Wandern und entdecken


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»Der Risco de Teno«

Man sieht dem Weg von Buenavis­ta del Norte über den Risco nach Los Bailaderos, wie der häufig Teno Alto genannte Weiler richtig heißt, seine frühere Bedeutung nicht an. Eher weisen die Reste eines ehemals sorgfältig ausgeführten Pflas­ters und die zahlreichen, auf 550 Höhenmetern in das Gestein geschlagenen Stufen darauf hin, dass wir eine ehemals wichtige Route begehen.

Schon kurz nachdem wir die TF-445 nach links verlassen haben, stoßen wir auf eine Besonderheit, deren

historische Bedeutung sich nicht sogleich erschließt: Ein Stück einer hölzernen Wasserleitung, die etwas luftig den Weg überquert und längst nicht mehr benutzt wird. Was verglichen mit den vielen Röhren und Kanälen, die man allenthalben findet, an ein gut gemeintes Provisorium erinnert, ist in Wirklichkeit eines der letzten Überbleibsel aus der Zeit, als hölzerne Leitungen noch vielerorts üblich waren. Vor allem der häufig anzutreffende Beton wurde nämlich erst im 20. Jh. verbaut und ermöglichte die Überbrückung großer Distanzen. Erst damit wurde Wasser auf der Insel zum großen Geschäft, mit dem man viel Geld verdienen konnte. Fast überall sind die hölzernen Leitungen längst zerfallen oder demontiert – nur nicht hier.

Es war an einem späten Vormittag Ende der Sechzigerjahre, als meine Mutter und ich etwa hier mit einem alten Bauern aus Los Bailaderos zusammentrafen. Er hatte in Buena­-

vista etwas zu erledigen gehabt, war dazu morgens über diesen Weg abgestiegen und befand sich jetzt auf dem Rückweg. Bekleidet war er so, wie das damals bei der Landbevölkerung üblich war: leicht vergrautes weißes Hemd, schwarze Hose, schwarzer Hut und Lonas, die typischen Leinenschuhe mit der fast unverwüstlichen Gummisohle ohne jegliches Profil. Das Wort „Fußbett“ kannte der Mann sicherlich noch nicht einmal als unverständliches Fremdwort. Wir hatten ja wenigs­tens halbwegs komfortable Tennisschuhe an; denn Berg- oder Trekkingschuhe bekam man damals hier nicht. Während des gemeinsamen Aufstiegs kamen wir ins Gespräch und meine gar nicht so unsportliche Mutter schnell außer Atem. Worüber wir sprachen, habe ich längst vergessen, aber ihr Erstaunen über diesen fast dreißig Jahre älteren Mann, der trotz seiner schlechten Schuhe mühelos den Berg hinauflief, ist unvergesslich und kommt mir jedes Mal, wenn ich dort entlang gehe, wieder in den Sinn.

Los Bailaderos gehörte immer schon zu Buenavista. Der Camino del Risco war die einzige und schnellste direkte Verbindung zwischen beiden Orten; denn die heutige Straße wurde erst 1975 als Asphaltpiste fertiggestellt. Alle Erzeugnisse der fruchtbaren Teno-Hochfläche wurden bis dahin in Körben oder Säcken von den Bauern hinabgetragen. Häufig war das Aufgabe der Frauen. Entsprechend trainiert waren die Leute und der Alte deswegen so schnell.

Wo der Risco in die Hochfläche einmündet, fällt ein großer Steinkreis auf. Normalerweise sind Steinkreise dieser Größe ehemalige Dreschplätze, „Era“ genannt. Aber dieser ist anders als die sonstigen dort oben. Hier haben wir einen gut erhaltenen Beratungsplatz der Guanchen, einen Tagoror, vor uns. Leider wird er auf manchen Karten als „Era“ bezeichnet. Im Teno besitzen aber alle Eras auf ihrer Nordostseite eine hohe Mauer mit einem

Fenster, und unter anderem fehlt genau dies typische Merkmal hier.

Weiter geht es über sehr auffällig bunte, stark verwitterte und erodierte Böden hinauf zum Sattel zwischen dem Roque de la Cruz und der Montaña de la Coronita. Man muss etwas aufpassen, den weiteren Weg zum Paso Malo nicht zu verlieren, und übersieht wahrscheinlich die nach rechts abzweigende Pfadspur, die erkennbar in die falsche Richtung führt und nach wenigen Minuten im offenen Gelände endet. Dort hätte man bereits den Ort verfehlt, dessentwegen jahrhundertelang die Leute hier gingen: In einer kleinen, versteckten Höhle lagern bis heute zwei Transportsärge auf langen Tragestangen (Foto). Wenn jemand in Los Bailaderos starb, musste die Leiche in Buenavista bestattet werden. Angehörige und Nachbarn trugen sie nach dem Ende der Totenwache über den Risco hinab und brachten anschließend den Sarg wieder hier herauf. Ich stelle mir lebhaft vor, wie sie abgekämpft und zugleich erleichtert auf dem zugigen Sattel ankamen und sich schnell nach rechts wandten, um sich endlich dieser Last zu entledigen. Unser alter Bauer hat dies bestimmt oft erlebt, und eines Tages ist auch er so über den Risco getragen worden, falls er nicht doch die Fertigstellung der Straße erlebt haben sollte. Seitdem gibt es diesen Brauch nicht mehr, und der Camino del Risco hat seine Bedeutung verloren.

Michael von Levetzow

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