammiert. 

Alhelí und Rosalito produzieren reichlich Samen und vermehren sich entsprechend. Da sie von den Kaninchen gemieden werden, geschieht diese Vermehrung auf Kos­ten der Retama. Wo sie abstirbt und ihre Nachkommen von den Kaninchen gefressen werden, entsteht Platz für die beiden anderen Arten, die zudem vom Kot der Kaninchen profitieren, der sie mit Stickstoff versorgt. Dieser ist aber nicht für alle Pflanzen gut. Retamas vertragen ihn schlecht. Im Nationalpark verändern die Kaninchen von uns fast unbemerkt die Landschaft. Um der Retama noch eine Chance zu geben, pflanzt man junge Exemplare aus Zuchten nach und schützt sie mit Drahtkäfigen vor den Kaninchen, bis sie die kritischen ersten drei Lebensjahre überstanden haben. Auf unseren Wanderungen im Park stoßen wir deshalb immer wieder auf solche Drahtkörbe oder kaninchensicher eingezäunte Flächen. 

Ein paar Winter mit längeren Frostperioden täten dem Pflanzenbestand des Nationalparks gut. Das beträfe zwar nicht das Überleben der Kaninchen; denn die sind ja Eiszeitrelikte. Aber Alhelí und vor allem Rosalito sind frostempfindlich. In den letzten Jahrzehnten hat im Nationalpark die Zahl der Frosttage abgenommen, auch die winterlichen Durchschnittstemperaturen sind um fast zwei Grad gestiegen. Gerade so viel, dass anders als früher die kälteempfindlicheren Rosalitos kaum noch erfrieren. Der Klimawandel schadet der Retama nicht direkt. Da er aber die Konkurrenten begüns­tigt, schadet er ihr doch.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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