Wandern und entdecken


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„Zum Geier!“

Den Roque de Chabao am Südrand der Cañadas verfehlt man nicht. Der kurze Sendero 18 vom Centro de Visitantes „Juan Evora“ (südlich von Boca de Tauce) zum Mirador de Chío führt unmittelbar am Fuß dieses mächtigen steinernen Sägezahns entlang. Hier benötigen wir keine besondere Kondition; denn es gibt keine nennenswerten Steigungen. Mit Rücksicht auf unsere Füße sollten unsere Schuhsohlen allerdings nicht zu weich sein. Im Verlauf des Weges kommen wir hier zum Greifen nah an die Steilwände heran; da die von den „Narices del Teide“ herabgeflossenen Lavaströme den Wegverlauf unmittelbar am Fuß der Klippen erzwingen. Das gibt uns Gelegenheit, mehr zu entdecken, als in diesem Artikel beschrieben werden kann. Für die einfache Strecke braucht man bei normalem Tempo ungefähr 90 Minuten. Entdecker sollten mindestens das Doppelte einrechnen. Hin- und Rückweg sind gleich. Die umgekehrte Blickrichtung ist nicht weniger lohnend. Und wer es eher sportlich halten und sich nicht mit Entdeckungen aufhalten möchte: Vom Mirador de Chío über die Narices del Teide gelangt man in einer anspruchsvollen, empfehlenswerten Tagestour ebenfalls wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Der Rand der Caldera, wie man den durch Erdrutsche und Einbrüche entstandenen Krater nennt, ist hier durch den Wechsel zwischen vorspringenden, jäh aufragenden Kliffs und dazwischen bogenförmig zurückweichenden Steilhängen geprägt. Mit einiger Mühe könnten wir sie sicherlich ersteigen und den oberen Rand der Kette erreichen. Wir sollten uns besser an das Wegegebot halten, denn in dieser Gegend sind die Park-Ranger eher streng. Vor allem die Kliffs, aber auch die dazwischen liegenden weiter entfernten Felsen sind deutlich strukturiert: Klüfte, Bänder und vor allem zahlreiche kleine Höhlen bestimmen ihr Aussehen. Tagsüber, während wir unterhalb von ihnen vorbeiwandern, entdecken wir dort selten etwas. In hellen Vollmondnächten aber könnten wir ihre Bewohner erleben. Vier bis fünf Fledermausarten schlafen dort tagsüber. Meistens teilen sich aber nur einige wenige Exemplare eine Höhle, sodass man sie anders als in Europa, wo sich Tausende von ihnen unter der gleichen Höhlendecke sammeln, nicht so leicht entdecken kann. Hier im Nationalpark bewohnen sie sozusagen lauter Einfamilienhäuser anstelle von Wohnblocks.

Manche Felsenhöhlen entdecken wir mitten in Steilwänden. Ein paar kleinere von ihnen sind an ihrem unteren Rand deutlich weiß gefärbt. Ein sicherer Hinweis auf die Anwesenheit kanarischer Turmfalken, Cernícalo genannt. Wie ihre europäischen Verwandten können sie in der Luft an einer Stelle mit schnellem Flügelschlag stehen (rütteln) und nach Beute suchen. „Rütteln“ oder „in der Luft stehen“ heißt auf Spanisch „cernerse“, und „Cernícalo“ bedeutet also nichts anderes als „Rüttelfalke“. Bei dieser Art zu jagen können wir sie mit etwas Glück auch direkt in kurzer Entfernung beobachten.

Sie bauen keine Nester. Ihre Weibchen legen die Eier direkt auf den Boden einer möglichst geschützten, für räuberische Säugetiere unerreichbaren Höhle und brüten dort auch. Bis die Brut nicht mehr vom Weibchen gewärmt werden muss, verlässt dieses den Brutplatz nicht und wird vom Männchen mit Nahrung versorgt. Seine Ausscheidungen und auch die der Jungen gehen einfach über die Felskante nach unten, bleiben hängen und erzeugen nach und nach den weißen Kotstreifen, den wir bemerken. Auch beliebte Aussichtspunkte in der Nähe des Brutplatzes sind so gekennzeichnet, weil die Vögel aufgrund ihres schnellen Stoffwechsels häufig etwas ausscheiden. So reduzieren sie ihr Fluggewicht, sparen Kraft beim Fliegen und benötigen weniger Nahrung. Hier oben erbeuten sie vor allem größere Insekten, aber ab und zu auch mal eine Eidechse. Diese wiederum sind hier dunkler gefärbt als ihre Artgenossen in tieferen Lagen, deshalb auf dunklem Untergrund schlechter aus der Luft zu erkennen und dadurch etwas geschützter. 

Einen besonders auffälligen Kotstreifen finden wir hoch oben am Roque de Chabao. Bei genauerem Hinsehen entgehen uns auch nicht die anderen Streifen auf der Felswand. Schwer vorstellbar, dass das alles von Falken stammen soll. Weit unterhalb des auffälligsten Streifens findet sich in einer Höhle die Antwort, wer hier lebte. Dort liegen deutlich erkennbar weiß bekotete Äste, die kein Falke hätte tragen können. Bis vor wenigen Jahrzehnten brüteten hier kanarische, deutlich größere Schmutzgeier. Im Gegensatz zu den revierbildenden Falken lebten sie gesellig. Größere Tiere in größerer Anzahl produzieren einfach größere Kotstreifen. Mehr als drei Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden aus der Region sind ihre markanten Spuren deutlich. Während die Falken vorwiegend als Jäger leben, ernährten sie sich überwiegend von Aas. Ihre Vorfahren waren im Gefolge der ersten guanchischen Siedler und ihrer Haustiere auf die Insel gelangt. Vorher gab es hier zu wenig Nahrung für sie. Generationen von Geiern fanden seitdem überall auf der Insel in den Kadavern verstorbener Ziegen, Hunde und Schweine reichlich Nahrung. Mit der Gründung des Nationalparks und dem Verbot des Wanderhirtenwesens versiegte diese Nahrungsquelle, und die Geier verschwanden aus den Ökosystemen der Insel. Ihre Nachkommen leben heute wahrscheinlich auf Fuerteventura und Lanzarote zusammen mit ihren dortigen Artgenossen.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

mico@tenerife-on-top.de

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