Wandern und entdecken


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Lava begreifen

Der Sendero 18 am Südrand der Cañadas ist nur kurz, aber ein Brillant im Wegenetz des Nationalparks. Wie auch der wesentlich längere Sendero 4 durch die Siete Cañadas führt uns dieser Pfad ein Stück an dem mächtigen Hufeisen aus Felsenkliffen und Steilhängen entlang, das den Pico del Teide in gebührendem Abstand umfasst. Es entstand vor etwa 170 000 Jahren durch einen gigantischen Bergsturz, als der Vorgänger des Pico del Teide über die Gegend, in der sich heute Icod de los Vinos befindet, ins Meer rutschte. Anders als bei dem nördlicheren Weg kommen wir hier zum Greifen nah an die Steilwände heran.

Im Mai bekommt die Route durch die üppig blühenden Retamas (weiß), Codesos (gelb), Alhelís (blau-violett), Salvia de la Cumbre (blau) und vor allem die vielen roten Tajinaste zusätzlichen Reiz, nicht nur für Ästheten, sondern vor allem für eine Vielfalt unterschiedlichster Insekten, die alle nur das Eine oder nur das Andere oder gar Beides wollen: Blütenstaub und Nektar. Nehmen wir uns ab und zu einen Moment Zeit zum Beobachten eines Blütenzweiges, werden wir in wenigen Minuten kleinste und größere Blütengäste beim Sammeln entdecken, manche Fliegen oder Schlupfwespen sind nur wenige Millimeter groß, daneben gibt es größere Wildbienen, Hummeln, Falter und Käfer. Keine Angst! Sie stechen nicht und kommen so zahlreich, dass es nie der von den spanischen Eroberern mitgebrachten Honigbienen, die stechen können, zur Bestäubung bedurft hätte. Unbestritten ist der dort gewonnene Honig aber eine besondere Köstlichkeit. Mit etwas Glück entdecken wir auch die kleinen, auf Beute lauernden Spinnen – nicht die, die Netze spinnen (obwohl diese auch interessant zu beobachten sind), sondern solche, die in oder unter den Blüten gut getarnt und beinahe unbeweglich auf den richtigen Moment warten. Immer haben sie die Farbe der Blüten, bei denen sie lauern, obwohl sie ihre Farbe nicht wechseln können. Perfekte Anpassung zwischen Tier und Umgebung als Ergebnis einer langen gemeinsamen Evolution.

Relativ bald gelangen wir an einen natürlichen Hohlweg, links die Reste des Teide-Vorgängers, des sogenannten Prä-Caldera-Vulkans, rechts die erstarrte Spitze des Lavastroms, der vor 217 Jahren von den Narices del  Teide, jenen auffälligen Nebenkratern des Pico Viejo, herabgeflossen war. Hier haben wir etwas Geologie und etwas Ökologie zum Anfassen. Frische basaltische Lava, wie sie auf  Teneriffa vorherrscht, ist dunkel gefärbt. Im Kontakt mit dem Luftsauerstoff oxidiert ganz allmählich das darin enthaltene Eisen und verleiht der alten Lava eine rötliche oder rotbraune Farbe. Dass der Fels auf der linken Seite rötlich ist, ist somit kein Zufall. Er ist mindestens 850 mal so alt wie der fast schwarze gegenüber auf der rechten Seite. Das war auch genug Zeit, um die rechte Seite trotz der hier oben für Flechten ungünstigen Klimabedingungen mit einem dichten Flechtenbewuchs zu überziehen, während die junge Lava noch nahezu frei von jeglichem Bewuchs ist. Im Hochgebirge brauchen Flechten viel Zeit zum Wachsen.

Etwas weiter hat eine Lavazunge den nächsten Felszacken erreicht, weshalb der Weg um diesen herum hier über die junge Lava führen muss. Jenseits dieser Querung stoßen wir bald auf eine weitere interessante Lava-Formation. Sie ist älter als die blockige und zerrissene Lava von 1798, die wir schon betrachtet haben, und an ihrer Oberfläche ziemlich glatt. Allenfalls ab und zu entdecken wir leichte Falten, die an zusammengelegte Schiffstaue erinnern und deswegen Stricklava heißen. Leicht können wir erkennen, dass sich die raue Lava über die glatte geschoben hat. Was oben liegt, ist jünger. Glatte Lava-Oberflächen entstehen aus sehr dünnflüssiger Lava. Je zäher das Material ist, desto zerrissener wird die Oberfläche. Es ist kein Zufall, dass die dünnflüssige Lava vor der zähflüssigen ausgebrochen ist. In der Regel wird die Lava nämlich von Ausbruch zu Ausbruch zäher. Physikalische und chemische Prozesse in der unterirdischen Magmakammer machen sie im Laufe der Jahrtausende immer dickflüssiger.  

Da die glatte Lava noch keine Rotfärbung entwickelt hat, ist sie mit Sicherheit jünger als die Cañadas-Klippen. Und mit Sicherheit stammt auch sie von einem weit zurückliegenden Ausbruch des Pico Viejo. Wenn die Sonne richtig steht, glitzert es auf ihrer Oberfläche hell. Kommen wir näher, können wir dort bei näherem Hinsehen kleine Kristalle im Gestein entdecken. Häufig handelt es sich um Olivin. Das grünliche Mineral entsteht während der Vorgänge in der Magmakammer und wird auch als Schmuck verarbeitet.

Wie alles Unterscheidbare haben die unterschiedlichen Laven auch ihre eigenen Bezeichnungen. In diesem Falle hat die Wissenschaft sie von Hawaii aus der polynesischen Sprache übernommen. „Pahoehoe“ bedeutet „Lava, auf der man gut gehen kann“ und ist der Fachname der glatten Lava. „Aa“ ist eine polynesische Lautmalerei für zerrissene Lava, die an das schmerzhafte Stöhnen erinnert, falls mal jemand barfuß darauf laufen sollte. Hier in Spanien heißen Landschaften mit dieser Aa-Lava, auf der kaum etwas wächst und die man besser meidet: „Malpaís“ – also „schlechtes Land“.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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